Whole Institution Approach – der ganzheitliche BNE-Ansatz
In Kitas, an Schulen und Universitäten wird Bildung für nachhaltige Entwicklung nicht nur im Unterricht und in Seminaren gelehrt. Nachhaltigkeit spielt idealerweise auch eine zentrale Rolle in der Organisation, Verwaltung und Betrieb der Einrichtung selbst. Die ganzheitliche Umsetzung von BNE im Lehrangebot und Betrieb ist ein zentrales Element des UNESCO –Programm "BNE 2030".
Was ist ein Whole Institution Approach beziehungsweise ganzheitlicher BNE-Ansatz?
Der Whole Institution Approach (WIA) bezeichnet einen ganzheitlichen Ansatz zur Verankerung von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) an einem Lernort. Lernorte entfalten dann ihre volle Innovationskraft, wenn sie ganzheitlich arbeiten – das heißt Nachhaltigkeit als ganze Institution rundum in den Blick nehmen.
Wenn ein Lernort, beispielsweise eine Schule oder ein Verein, einen WIA verfolgt, ist BNE dort nicht nur ein Querschnittsthema im Unterricht oder im Sport, auch die Lernprozesse und Methoden selbst werden auf BNE ausgerichtet. Der Lernort orientiert außerdem die Bewirtschaftung der eigenen Institution an Prinzipien der Nachhaltigkeit, indem beispielsweise Lernende, Lehrende und Verwaltungsmitarbeitende bewusst mit Energie und Ressourcen umgehen, einen Schulgarten pflegen oder für die Verpflegung regionale und fair erzeugte Bioprodukte bevorzugen. Auch Weiterbildungsmaßnahmen für Lehrende und Verwaltungsmitarbeitende gehören dazu sowie das Einbinden aller Beteiligter in Entscheidungsprozesse.
Eine Studie des nationalen BNE-Monitorings bestätigt die Wirksamkeit des WIA und zeigt, dass sich sowohl Lernende als auch Lehrende in Einrichtungen, die einen WIA umsetzen, befähigter und motivierter fühlen, selbst zu mehr Nachhaltigkeit beizutragen. Sie beschreiben ihr eigenes Verhalten zudem als nachhaltiger. Um die Wirksamkeit des Ansatzes messen zu können, wurde ein Indikator entwickelt, getestet und bundesweit angewendet: die "WIA-Skala". Es handelt sich dabei um ein Erhebungsinstrument, mit dem die erlebte Nachhaltigkeit in diversen Bereichen von Bildungseinrichtungen erfasst werden kann. Die WIA-Skala steht in verschiedenen Varianten zur Verfügung und kann in der Praxis als (Selbst-)Evaluations-Tool eingesetzt werden. Weiterführende Informationen auf der Unterseite "Indikatorik".
Oft kooperieren solche Lernorte mit ganzheitlichem BNE-Ansatz mit verschiedenen Partnern außerhalb ihrer Einrichtung.
Ganzheitlich in der Schule: der Whole School Approach
Die ganzheitliche Umsetzung von BNE in der Schule wird als Whole School Approach (WSA) bezeichnet und umfasst neben dem Unterricht, die Personalentwicklung, die Gestaltung des Schulgeländes sowie die Entwicklung einer Schulkultur, in der Nachhaltigkeit zum Standard geworden ist.
Mit dem neuen Indikator "Schulen mit BNE-Label" wird die ganzheitliche Verankerung von BNE in der Schule beispielhaft abgebildet. Rund 12 Prozent der Schulen verfügen nach der ersten Erhebung über ein entsprechendes Label. Das zeigt: Die Umsetzung eines WSA in der Praxis gelingt zwar schon zumindest in mehr als jeder zehnten Schule. Dennoch besteht trotz der voranschreitenden Verankerung von BNE in den Lehrplänen und Curricula weiterhin vielfach die Vorstellung von BNE als einer weiteren zusätzlichen Aufgabe im vollen Schulalltag. Oft finden Projekte und Aktionen dank des besonderen Engagements einzelner Schülerinnen und Schüler oder Lehrkräfte statt und nicht, weil die ganze Schulgemeinschaft BNE im Alltag konsequent umsetzt.
In ihrem 2024 veröffentlichten Beschluss empfiehlt die Kultusministerkonferenz (KMK) ausdrücklich die Verankerung von BNE mithilfe des WSA.
Im Juni 2025 hat das BNE-Monitoring-Team eine nationale Schulleitungsstudie zu BNE und dem Whole School Approach veröffentlicht. Die Studie zeigt, dass sich die Mehrheit der Schulleitungen in Deutschland Nachhaltigkeit im Schulalltag wünscht. Es zeigt sich jedoch, dass Nachhaltigkeit bisher in der Praxis häufig in einzelnen Aktionen oder Projekten stattfindet, die von engagierten Einzelpersonen durchgeführt werden.
In der beruflichen Bildung, mit ihrem zentralen Merkmal der Handlungsorientierung, unterstützt der WSA berufsbildende Schulen dabei, die Fachkräfte von morgen zu nachhaltigem Denken und Handeln zu befähigen. Dabei kann die von Jorrit Holst und Dr. Harald Hantke verfasste und von Greenpeace herausgegebene Handreichung "Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung" (BBNE) unterstützen, BBNE im Sinne des WSA ganzheitlich umzusetzen – mit Praxistools, Praxisbeispielen und konkreten Anregungen zur Unterrichtsgestaltung.
Wie kann ein ganzheitlicher BNE-Ansatz in der Praxis aussehen?
Basierend auf den Erfahrungen vieler ausgezeichneter BNE-Akteurinnen und -Akteure präsentieren die fünf Handreichungen "Nachhaltigkeit 360°" der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) wertvolle Tipps für interessierte Institutionen und Organisationen zur Ausgestaltung eines Whole Institution Approachs in den verschiedenen Bildungsbereichen:
- Nachhaltigkeit 360° in der Kita
- Nachhaltigkeit 360° in der Schule
- Nachhaltigkeit 360° in der beruflichen Bildung
- Nachhaltigkeit 360° in der Hochschule
- Nachhaltigkeit 360° im Bereich des non-formalen und informellen Lernens
Die Veröffentlichungen enthalten Informationen zur Verankerung von BNE im Alltag der Institutionen, zur Nachhaltigkeit im laufenden Betrieb, zu BNE als Bestandteil der Führung und Weiterbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie zu möglichen Partnern und Kooperationen.
WIA ganz konkret: Bespiele aus der Praxis
Wer sich zum Thema "Whole Institution Approach" weiterbilden möchte, der oder dem empfehlen wir das gleichnamige Modul im Selbstlernkurs BNEhoch3. Der Online-Kurs enthält insgesamt zwölf Kursmodule mit fundiertem Hintergrundwissen, praktischen Tipps und anpassbaren Materialien in unterschiedlichen Themenbereichen. Jedes Modul nimmt dabei circa zwei Stunden Zeit in Anspruch und schließt mit einer Bescheinigung ab.
Das Video "Orte der Transformation" stellt Menschen vor, die Lehr- und Lernumgebungen im Sinne eines Whole Institution Approachs gestalten und Kompetenzen vermitteln, die Lernende dazu befähigen, die gesellschaftliche Transformation voranzutreiben.
Das internationale Institut des Deutschen Volkshochschul-Verbands e.V. (DVV International) entwickelte im Rahmen des Projekts "Internationale BNE Allianzen" Material für die Umsetzung einer nachhaltigen Organisationsentwicklung im Sinne des WIA. Dabei entstanden das interaktive Flipbook Guidebook SustainabALE sowie das begleitende Workbook SustainabALE. Beide Dokumente richten sich primär an Einrichtungen der Erwachsenenbildung, sind aber auch auf andere Bildungseinrichtungen übertragbar.
Der Whole Institution Approach im UNESCO-Programm "BNE 2030"
Die "Roadmap BNE 2030" ist der Leitfaden des UNESCO-Programms "Bildung für nachhaltige Entwicklung: die globalen Nachhaltigkeitsziele verwirklichen" (2020-2030, kurz: BNE 2030). Im Handlungsfeld 2 "Ganzheitliche Transformation von Lern- und Lehrumgebungen" ist der Whole Institution Approach zur Umsetzung dieser Transformation fest verankert. Darin heißt es:
"Um Lernende zu ermutigen, zu Change Agents zu werden, die über das Wissen, die Mittel, die Bereitschaft und den Mut verfügen, transformative Maßnahmen für eine nachhaltige Entwicklung zu ergreifen, müssen die Bildungseinrichtungen selbst transformiert werden. Die gesamte Bildungseinrichtung muss auf die Prinzipien einer nachhaltigen Entwicklung ausgerichtet werden, sodass die Art und Weise, wie die Einrichtungen geführt und Entscheidungen innerhalb einer Einrichtung getroffen werden, mit den Lerninhalten und den pädagogischen Methoden korrespondiert und diese weiter stärkt. Dieser Whole Institution Approach von BNE er fordert Lern und Lehrumgebungen, in denen die Lernenden lernen, wie sie leben, und leben, was sie lernen." (S. 28)
Es werden außerdem Maßnahmen vorgeschlagen, wie Lern- und Lehrumgebungen ganzheitlich transformiert werden können, beispielsweise durch die Erstellung von Zeitplänen zur gemeinsamen Implementierung des WIA, durch eine Führungskultur und -struktur sowie Abläufe und Ausstattung, die mit den Grundsätzen der nachhaltigen Entwicklung im Einklang stehen. Wichtig sind außerdem strategische politische Unterstützung und Maßnahmen zur Verstärkung der Interaktion und Kooperation von formalen, non-formalen und informellen Lern- und Lehrumgebungen.
In Deutschland spielt der Whole Institution Approach als Querschnittsthema eine wichtige Rolle bei der Umsetzung des Nationalen Aktionsplans BNE und ist dort in den verschiedenen Bildungsbereichen mit ihren Handlungsfeldern, Zielen und Maßnahmen hinterlegt.
Publikationen zum WIA/WSA
- Holst, J., Grund, J., & Brock, A. (2024). Whole Institution Approach: measurable and highly effective in empowering learners and educators for sustainability. Sustainability Science. Vol. 19, S. 1359-1376. https://doi.org/10.1007/s11625-024-01506-5
- Holst, J., Brock, A., Schlieszus, A., & Grund, J. BNE: mehr als ein "Add-on". Zukunftsbildung: Wie gelingt Schule, die zu gesellschaftlicher Mitgestaltung motiviert? bildungSPEZIAL, 1/2025, S. 26-31. https://viewer.ipaper.io/friedrich-verlag/bildungspezial/bildungspezial-125/?page=26
- Holst, J., Brock, A., Grund, J., Schlieszus, A.-K., & Singer-Brodowski, M. (2025). Whole-school sustainability at the core of quality education: Wished-for by principals but requiring collective and structural action. Journal of Cleaner Production. https://doi.org/10.1016/j.jclepro.2025.145897
- Holst, J., & Hantke, H. (2025). Berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung. Whole School Approach und Unterrichtsgestaltung an berufsbildenden Schulen. In Greenpeace e.V. (Hrsg.), Schools for Earth – Das Greenpeace Schulprojekt. https://doi.org/10.60813/5KTZ-Z176