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"Wir müssen vieles ausprobieren und die Gewohnheiten ändern"

Ralf Elsässer | Umweltaktivist und Social Entrepreneur (auf Deutsch: innovativer Sozialunternehmer) Ralf Elsässer spricht im Interview darüber, wie er in der DDR der 80er-Jahre begann, sich sozial zu engagieren, welche Menschen ihn dabei inspiriert haben – und warum sie im Grunde bereits damals Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) gemacht haben.

Ralf Elsässer über seine Vorbilder Harald Lange und Aribert Rothe: "Sie haben mir als junger Mensch geholfen, aus einer eher vorsichtigen Haltung, einer gewissen Hilflosigkeit herauszukommen und eine kritische Haltung auch zu artikulieren."
© Winfried Kurtzke

Herr Elsässer, Sie sind in der DDR aufgewachsen: Wann haben Sie begonnen, sich sozial zu engagieren?

Spätestens mit 16, 17 Jahren habe ich angefangen, mich für gesellschaftspolitische Dinge zu interessieren. Da ging es unter den damaligen Rahmenbedingungen in der DDR natürlich viel um persönliche Freiheit und politische Strukturen, aber auch um alles andere, was einen als junger Mensch so interessiert. Damals habe ich auch Musik gemacht und bin mit eigenen Liedern aufgetreten. In der Schule hatte ich einen kleinen Kreis von Leuten, mit denen ich intensive Gespräche zu politischen und gesellschaftlichen Fragen hatte.

Gibt es Menschen, die Sie zu Ihrem sozialen und ökologischen Engagement besonders inspiriert haben?

Da sind natürlich viele verschiedene Menschen, aber es gibt vielleicht zwei, drei Personen, die ich rausgreifen würde. Sie haben mir als junger Mensch geholfen, aus einer eher vorsichtigen Haltung, einer gewissen Hilflosigkeit herauszukommen und eine kritische Haltung auch zu artikulieren. Einer von ihnen war mein Mitschüler Harald Lange, der leider schon verstorben ist. Von ihm habe ich gelernt, auch heikle politische und gesellschaftliche Probleme klar zu benennen – das kannten wir sonst so nicht. Er hat mich regelrecht dazu angestachelt, Dinge auf den Punkt zu bringen und auszusprechen. Ein anderer war der Pfarrer Aribert Rothe. Er hat in der Gemeinde eine unglaublich offene, kontroverse Diskussionskultur möglich gemacht. Und später die ehemalige Grünen-Politikerin Gisela Kallenbach. Anfang der 1990er-Jahre hat sie als Referentin der damaligen Umweltdezernenten von Leipzig viele Fäden gezogen – sie war also Strippenzieherin statt Taschenträgerin. Das hat mir imponiert.

Petrolfarbener Handabdruck auf gelbem Hintergrund.

"Ich hoffe auf Innovations- und Entwicklungssprünge, die wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen können."

 

QuelleZitat Ralf Elsässer © Bild: BMBF

Über Ralf Elsässer:

Ralf Elsässer, 1962 in Dresden geboren, studierte Bauingenieurwesen in Leipzig. 1989 war er maßgeblich an der Gründung von "Ökolöwe – Umweltbund Leipzig e.V." beteiligt und bis 1995 dessen Geschäftsführer. Seit 1996 ist er freiberuflich tätig, von 2006 an als Alleininhaber von "CivixX – Werkstatt für Zivilgesellschaft". Diese sieht sich als Ideengeberin, Netzwerkerin und Motivatorin. Das inhaltliche Spektrum reicht dabei von Stadtentwicklung und Verkehr über Klimaschutz und Landwirtschaft bis hin zu Bildung und Strukturwandel.

Spielte zu Beginn Ihres Engagements – während der Vorwende-Zeit in Leipzig – das Thema Nachhaltigkeit schon eine Rolle?

Das Thema Umwelt war irgendwie immer dabei. Auch, weil die Umweltsituation in Leipzig damals unzumutbar war. Über die "Junge Gemeinde" habe ich ein paar Theologiestudenten kennengelernt, die Leute für die Gründung einer Umweltschutzgruppe suchten. Mit dieser haben wir dann 1981 eine Aktion zum Tag "Mobil ohne Auto" organisiert und in den Folgejahren wiederholt. Mit dieser Gruppe haben wir in den 80er-Jahren im kirchlichen Rahmen auch Bildungsarbeit gemacht – also junge Menschen für politische, gesellschaftliche und ökologische Themen sensibilisiert und aktiviert. In der Rückschau würde ich sagen, wir haben damals schon Bildung für nachhaltige Entwicklung gemacht, auch wenn es den Begriff noch nicht gab.

Nachhaltigkeit und BNE in den Medien

Wie kam es, dass Sie bei dem Thema geblieben sind?

Ich habe dann Bauingenieurswesen studiert und mich während des Studiums viel mit umweltgerechtem Bauen beschäftigt: Energieeinsparungen, Solarenergienutzung und dergleichen. Parallel habe ich die Arbeit in der Umweltgruppe kontinuierlich weitergeführt. Nach dem Studium habe ich zunächst als Bauingenieur gearbeitet, im Sommer 1989 aber entschieden, dass mir die Arbeit mit der Umweltgruppe eigentlich wichtiger ist, und meinen Job dafür aufgegeben. Das war ein radikaler Schritt, weil man in der DDR nicht so ohne Weiteres seine Stelle innerhalb von drei Jahren nach dem Studium kündigen durfte. Entsprechend wurden mir auch juristische Schritte angedroht. Die Gruppe hat sich damals nur über Spenden finanziert, von denen ich 200 Mark im Monat bekam. Das war sozusagen mein Gehalt. Aber wir hatten natürlich keine Arbeitsverträge und für ein paar Wochen war ich quasi offiziell asozial, weil ich kein geregeltes Arbeitsverhältnis hatte.

Im Herbst 1989 waren Sie dann maßgeblich an der Gründung des Vereins "Ökolöwe – Umweltbund Leipzig" beteiligt. Wie kam es dazu?

"Ökolöwe" war ein Zusammenschluss von kirchlichen und staatlichen Umweltgruppen, weshalb wir gleich auf ein großes Netz an Engagierten aufbauen konnten. Schon bei der Gründungsversammlung waren ungefähr 200 Leute da. Ich konnte meine Arbeit für den Verein nun hauptamtlich weiterführen. Wir haben sukzessive weitere Stellen geschaffen und den Verein über geförderte Projekte weiterentwickelt. Schwerpunkt war damals Stadtentwicklung. Das war eine spannende Zeit, weil so viel im Neuaufbau war und wir diesen mitgestalten konnten. 1992 habe ich den Auftrag bekommen, für die Stadt Leipzig Umweltqualitätsziele zu erarbeiten. Da habe ich gemerkt, wie viel Spaß es mir macht, konzeptionell zu arbeiten. Das war auch ein bisschen der Einstieg in meine spätere freiberufliche Tätigkeit. 1996 habe ich mich selbstständig gemacht und war unter anderem an der "Lokalen Agenda 21" in Leipzig beteiligt. Hierfür habe ich Strukturen mitaufgebaut und geschaut, wie man unterschiedliche Akteurinnen und Akteure in der Stadt so zusammenbringen kann, dass daraus ein fruchtbarer Prozess wird. In der Folge habe ich mich mit ganz unterschiedlichen Themen beschäftigt – von Stadtentwicklung über Klimaschutz bis Mobilität.

Ralf Elsässer steht vor der Luftaufnahme einer Stadt und lächelt in die Kamera.

"Die Akteure sind sehr dankbar für die Hilfe beim Vernetzen, weil sie selbst im Alltag oft nicht dazu kommen."

 

QuelleZitat Ralf Elsässer © Bild: Winfried Kurtzke

Aktuell sind Sie Alleininhaber des Büros "CivixX – Werkstatt für Zivilgesellschaft". Welche Bedeutung haben Nachhaltigkeitsthemen in Ihrem Aufgabenspektrum?

Bildung für nachhaltige Entwicklung war von Beginn an eines unserer Kernthemen. Anfangs ging es dabei vor allem um die Vernetzung von unterschiedlichen Bildungsakteurinnen und -akteuren. Dazu habe ich 2011 auch den Verein "ZAK – Zukunftsakademie Leipzig e.V." mitgegründet, in dem ich bis heute im Vorstand mitwirke. 2017 sind wir sächsisches Büro der Regionalen Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien, kurz RENN, geworden. RENN unterstützen Menschen aus der Zivilgesellschaft, den Kommunen, der Wirtschaft, der Politik und der Verwaltung, die zu einer nachhaltigen Entwicklung in Deutschland beitragen wollen. Der nächste Stein, der ins Rollen kam, war die Erstellung der Landesstrategie Bildung für nachhaltige Entwicklung in Sachsen. Wir haben den Prozess zur Strategie sehr partizipativ gestaltet, mit Arbeitsgruppen unter Beteiligung von Akteurinnen und Akteuren aus allen Bildungsbereichen. Ich konnte dabei Brücken bauen zwischen den diversen Stakeholderinnen und Stakeholdern, die beteiligt waren. Das hat Spaß gemacht.

Das heißt, Netzwerken ist ein zentraler Bestandteil Ihrer Arbeit?

Das Netzwerken begleitet mich eigentlich schon immer. Als ich noch in der Umweltgruppe war und dann später beim "Ökolöwen" habe ich mir fachlich Verbündete gesucht, um die eigenen Interessen besser vertreten zu können. Als ich mich später selbstständig gemacht habe, war es im Rahmen des lokalen Agenda-Prozesses meine Aufgabe, Leute aus der Zivilgesellschaft mit Leuten aus der Verwaltung, der Politik, Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Hochschulen bis hin zu Gewerkschaften und Kirchen zusammenzubringen. Also über fachliche Kompetenzen hinweg und quer durch unterschiedlichste institutionelle Zusammenhänge. Das ist eine wahnsinnig spannende Aufgabe. Und die Beteiligten empfinden das auch als unglaublich bereichernd und sind sehr dankbar dafür, weil sie selbst im Alltag aus Zeitmangel eher nicht dazu kommen, diesen Austausch selbst zu organisieren.

Lernmaterialien zum Thema "Klima" in der BNE-Lernmaterialien-Datenbank

Was kann Ihrer Meinung nach die bundesweite, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) initiierte Kampagne zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) bewirken?

Die Wirkung einer solchen Kampagne ist davon abhängig, wo und wie sie eingebettet ist. Also ganz praktisch, welche Informationen bei welcher Zielgruppe ankommen und welche konkreten Anregungen oder Unterstützungsangebote sie bietet. Bestenfalls beantwortet sie für die Zielgruppen die Frage, wie ich Bildung für nachhaltige Entwicklung in der eigenen Einrichtung aufgreifen kann und wo ich Materialien oder fachliche Beratung finde. Auf jeden Fall sorgt sie für mediale Aufmerksamkeit, doch dabei sollte sie nicht stehen bleiben – sondern mit konkreten Impulsen dazu anregen, auch ins Handeln zu kommen.

Wie setzen Sie in Ihrem eigenen Alltag Nachhaltigkeit um?

Ich merke selbst, dass vieles eine Frage der Gewohnheit ist. Beispiel Mobilität: Ich bin leidenschaftlicher Fahrradfahrer und denke morgens nicht mehr darüber nach, ob ich aufs Fahrrad steige oder nicht. Ich mache es einfach. Um zu einem nachhaltigeren Lebenswandel zu kommen, ist die entscheidende Frage für mich also: Wie komme ich von der einen Gewohnheit in eine andere, eine nachhaltigere?

CO2-Kompensationsrechner im Überblick

Petrolfarbener Handabdruck auf gelbem Hintergrund.

"Es wird nie den Punkt geben, an dem wir sagen: Jetzt ist es definitiv zu spät."

 

QuelleZitat Ralf Elsässer © Bild: BMBF

Zwei Dinge für die Zukunft

Mein Tipp für andere

Die wenigsten Leute werden von heute auf morgen ihren Lebensstil verändern – egal was und wie man ihnen was sagt. Ich glaube, es geht um ein kontinuierliches Aufsammeln von Impulsen. Nehmen wir das Beispiel Ernährung: Vor zehn Jahren war komplett vegetarische Ernährung noch eher ungewöhnlich, heute wird das für immer mehr Menschen normal. Und wenn man auf diese Weise mit immer mehr Angeboten aus einer bestimmten Richtung konfrontiert wird und neue Möglichkeiten aufgezeigt bekommt, wird das dann ein immer selbstverständlicherer Teil unseres Lebens. Wenn wir heute eine Veranstaltung organisieren, ist das Catering natürlich vegetarisch – und das ist völlig selbstverständlich. So eignet man sich auch individuell Schritt für Schritt nachhaltigere Lebens- und Verhaltensweisen an, die man nicht mehr hinterfragt. Das ist aber ein Prozess, der Zeit braucht. Genau dieses Schritt-für-Schritt finde ich wichtig: Dass man einfach mal Dinge ausprobiert und sie wiederholt, wenn sie für einen funktionieren und sich gut anfühlen. Und je häufiger man sie wiederholt, desto eher werden sie zur Alltagshandlung.

Meine Vision für 2030 und 2050

Wenn ich mir die Entwicklung der letzten Jahrzehnte angucke, würde ich schon sagen, dass wir als Menschheit einiges geschafft haben in Sachen Nachhaltigkeit. Wir müssen die Lösungen, die wir haben, nur noch mehr in die Breite tragen. Beispiel erneuerbare Energien: Vor 30 Jahren erschien es noch ziemlich utopisch, dass der prozentuale Anteil unserer Stromerzeugung aus Erneuerbaren im zweistelligen Bereich liegt. Da haben die meisten Menschen noch gesagt: Das ist viel zu teuer, ökonomisch überhaupt nicht darstellbar. Dann gab es da eine sehr schnelle Entwicklung neuer Technologien und Prozesse. Außerdem ist durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz eine neue Marktdynamik entstanden. Auf derartige Innovationssprünge hoffe ich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auch in anderen Bereichen. Auch aus der Notwendigkeit heraus, dass einfach alles schneller gehen müsste, können wir vielleicht noch den einen oder anderen Hebel für politische und ökonomische Rahmenbedingungen umlegen. Ich erwarte jetzt keine tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen, aber doch entscheidende Innovations- und Entwicklungssprünge – und zwar solche, die wir uns jetzt gerade noch gar nicht vorstellen können. Im Jahr 2050 ist dann nachhaltiges Verhalten hoffentlich zur gesellschaftlichen Norm geworden. Ich glaube, dass wir uns dann rückblickend fragen werden, wie wir so dumm sein konnten, so lange Kohle aus der Erde zu graben, obwohl die Folgen ja offensichtlich waren.

Es gibt Menschen, die Bildung für nachhaltige Entwicklung sehr skeptisch sehen. Weil sie meinen, dass das alles viel zu lange dauert und wir sofort handeln müssten, anstatt uns damit aufzuhalten, die Menschen zu überzeugen. Das ist aus meiner Sicht Quatsch, weil man immer in die Zukunft schauen muss, immer versuchen muss, die Entwicklung positiv zu beeinflussen. Es wird nie den Punkt geben, an dem wir sagen: "Jetzt ist es definitiv zu spät, jetzt macht alles keinen Sinn mehr." Schon vor 30, 50 oder 80 Jahren haben sich Menschen gefragt: Darf man in diese Welt noch Kinder setzen? Für mich ist das so ein bisschen mit einer Reise in einen scheinbar dunklen Raum vergleichbar. Und je weiter man in ihn vordringt, desto mehr merkt man: Hier ist ja gar nicht alles dunkel, sondern sehr facettenreich und farbig. Aber um das zu erkennen, muss man erstmal reinlaufen in diesen Raum, der aus der Entfernung noch so düster ausgesehen hat.