Interview
Gespräche mit Akteuren und Fachleuten zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung.
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Dr. Antje von Dewitz
Geschäftsführerin des Bergsportausstatters VAUDE und Mitglied der Nationalen Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung.

„Bildung für nachhaltige Entwicklung an den Schnittstellen mitdenken – das ist die Aufgabe von Unternehmen“

Als Geschäftsführerin des Familienunternehmens VAUDE setzt Dr. Antje von Dewitz in allen Unternehmensbereichen auf Nachhaltigkeit. Mit der Deutschen UNESCO-Kommission sprach sie über ihre Erfahrungen auf diesem Weg und über das Verhältnis von BNE und Wirtschaft.

Dieses Interview dauert 10 Minuten
Seit Sie das Unternehmen 2009 übernommen haben, haben Sie in allen Unternehmensbereichen auf Nachhaltigkeit gesetzt. Warum?
Als Tochter eines Unternehmers bin ich in einem kleinen schwäbischen Dorf aufgewachsen. Zu dieser Zeit war in dieser ländlichen Gegend das Misstrauen gegenüber Unternehmen relativ groß – erst recht, wenn sie in Asien produzierten. Das hat den Wunsch nach Transparenz und nach einem guten, nachhaltig agierenden Unternehmen in mir sehr stark werden lassen.

Neben meinem Vater habe ich eine sehr nachhaltigkeitsbewegte Mutter, die schon immer systemkritisch war. So haben wir oft am Abendbrottisch intensiv darüber diskutiert, in was für einem System wir eigentlich leben und wie gutes Wirtschaften aussieht. Außerdem hatte ich eine tolle Lehrerin, die sehr systemorientiert über die Zusammenhänge in der Welt berichtet hat.

Als ich dann beschlossen hatte, das Unternehmen zu übernehmen und dies mit meinem Vater besprochen hatte, war für mich schon klar: Ich möchte ein Unternehmen, in dem alles transparent ist und zwar überall auf der Welt, wo wir produzieren.
Ihr Ziel ist es, fair und umweltfreundlich zu agieren und gleichzeitig den Erfolg des Unternehmens zu fördern. Wie gut lassen sich diese beiden Ziele miteinander vereinbaren?
Extrem schwer. Denn in dem Wirtschaftssystem, in dem wir uns bewegen, sind nachhaltig agierende Unternehmen benachteiligt. Für sie ist der Aufwand extrem hoch, die Zielkonflikte und die Komplexität sind riesig. Umweltfreundliche Materialien etwa sind wesentlich teurer. Wenn man sich für faire Arbeitsbedingungen weltweit einsetzt, bedeutet das einen größeren Aufwand und ist kostenintensiv. Da ökologische und soziale Verantwortung gesetzlich nicht gefordert wird, stehen wir als nachhaltig agierendes Unternehmen im direkten Wettbewerb mit solchen, die sich nicht darum kümmern. Diese Unternehmen können Preise anbieten, die weit unter unseren liegen. Oder sie streichen viel höhere Margen ein und können damit deutlich mehr Geld für Marketing und Kommunikation ausgeben.

Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite zeigt, dass wir durch unseren Weg neue Zielgruppen gewinnen und stetig neue Kundinnen und Kunden auf uns aufmerksam machen. Es kommt uns entgegen, dass immer mehr Menschen weltweit bewusst und mit gutem Gewissen konsumieren möchten. Das entspricht unserer Ausrichtung und wir haben es geschafft, eine Marke des Vertrauens für diesen Kundenkreis zu werden. Es ist also die Mischung aus beidem.
Sie gehen diesen Weg seit etwa zehn Jahren. Haben Sie mittlerweile ein Level erreicht, auf dem es leichter wird?
Die ersten fünf Jahre hat uns die Komplexität dieses Vorhabens mit dem damit verbundenen Aufwand, den Kosten und den Zielkonflikten sehr gefordert. Zunächst mussten wir intern die erforderlichen Kompetenzen aufbauen und viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schulen. Durch all diese Maßnahmen war unsere Innovationskraft in anderen Bereichen eingeschränkt. Denn zunächst hieß es vor allem Hausaufgaben machen und auf einen guten Stand kommen, was etwa Schadstoffe und Arbeitsbedingungen angeht.

Heute sind wir einen großen Schritt weiter und erschließen Themen, die unserer Marke ihre Einzigartigkeit und Innovationskraft geben. Es ist leichter geworden, unter anderem weil wir als Familienunternehmen ein begehrter Entwicklungspartner und Arbeitgeber sind. Als Innovationspartner von vielen Universitäten und Materialherstellern haben wir ganz neue und innovative Materiallösungen entwickeln können, wie beispielsweise ein neuartiges Holzfaser-Fleece, das kein Mikroplastik in den Meeren freisetzt. Das sind die Themen, die uns Spaß machen und uns eine enorme Innovationskraft verleihen.
Woran erkennen der Käufer und die Käuferin ganz konkret, dass Sie nachhaltige Entwicklung im Leitbild verankert haben?
Im Laden erkennen die Käuferinnen und Käufer nachhaltige Produkte an unserem Green Shape-Label. Wir zeichnen unsere grünen Produkte, die nach den höchsten Standards fair und ökologisch hergestellt werden, mit diesem Label aus. So können die Kunden diese Produkte leicht erkennen und sich darüber informieren, welche Green Shape-Kriterien sie erfüllen. Online kann man dann weiterlesen, was alles dahinter steht.

Im Fachhandel gestalten wir Green Shape-Flächen oder Nachhaltigkeitsflächen, denn in den vergangenen Jahren haben immer mehr Händlerinnen und Händler das Thema erkannt und wollen sich darüber positionieren. Außerdem bieten wir viermal im Jahr den sogenannten Green Shape Campus an, bei dem wir jeweils 40 bis 50 Händler zwei Tage zum Thema Nachhaltigkeit schulen. Die Verkäufer haben so die Möglichkeit, Kompetenz aufzubauen und die Kundinnen und Kunden im Laden gut zu beraten und über Hintergründe und Lösungsansätze zu informieren. Etwa darüber, welcher Standard was beinhaltet und mit welchen Herausforderungen wir es beim Thema Nachhaltigkeit zu tun haben.
Ist das Interesse an nachhaltiger Kleidung seitens der Kunden im Laufe der vergangenen zehn Jahre gestiegen?
Definitiv. Das erleichtert es uns auch, eben diesen Weg zu gehen. Durch die Digitalisierung sind das Hintergrundwissen und die Transparenz über die Herausforderungen und über mögliche Lösungen größer geworden. Als Unternehmen kann man sich mittlerweile einfach „schwerer verstecken“. Auch unsere Händler berichten, dass die Kunden mehr nachfragen – nach Green Shape beispielsweise, weil sie darin ein eine Lösung sehen.
Sie beschreiben Nachhaltigkeit als Startpunkt und als Unternehmensstrategie von VAUDE. Was waren die größten Herausforderungen bei der Umstellung auf ein nachhaltiges Konzept und wie sind Sie diesen begegnet?
Am Anfang gab es durchaus auch eine interne Skepsis gegenüber diesem Weg. Das war eine der ersten Hürden, die wir nehmen mussten. So haben wir viel dafür getan, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter davon zu überzeugen, dass dies ein Weg ist, den es sich zu gehen lohnt. Es ist eine Art Pionierweg, denn wir mussten jeden Schritt neu definieren und uns fortbilden:

Wie schaffen wir es, 150 Produktionspartner weltweit davon zu überzeugen, sich zertifizieren und auditieren (Anm.d.Red. Ein Audit ist eine Bewertung eines Unternehmens anhand bestimmter Kriterien bzw. Standards) zu lassen? Wie finden wir heraus, welche Vorlieferanten unsere Partner haben und wie können wir innerhalb dieser langen Kette Nachhaltigkeit garantieren? Wie schaffe ich es, dadurch entstandene Mehrkosten zu integrieren? Wie finde ich neue, umweltfreundliche Lösungen?

Es gibt also sehr viele Herausforderungen, von denen wir oftmals dachten, „Das geht ja gar nicht“. Um diese zu bewältigen haben wir eine Unternehmenskultur entwickelt, in der viele Leute hierarchieübergreifend an Lösungen feilen und dabei ihre ganze Kreativität und Leidenschaft in die jeweiligen Projekte geben, um gemeinsam neue Wege zu erschließen. Darum war es gerade am Anfang extrem wichtig, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dafür zu gewinnen. Das gelingt nur durch Bildung für nachhaltige Entwicklung und eine kontinuierliche Einbindung in den Veränderungsprozess.
Eine neue Unternehmenskultur spielt also eine wichtige Rolle bei diesem Thema?
Ja, das halte ich für einen wichtigen Punkt. Denn die klassische, rein hierarchisch organisierte Unternehmenskultur passt nicht zu dem Thema Nachhaltigkeit. Die Herausforderungen sind so komplex, dass man als Unternehmen bereichsübergreifend Menschen finden muss, die gemeinsam eine Lösung erarbeiten – ob sie nun Führungskraft sind oder nicht. Relevant ist dabei vor allem, ob sie Expertin oder Experte sind oder für das Thema brennen.

Als Voraussetzung dafür braucht man eine Kultur auf Augenhöhe, daran arbeiten wir seit zehn Jahren intensiv. Das bedeutet zugleich, dass unsere Strukturen im kontinuierlichen Wandel begriffen sind. Dabei bewegen sie sich immer in die gleiche Richtung, in der Führungskräfte eher Rahmengeber sind und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf Augenhöhe begegnen. Zudem gehört Familienfreundlichkeit für uns als Arbeitgeber zu dem großen Thema Nachhaltigkeit definitiv dazu.
VAUDE lässt viele Produkte außerhalb Europas produzieren. Wie können Sie sicherstellen, dass Nachhaltigkeit und faire Arbeitsbedingungen hier immer gesichert sind? Spielt auch Bildung dabei eine Rolle?
Bildung spielt dabei eine große Rolle. Wir sind Mitglied der Fair Wear Foundation, einer unabhängigen Organisation, die sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie weltweit einsetzt. Die Fair Wear Foundation führt in beinahe jedem auditierten Betrieb Schulungen vor Ort für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch. Zum Beispiel zum Thema Arbeitssicherheit oder zu ihren Rechten als Arbeitsnehmerinnen und Arbeitnehmer, um erst mal ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was diese Rechte umfassen. Denn unser Ziel ist es, sie stark zu machen, damit sie für ihre eignen Rechte selbst eintreten können.

Außerdem findet eine Kommunikationsschulung zwischen Management und Mitarbeitenden statt. Wir möchten sie dabei unterstützen, aus der traditionellen Situation herauszukommen, in der das Management Befehle gibt und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich ducken. Es geht darum, neue Wege zu finden miteinander zu kommunizieren. Denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen ihre Rechte intern auch kommunikativ in Anspruch nehmen.

Zudem machen wir mit unseren Materiallieferanten und den Produzenten eigene Empowerment-Programme. Wir schulen sie zu den Themen Sozialstandards, Chemikalienmanagement, Schadstoffmanagement und Energieeffizienz. Ein großer Schwerpunkt sind also Schulungsprogramme, andererseits arbeiten wir viel mit Best-Practice-Beispielen, Networking und Vor-Ort-Besuchen sowie Begehungen bei unseren Produzenten und Lieferanten. Alles nach dem Prinzip: Lernen von den Besten, lernen voneinander und lernen von Experten.

Dieses Vorgehen kommt sehr gut an. Denn oftmals machen die asiatischen Produzenten und Materiallieferanten die Erfahrung, dass die westeuropäischen Marken ihnen sagen, was sie zu tun haben. Stattdessen verfolgen wir einen Ansatz auf Augenhöhe, bei dem neben dem Weg auch die Sinnhaftigkeit vermittelt wird. Es geht dabei immer um das System: Wie bauen wir es auf und wie schaffen und gestalten wir Verantwortlichkeiten und Prozesse? Wie können wir es verbessern und vor allem, was bringt es allen Beteiligten?
Als Mitglied der Nationalen Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung waren Sie an der Verabschiedung des gleichnamigen Nationalen Aktionsplans (NAP) beteiligt. Wie wichtig sind Unternehmen für die Umsetzung des NAP?
Der Grund, weshalb ich damals in ein Unternehmen gegangen bin und nicht in eine Nichtregierungsorganisation oder in die Medien, war die Erkenntnis, dass es so viele konkrete Gestaltungsmöglichkeiten als Unternehmerin gibt aufgrund der vielen Schnittstellen in die Gesellschaft – ob als Arbeitgeberin, Auftraggeberin in globalen Lieferketten, am Produkt, gegenüber dem Fachhandel, gegenüber den Kundinnen und Kunden. Das fand ich beeindruckend und darin besteht für mich auch heute noch ein großer Reiz. Aber zugleich sehe ich es auch als eine Aufgabe und als die Verantwortung von Unternehmen, Bildung für nachhaltige Entwicklung an genau diesen Schnittstellen mitzudenken. Wir bauen im Moment eine Nachhaltigkeitsakademie auf. Damit möchten wir das, was wir im Aufbau und in der Transformation des Unternehmens über Nachhaltigkeit gelernt haben, weitergeben.
Sie setzen sich neben Umwelt- und Klimaschutz auch für die Integration von Geflüchteten ein. Sehen Sie es als eine Aufgabe von Unternehmen, zu solchen gesellschaftlichen Fragen eine Position zu beziehen? Inwiefern spielt BNE eine Rolle bei der Integration von Geflüchteten bei VAUDE?
Ich finde, dass Unternehmen in diesen Zeiten eine ganz deutliche Haltung zeigen müssen, um die Grundwerte unserer Verfassung und unserer Demokratie wirklich zu vertreten. Um Rassismus entgegenzutreten. Um für eine Einigkeit der Gesellschaft zu werben. Und um so große Herausforderungen, wie die Integration vieler flüchtender Menschen in unsere Gesellschaft, zu meistern. Gerade in einer Zeit, in der so viel Misstrauen gegenüber System und Politik besteht, ist jede Stimme wichtig. Meiner Meinung nach sind die Wirtschaftsunternehmen hier gefragt und ich finde es sehr wichtig, dass sie sich klar positionieren. Wirtschaftsunternehmen oder Arbeitgeber überhaupt haben schon ein Ansehen bei ihren Mitarbeitern und das sollte genutzt werden im Sinne unserer Demokratie und im Sinne unserer Verfassung.

Wir haben zwölf Geflüchtete bei VAUDE integriert, wobei Bildung für nachhaltige Entwicklung eine große Rolle spielt. Wir wollten diesen Prozess gut begleiten, denn in diesem Zusammenhang sind auch Misstrauen und Angst oder Besorgnis darüber entstanden, dass wir so viele vermeintlich Fremde hier bei uns integrieren. Seither machen wir viel im Bereich Diversity und Hintergrundschulungen. Dazu gehören etwa Schulungen und Programme für die Führungskräfte, um selbst erarbeiten zu lassen, was den Wert von Vielfalt ausmacht und was Vielfalt überhaupt ist. Wie drückt sich Vielfalt aus und warum ist es so wertvoll, dass wir so viele verschiedene Menschen tatsächlich bei uns haben? Dabei integrieren wir einerseits die Geschichten der Geflüchteten und andererseits als Entwicklungsduos die Geschichten von älteren sowie jüngeren Mitarbeitern. Auf diese Weise können wir viele Aspekte von Vielfalt thematisieren.
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