Interview
Gespräche mit Akteuren und Fachleuten zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung.
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René Danz
Projektleiter Orientierungsrahmen in der Abteilung Schulische Bildung bei Engagement Global, Koordination und Redaktion des Diskussionspapiers sowie des sich daran anschließenden Diskussionsprozesses

„Digitalisierung ist keine Naturgewalt“

René Danz sprach mit der Deutschen UNESCO-Kommission über das im Sommer veröffentlichte Diskussionspapier zu Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und Digitalisierung und über BNE und Digitalisierung in der Schule.

Ende des Sommers hat Engagement Global das Diskussionspapier „Orientierung gefragt – BNE in einer digitalen Welt“ veröffentlicht. Darin geht es um die wechselseitige Ergänzung von Bildung für Nachhaltige Entwicklung und Digitaler Bildung im Bereich Schule. Wie ist es zu diesem Papier gekommen?
Der Impuls zu diesem Diskussionspapier kam von der Fachtagung der Kultusministerkonferenz und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zum Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung Ende 2017. Eines der Themen war Digitalisierung und BNE und es sind Fragen aufgekommen wie: Was haben Digitalisierung und BNE miteinander zu tun? Können sich die Konzepte wechselseitig ergänzen? Und wenn ja, in welcher Form? Dabei ist klar geworden, dass das Potential, sich gegenseitig positiv zu beeinflussen, sehr groß ist.
Was waren konkrete Fragen, die sich im Hinblick auf Bildung für Nachhaltige Entwicklung und Digitalisierung ergeben haben?
Auf der einen Seite haben wir uns gefragt, wie zum Beispiel digitale Medien in Schule und Unterricht das Thema BNE transportieren können. Ob sie das Thema vielleicht greifbarer machen und Schülerinnen und Schüler durch digitale Werkzeuge unmittelbarer an der Gestaltung globaler Entwicklungen beteiligen können. Auf der anderen Seite kam durch die vielen Diskurse, die zum Thema Digitalisierung an der Schule kursieren, die Frage auf: Wozu soll eigentlich Digitalisierung dienen? Das ist eine Frage, die auch für Prozesse, wie etwa die Strategie der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“, bedeutsam ist. Wir glauben, dass die Bildung für nachhaltige Entwicklung mit ihrer Ausrichtung an der Agenda 2030 und den Sustainable Development Goals eine mögliche Antwort auf diese Frage sein könnte. Dabei könnte sich beides an der Schule wechselseitig positiv beeinflussen.
Bei der Publikation handelt es sich um ein Diskussionspapier. Was bedeutet das?
In dem Impulspapier „Digitalisierung: Worüber wir jetzt reden müssen“ des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, kurz WBGU, wird deutlich herausgestellt, dass Digitalisierung keine Naturgewalt ist, sondern von Menschen gestaltet werden. Wir hoffen, mit unserem Diskussionspapier für den Bereich schulische Bildung diesen Prozess unterstützen zu können. Es gibt in der Bildung zu den Herausforderungen der Digitalisierung – ihren Chancen und Risiken – eine Verunsicherung und Gesprächsbedarf. Wir möchten durch eine grundlegende und offene Diskussion dazu beitragen, dass viele sich mit den Chancen und Risiken auseinandersetzen und Nachhaltigkeit dafür als Orientierungsrahmen wählen. Die Entscheidungen dazu werden weitreichende Auswirkungen auf Lehrpläne, Lernziele, Lernformen, Unterrichtsmaterialien und auf die Lehrerinnen- und Lehrerbildung haben.
Was ist die Stärke des Diskussionspapiers?
Viele Akteurinnen und Akteure haben am Papier mitgearbeitet. Die Hoffnung ist, dass die Dynamik der Digitalisierung im Bereich von Schule konsequent mit einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung verbunden wird. Die Frage nach der wechselseitigen Ergänzung von BNE und Digitaler Bildung wird damit zu einer Frage der Lernziele und Lernformen. Wir hoffen, dass die aufgeworfenen Fragen und beschriebenen Impulse von Politik und Wissenschaft und in der Zivilgesellschaft aufgegriffen werden und rufen dazu auf, diesen Prozess mit uns gemeinsam anzugehen. Kommentare, Ergänzungen, Fragen, Vorschläge zu Umsetzungsmöglichkeiten sind sehr willkommen.
Was ist seit der Veröffentlichung des Diskussionspapiers Ende Juli geschehen?
Das Thema stößt auf großes Interesse. Das zeigte sich zum einen durch Anfragen für Vorträge und Workshops. So wurde das Papier beispielsweise auf der letzten Bund-und-Länder-AG Entwicklungspolitische Informations- und Bildungsarbeit vorgestellt oder im Rahmen der Jahrestagung des Netzwerks Orientierungsrahmen Globale Entwicklung in der Lehrkräfte(fort-)bildung. Zum anderen erhielten wir zahlreiche schriftliche Rückmeldungen, die wir zurzeit sammeln und zeitnah auf unserer Webseite zur Verfügung stellen werden.

Auch im internationalen Kontext ist die Resonanz groß. Anfang Juli fand in Braunschweig ein internationaler Roundtable statt. Engagement Global organisierte diesen Roundtable gemeinsam mit dem indischen UNESCO Institut MGIEP, um mit Verlagen, wissenschaftlichen Instituten, zivilgesellschaftlichen Akteuren und einer Vielzahl anderer Stakeholder die Möglichkeiten der Verwendung digitaler Technologie im Bereich BNE zu diskutieren. Das Diskussionspapier bot hierzu eine ideale Grundlage. Nächster Schritt ist die Vorstellung des Papiers auf der Tech 18 in Indien, Transforming Education Conference for Humanity, sowie die Umsetzung eines Global Literature Review zum Thema Digital Textbooks für Nachhaltige Entwicklung.
Wie geht es weiter?
Auch auf der 9. Fachtagung zum Orientierungsrahmen, am 6.–7. Dezember 2018 in Köln, werden wir das Thema wieder aufnehmen. So wird zum Beispiel die im Diskussionspapier aufgeworfene Leitfrage, wie Unterricht gestaltet werden sollte, um Schülerinnen und Schüler zu befähigen, an der Lösung globaler Herausforderungen in einer digitalen Welt mitzuwirken, durch den Vortrag von Professor Kersten Reich aufgegriffen. Wir versprechen uns gerade für den Umsetzungsprozess des Orientierungsrahmens Impulse, unter anderem bei der Erstellung von Lern- und Lehrmaterialien oder in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung. Wir selbst haben durch das Diskussionspapier zahlreiche Anregungen erhalten, zum Beispiel die Entwicklung eines digitalen Unterrichtsmaterials zum Thema SDG für die Mathematik oder die Angebote für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in der Lehrerfortbildung zum Thema Open Educational Resources, kurz OER, und BNE, die noch in diesem Jahr an zwei Lehrerfortbildungsinstituten durchgeführt werden.

Auch in nahezu allen Workshops der diesjährigen Fachtagung werden die im Diskussionspapier angestoßenen Fragen ein Thema sein. Durch das von Engagement Global koordinierte Netzwerk der Landeskoordinatorinnen und Landeskoordinatoren werden die Impulse für die Entwicklung neuer Konzepte in die Bundesländer zurückgespielt. Engagement Global unterstützt darüber hinaus Projekte der Bundesländer, die diese Ziele verfolgen. Das Thema wird uns also weiter beschäftigen. Wir hoffen natürlich, dass die wechselseitige Ergänzung von BNE und Digitaler Bildung auch strukturell Berücksichtigung findet.