Interview
Gespräche mit Akteuren und Fachleuten zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung.
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Julius Grund
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im UNESCO-Weltaktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“

„Wir müssen das Dilemma zwischen großem Änderungswillen und mangelndem Vertrauen lösen.“

Seit 2015 führt das Projektteam des Instituts Futur das nationale Monitoring von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) durch. Unter der Leitung des wissenschaftlichen Beraters des UNESCO-Weltaktionsprogramms BNE in Deutschland, Prof. Dr. Gerhard de Haan, untersucht das Projektteam des Instituts Futur an der Freien Universität Berlin, wie gut BNE bereits in den unterschiedlichen Bildungsbereichen verankert ist.

 

Julius Grund ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im UNESCO-Weltaktionsprogramm BNE. Mit der Deutschen UNESCO-Kommission spricht er über die Ergebnisse des Monitorings und darüber, was sich daraus für das neue Programm "ESD for 2030" ableiten lässt.

Was genau bedeutet Monitoring und was ist das Ziel?
Ein Bildungsmonitoring erfasst und analysiert Daten im Kontext des Bildungssystems. Als Projektteam „Wissenschaftliche Beratung und nationales Monitoring zu Bildung für nachhaltige Entwicklung“ verfolgen wir mit dem Monitoring das Ziel, Politik und Öffentlichkeit über Rahmenbedingungen, Verlaufsmerkmale und Ergebnisse von Bildungsprozessen im Kontext von BNE zu informieren.
BNE-Monitoring

Ziel ist es, die BNE-Verankerung in Deutschland und die Umsetzung des UNESCO-Weltaktionsprogramms BNE sowie des Nationalen Aktionsplans (NAP) differenziert zu erfassen

Was genau wird im Rahmen des Monitorings analysiert?
Das nationale BNE-Monitoring untersucht, in welchem Umfang und in welcher Qualität BNE bereits in die verschiedenen Bildungsbereiche Eingang gefunden hat. Dies betrifft vor allem zwei Ebenen: auf der Ebene des „Inputs“ überprüfen wir anhand wichtiger Dokumente, wie das Konzept bereits in Bildungspläne oder Ausbildungsverordnungen aufgenommen wurde.
Außerdem analysieren wir die Ebene des „Outputs“ von Bildungsprozessen: Wieviel wissen, was denken und wie handeln die Adressatinnen und Adressaten in Bezug auf Nachhaltigkeit? Ausgehend vom lebenslangen Lernen werden dabei alle Bildungsbereiche, Frühkindliche Bildung, Schule, Berufliche Bildung, Hochschule, Außerschulisches und non-formales Lernen sowie Bildung in Kommunen, gesondert, aber auch in Verbindung miteinander und über mehrere Jahre hinweg betrachtet. Dabei geht es uns darum, so genannte Hebelpunkte zu identifizieren, die wirksam dazu beitragen können, BNE zu verbreiten. Die gesammelten Erkenntnisse dienen dazu, politisch Handelnde zu informieren, Fachbeiträge zum Wissenschaftsdiskurs zu liefern und nicht zuletzt einen praktischen Mehrwert für die Bildungspraxis zu bieten.
Executive Summaries

fassen die Ergebnisse des Monitorings zusammen

Welche Unterschiede lassen sich anhand der Ergebnisse für die einzelnen Bildungsbereiche ausmachen?
Durch Erhebungen in den formalen Bildungsbereichen konnten wir eine breite positive Grundhaltung gegenüber BNE nachweisen. Es hat sich gezeigt, dass sich sowohl Bildungspraktikerinnen und -praktiker als auch die Adressaten von Bildung, etwa Schülerinnen und Schüler, wesentlich mehr BNE wünschen. Das wichtige internationale politische Ziel eines BNE-Mainstreamings erfährt damit eine hohe Zustimmung und Legitimation. Das ist eine essentielle Voraussetzung für ein erfolgreiches Folgeprogramm.

Mit Blick auf die Entwicklung von BNE in den vergangenen Jahren kann von sehr verschiedenen Dynamiken in den Bildungsbereichen – also unterschiedlichen Pfaden der Transformation – ausgegangen werden. Für die formalen Bildungsbereiche Schule, berufliche Bildung, Hochschule erscheint es aufgrund ihrer starken Institutionalisierung und hierarchischen Organisation im Vergleich zum non-formalen Bildungsbereich herausfordernder, BNE aufzugreifen. Lehrkräfte nennen häufig die geringe Verankerung in Lehrplänen und den Mangel an Fortbildungen und eigenem Wissen als Hürden für mehr BNE im Unterricht. Diese Hürden sollten durch das Folgeprogramm stärker abgebaut werden.

Die weniger formalisierten Bildungsbereiche hingegen können BNE quasi „nebenbei“ aufgreifen, beispielsweise in der frühkindlichen Bildung. Oder sie können sie mit aktuell laufenden Nachhaltigkeitsaktivitäten zusammenbringen, etwa mit BNE in der Kommune. Besonders der zivilgesellschaftlich organisierte non-formale Bildungsbereich hat die Entwicklung von BNE-Angeboten stark geprägt. Gleichzeitig stellen wir fest, dass dieser Bildungsbereich durch die zunehmenden institutionalisierten Kooperationen zwischen Schulen und non-formalen Bildungsträgern seine Rolle verändert: Von einem Agenda-Setter entwickelt er sich zu einem verlässlichen Kooperationspartner.
Prof. Dr. Gerhard de Haan im Interview

über die Umsetzung von BNE in Deutschland und über entscheidende Hebelpunkte, die BNE in der deutschen Bildungslandschaft verankern

2020 soll das neue UNESCO-Programm zu BNE „ESD for 2030“ starten. Was kann aus den Ergebnissen des Monitorings für die Umsetzung des neuen Programms abgeleitet werden?
Für das neue UNESCO-Programm „ESD for 2030“ und die zukünftige Arbeit der Change Agents in den jeweiligen Bildungsbereichen können diese Ergebnisse einen Anlass bieten, über die systemischen Bedingungen und strukturellen Barrieren zur weiteren Verankerung von BNE zu reflektieren. Vor dem Hintergrund eines tieferen Verständnisses der Dynamiken, Regeln und Zielstellungen der jeweiligen Bildungsbereiche können so wirksame Hebelpunkte und strukturelle Veränderungen zur Transformation entwickelt werden.

Weiterhin hat das Monitoring gezeigt, dass sich ein Großteil der Menschen ausdrücklich wünscht, dass sich die Gesellschaft stärker in Richtung Nachhaltigkeit entwickelt. Gleichzeitig wird diese Entwicklung jedoch für sehr unwahrscheinlich gehalten. Hierin zeigt sich ein Mangel an Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Wandel. Dieser Mangel wiederum wirkt sich negativ auf die Motivation zur eigenen Mitgestaltung aus. Eine erfolgreiche BNE-Umsetzung bis 2030 muss sich also daran messen lassen, wie sie dieses große Dilemma produktiv löst: Viele Menschen verschiedener Altersstufen bringen bereits viel notwendiges Wissen, Einstellungen und Einsatzbereitschaft für mehr Nachhaltigkeit mit, aber gleichzeitig mangelt es an Vertrauen darin, dass wirklich alle an dieser großen kollektiven Anstrengung mitwirken.
Wie können wir dieses Dilemma lösen?
Es muss ein Kernbestandteil von BNE sein, nicht nur Wissen über globale Herausforderungen zu vermitteln, sondern Lösungsmöglichkeiten zu bieten, die der Problemgröße entsprechen und die gegenseitiges Vertrauen und kollektives Handeln fördern. Wenn es im Rahmen von Bildungsveranstaltungen gelingt, beides zu befördern, kann gerade der Schwerpunkt „transformative action“ des Folgeprogramms besonderes Potential entfalten. Für das Programm „ESD for 2030“ in Deutschland können die Monitoring-Ergebnisse darauf verweisen, dass sich der Fokus verschiebt von weniger Quantität zu mehr Qualität: weg von bloßen Fragen nach Bekanntheit und Verbreitungsgrad von BNE hin zu den verschiedenen Möglichkeiten der Umsetzung. BNE sollte im Kern zur Befähigung beitragen. Einerseits sollen die klassischen BNE-Adressatinnen und -Adressaten in den Bildungseinrichtungen Lernerfahrungen hinsichtlich wirksamer Beteiligung, der Kultivierung von kritischer Hoffnung und transformativen Handlungen machen. Andererseits ist aber auch die Befähigung derjenigen Akteure zentral, die BNE umsetzen und fördern, etwa in den Bereichen Verwaltung, Politik und Wissenschaft, und damit zu strukturellen Veränderungen und zur Transformation des Bildungssystems einen entscheidenden Beitrag leisten.
Höhepunkte des Weltaktions­programms BNE 2015 bis 2019