Interview
Gespräche mit Akteuren und Fachleuten zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung.
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Prof. Dr. Gerhard de Haan
Wissenschaftlicher Berater des Weltaktionsprogramms Bildung für nachhaltige Entwicklung und Leiter des Instituts Futur an der Freien Universität Berlin

„BNE ist vor allem eine Haltungsfrage“

Prof. Dr. Gerhard de Haan sprach mit der Deutschen UNESCO-Kommission über die Umsetzung von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in Deutschland und über entscheidende Hebelpunkte, die BNE in der deutschen Bildungslandschaft verankern.

Als wissenschaftlicher Berater des Weltaktionsprogramms ermitteln Sie und Ihr Team in einem Monitoring-Verfahren das Ausmaß und die Qualität der BNE-Aktivitäten in allen Bildungsbereichen. Wie bekannt ist Bildung für nachhaltige Entwicklung mittlerweile in Deutschland?
Das ist nicht ganz leicht zu beantworten. Konkret zu BNE liegen uns ein paar Daten bezogen auf Lehrkräfte und junge Menschen zwischen 14 und 24 Jahren vor. Unsere quantitative Studie zeigt, dass die befragten Lehrkräfte sich selber keine so guten Noten geben bezogen auf Kenntnisse in diesem Bereich. Ähnlich verhält es sich mit den befragten jungen Menschen, die sich wie die Lehrkräfte mit einer Drei benoten.

Auf die Frage, woher sie ihr Wissen haben, stehen an erster Stelle weder die berufliche Bildung noch die Schule oder Hochschule, sondern die Massenmedien. Das Thema BNE als solches ist folglich noch nicht sehr weit verbreitet. Fassen wir den Horizont jedoch etwas weiter, können wir feststellen, dass das Thema Nachhaltigkeit inzwischen einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht hat. Es gibt ein ausgeprägtes Problembewusstsein und ein starkes Verständnis davon, dass nachhaltige Entwicklung notwendig ist.
Konnten durch die Befragung der Experten zentrale Hebelpunkte für BNE im deutschen Bildungssystem identifiziert werden?
Gerade auf der institutionellen Ebene sollte das Thema stärker auf die Agenda gesetzt werden, um BNE eine höhere Bedeutung zu geben. Das ist ein wesentlicher Punkt, auf den uns viele Akteure hinweisen. Entscheidende Hebelpunkte sind natürlich auch die Aus- und Weiterbildung. Gerade in der Ausbildung von Lehrkräften, aber auch im Bereich der frühkindlichen Bildung passiert momentan noch zu wenig. Das gilt ebenso für die Einbindung von BNE in das Studium wie die Ausbildung der Ausbilderinnen und Ausbildern in der beruflichen Bildung.
Inwiefern werden im Nationalen Aktionsplan BNE solche Hebelpunkte bereits adressiert?
Im nationalen Aktionsplan werden diese Hebelpunkte bereits in ganz starkem Maße aufgegriffen. Aus den mit Experteninnen und Experten geführten Interviews geht hervor, dass es jedoch nicht nur um strukturelle Fragen geht. An vielen Stellen zeigt sich: Es ist vor allem eine Haltungsfrage, ob man sich für diese Sache engagieren möchte oder nicht. Das bestätigt auch die quantitative Studie, die wir im Rahmen des Monitorings durchgeführt haben. Oftmals sind es vor allem Einzelpersonen, die ein ganz spezifisches Engagement für diese Sache mitbringen. Was wir also brauchen, ist im Grunde so etwas wie eine Transformation der Haltung von Lehrkräften gegenüber dieser Thematik.

Doch wie kann der Habitus von Personen verändert werden? Wir versuchen es, indem wir andere Erzählungen formulieren und andere Narrative entwickeln, um die einzelnen Personen von dem Thema zu überzeugen. Das geht nicht nur über Vorgaben auf der strukturellen Ebene und über klassische Muster von Rationalität. Das Thema an sich muss die Menschen persönlich ansprechen, sozusagen emotionalisieren, und das ist in der Breite noch nicht der Fall. Das Bewusstsein für nachhaltige Entwicklung ist bereits an vielen Stellen da, nun muss das Individuum selbst noch stärker ins Handeln kommen.
Welche Ergebnisse stachen in den jeweiligen Bildungsbereichen hervor?
Im Bereich der frühkindlichen Bildung zeigen die Bildungspläne der KITAs etwa, dass es hier einen starken Aufschlag gibt, Bildung für nachhaltige Entwicklung zum Gegenstand zu machen. Unter den Erzieherinnen und Erziehern ist zudem das Verantwortungsbewusstsein für die Zukunft der Kinder sehr stark ausgeprägt.

Auch im schulischen Segment bewegt sich etwas: Neue Rahmenpläne sind beispielsweise stärker auf das Thema BNE bezogen. Die Verankerung von BNE tritt dennoch häufig hinter anderen Herausforderungen des Schulalltags zurück, wie etwa hinter Debatten um die Schulstrukturen oder hinter große Themen wie Inklusion oder Digitalisierung. Dabei würden die befragten Lehrkräfte BNE gerne stärker in ihren Unterricht integrieren, etwa mit einer Quote von 30 bis 40 Prozent der Unterrichtszeit, die heute bei Weitem nicht erreicht wird. Was also die Haltung zu BNE angeht, unterschieden sich Lehrkräfte sowie Erzieherinnen und Erzieher gar nicht so stark voneinander. Es sind vielmehr die Strukturen im Bereich Schule, die mehr Hürden mit sich zu bringen scheinen, BNE im Unterricht zu verankern, als das in der Kita der Fall ist.
Wie sieht es in der beruflichen Bildung aus?
Hier zeigen sich deutliche Probleme, was sicherlich zum Teil daran liegt, dass ein hoher Grad an Konsens zwischen den Arbeitgebern und den jeweiligen Bildungsinstitutionen erforderlich ist. Den gibt es noch nicht. Auch wenn das Interesse an der Thematik in diesem Bereich etwas geringer ist, sprechen sich die befragten Lehrkräfte ebenfalls dafür aus, ein Drittel der Unterrichtszeit BNE zu widmen. Auf der strukturellen Ebene ist die Verankerung allerdings noch nicht weit fortgeschritten. Hier arbeiten die Akteure noch viel stärker als in anderen auf der Projektebene.
Der außerschulische Bereich setzt sich traditionell stark für BNE ein. Welche Entwicklungen beobachten Sie hier?
Der außerschulische Bereich hatte in der Tat immer eine Art Vorreiterrolle und auch heute sind hier viele tragende Akteure vertreten. Ihre Position verändert sich gegenwärtig allerdings, seit BNE im schulischen Bereich auch strukturell weiter verankert wird. Die außerschulischen Akteure kommen stärker als bisher in die Rolle der Kooperierenden hinein. In diesem Zusammenhang entstehen viele Versuche, Bildungslandschaften zu etablieren, etwa im Zusammenhang mit der Ganztagsschule.

Viele dieser Akteure vor Ort sind jedoch in kleinen Organisationen verankert und diese sind nur bedingt in der Lage, regelmäßig und verbindlich im Ganztagsschulbereich ein Angebot offerieren zu können. Dazu müssen sie sich wiederum mit anderen Akteuren zusammenschließen. Hinzu kommt, dass sie oftmals schlecht bezahlt werden für die Arbeit, die sie leisten. In Zukunft sollte mehr Geld dafür in die Hand genommen werden, denn so wie jetzt kann es auf Dauer nicht funktionieren.
Kommen wir zu den Hochschulen. Wie wird BNE hier umgesetzt?
Im Hochschulsegment bemerken wir eine große Dynamik, die häufig von den Umwelt- oder Nachhaltigkeitsbeauftragten ausgeht. Die Universitäten versuchen in starkem Maße, in die Institution selber zu investieren, etwa in energetische Maßnahmen oder Forschungen auf diesem Gebiet. Was die Lehre betrifft, gibt es allerdings noch einige Schwierigkeiten.

Gerade aus der neueren Empirie und der qualitativen Studie, die wir im Rahmen des Monitorings durchgeführt haben, geht hervor, dass es innerhalb der zurückliegenden Jahre unter den jüngeren Lehrkräften interessanterweise fast gar keinen Kenntniszuwachs in Bezug auf BNE gibt. Das Thema wird in der Ausbildung der Lehrkräfte noch immer stark marginalisiert. Daran müssen wir in Zukunft etwas ändern! Dabei geht es nicht um eine einzelne Veranstaltung, sondern darum, dass BNE durchgängig zum Thema gemacht wird. Das bedeutet, viel stärker interdisziplinär und transdisziplinär anzusetzen.
Welche Rolle spielt die Jugend?
Die Jugend muss mit dieser Welt noch länger auskommen als die älteren Generationen, deshalb hat sie im Zusammenhang mit BNE eine besondere Bedeutung. Sie müssen schließlich die Welt gestalten, das können nicht wir für sie machen. Wir müssen ihnen jedoch die Möglichkeit geben, sie selber gestalten zu können und nicht nur reagieren zu müssen auf die Problemlagen, die die Erwachsenenwelt von heute erzeugt hat. Insofern ist Jugend ein zentraler Akteur und an vielen Stellen hat die Jugend auch ein erfrischend kreatives Potenzial. Jugendliche können oftmals mit wenigen Ressourcen viel bewegen und sind in der Lage, faszinierende Dinge zu entwickeln, neue Ideen zu generieren, diese zu lancieren und untereinander zu kommunizieren.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass Jugendliche die Erfahrung machen, dass Partizipation sich lohnt. Partizipation ist ein zentraler Hebel, der jedoch auch Grenzen hat: Vieles gesteht man Schülerinnen und Schülern im Schulalltag zu, nur eines nicht: mit zu entscheiden, welche Inhalte wichtig sind. Diesen Punkt halte ich gleichermaßen für bedeutsam und für eine Hürde. Partizipation heißt noch nicht, die Dinge zu entscheiden, sondern zunächst mitzureden und teilhaben zu können.

Es ist aber wichtig, die Möglichkeit zu erhalten, auch Entscheidung zu treffen. Gerade in Bildungslandschaften erleben wir häufig die Frustration einiger Akteure. Es wird viel partizipiert und plötzlich wird kommunal etwas entschieden. Wichtig ist dann die Frage, ob diejenigen, die entscheiden, dazu bereit sind, Vorschlägen der beteiligten Akteure zu folgen.
Auf welche Weise gehen Kommunen mit BNE um?
Viele Kommunen betreiben mithilfe von BNE erfolgreich regionale Entwicklung, denn nicht-nachhaltige Entwicklungen sind nicht zukunftsfähig. Insofern brauchen wir noch mehr qualifiziertes Personal, das in diesen Feldern arbeiten und BNE voranbringen kann. Diese Entwicklungen müssen wir über den Bildungsbereich stärker in Gang bringen. Dabei ist Nachhaltigkeit nicht nur ein kommunales, sondern auch ein globales Thema, das verschiedene Kulturen zusammenbringt.
Welche Bedeutung messen Sie der Globalen Nachhaltigkeitsagenda mit dem Ziel 4 einer hochwertigen und chancengerechten Bildung für die weitere Umsetzung von BNE in Deutschland bei?
Das Globale Nachhaltigkeitsziel 4 der hochwertigen Bildung hat seine Bedeutung in der letzten Zeit speziell über die Frage nach einem Indikator innerhalb der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie bekommen. Zu den entscheidenden Indikatoren für hochwertige Bildung gehören in Deutschland höhere Bildungsabschlüsse von möglichst vielen jungen Menschen. Das ist in Deutschland gegeben, insofern liegt die Schlussfolgerung nahe, Deutschland decke die Vorgaben des Ziels 4 gut ab. Doch das stimmt nur bedingt, denn das Ziel 4 umfasst noch weitere Aspekte.

Erstens die gleiche Beteiligung der Geschlechter am Bildungsprozess. Doch etwa 56 Prozent Mädchen eines Jahrgangs machen derzeit einen höheren Bildungsabschluss, aber nur 44 Prozent der Jungen. Und die Quote driftet immer weiter auseinander. Zweitens gibt es auch bezogen auf das Inklusionsthema nach wie vor erhebliche Probleme. Jüngere Ergebnisse zeigen, dass in den letzten zehn Jahren die Quote der Schülerinnen und Schüler, die eine Förderschule besuchen, nur von 4,9 Prozent auf 4,3 Prozent gesunken ist. Drittens liegt die Zahl der funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten in Deutschland – bezogen auf alle Personen im erwerbsfähigen Alter – bei über 7 Millionen.

Schließlich und viertens ist die Chancengerechtigkeit bei weitem nicht erreicht. Jugendliche aus prekären Milieus sowie aus etlichen Migrationsmilieus haben um ein vielfaches weniger Chancen ein Abitur zu erlagen als Jugendliche mit bildungsbürgerlichem Hintergrund. Man sieht: Das Kapitel 4 der SDGs betrifft auch das Land der Dichter und Denker.

Nichtsdestotrotz, was insgesamt gesehen die Zahl der höheren Bildungsabschlüsse und die dadurch verbesserten Lebenschancen angeht (höheres Einkommen, bessere Gesundheit, höhere Lebenszufriedenheit), steht Deutschland im europäischen Vergleich sehr gut da. Dennoch oder gerade deshalb ist BNE für das Nachhaltigkeitsziel 4 zentral. Denn je höher die Bildungsabschlüsse, desto weniger verhalten wir uns nachhaltig und zwar aus folgendem Grund: Nachhaltigkeit hängt auch vom Konsum ab und dieser wiederum hängt vom Einkommen ab, wobei ein hohes Einkommen bei höheren Bildungsabschlüssen eher zu erwarten ist. Man kann es auch so formulieren: Wer am meisten über Nachhaltigkeitsprobleme weiß, verhält sich am wenigsten Umweltgerecht: Hoher Energieverbrauch, Reisen mit dem Flugzeug, großer Wohnraum und vieles mehr gehören hier zum Lebensstandard. Insofern kommen wir ohne BNE gar nicht voran, denn dann würde sich die Welt nicht in Richtung von Nachhaltigkeit entwickeln.
Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Herausforderungen bis zum Ende des Weltaktionsprogramms BNE 2019?
Neben den schon genannten Punkten wie etwa struktureller Verankerung würde ich sagen: Man muss bei sich selber anfangen, beziehungsweise bei den eigenen Institutionen. Neben den großen übergeordneten Strategien gehören auch ganz praktische Fragen dazu: Sind unsere alten Häuser energetisch auf dem neuesten Stand? Oder welcher Kaffee wird bei Veranstaltungen ausgeschenkt? Wir müssen an diesen Stellen wirklich Vorbild sein.

Das gilt natürlich auch für die UNESCO, die die UN-Dekade wie nun auch das Weltaktionsprogramm zu BNE verantwortet. Mich wundert in dem Kontext, dass die UNECO-Projektschulen ihr großes Potenzial bislang noch kaum ausspielen. Immerhin sind das rund 300 in Deutschland. Die UNESCO-Arbeit der Schulen soll sich dem Anspruch nach zumindest auf drei thematische Themenfelder (aus sechs) konzentrieren. Zu diesen Themenfeldern gehört auch BNE. Ich bin der Meinung, dass die UNESCO-Projektschulen das Thema nicht abwählen können sollten. Die Zahl der im Rahmen des WAP ausgezeichneten UNESCO-Projektschulen sollte eigentlich deutlich höher liegen als aktuell drei. Mir scheint, hier ist noch viel Luft nach oben. Daher freue ich mich, dass BNE im „Climate Action Projekt“ der UNESCO in den letzten Jahren verstärkt Thema war und ab 2019 auch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt die ganzheitliche Nachhaltigkeitsorientierung der UNESCO-Projektschulen ab sofort unterstützt.

Mein Fazit: Im Rahmen des Weltaktionsprogramms haben wir viele zentrale Herausforderungen formuliert. Das entscheidende ist nun, diese anzunehmen und die Bildungslandschaft entsprechend zu verändern.