Helfer mit Herz: Nachbarschaftskreis Hannover-Mitte hilft Geflüchteten in allen Lebenslagen

Der Nachbarschaftskreis Hannover-Mitte hilft seit 2014 Geflüchteten, ihren Alltag zu bewältigen. Das Erfolgsrezept: über hundert Engagierte bieten immer die Unterstützung an, die sich die Geflüchteten aktuell vor Ort wünschen. Die Initiative konnte sich so an stetig ändernde Herausforderungen anpassen, aus Paten sind in vielen Fällen inzwischen Freunde geworden. Prof. Dr. Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission, begleitete den Nachbarschaftskreis einen Tag, um mehr über dessen konkrete Arbeit vor Ort zu erfahren. Anlass war die Auszeichnung des Kreises mit dem nationalen Preis der Intiative „HelferHerzen“, die ehrenamtliches Engagement auszeichnet. Sie ist ein Projekt von dm-drogeriemarkt, Naturschutzbund Deutschland, Deutschem Kinderschutzbund und Deutscher UNESCO-Kommission.

Nachbarschaftskreis vermittelt seit 2014 Bildung auf unterschiedliche Weise

Der Nachbarschaftskreis Hannover-Mitte gründete sich im Jahr 2014. Die Erwachsenenbildnerin Inge Osterwald und der Pastor Folker Thamm überlegten, wie sie die Zeit ihres Ruhestands nutzen könnten, um den damals zahlreicher kommenden Flüchtlingen zu helfen. Daraus wuchs eine Initiative, in der sich inzwischen über hundert Menschen engagieren. Sie hilft seither Geflüchteten Deutsch zu lernen, begleitet sie zu Behörden, unterstützt sie bei der Job- und Wohnungssuche und gestaltet mit Ihnen gemeinsame Freizeitangebote.

Seit Mai 2015 gliedert sich die Hilfe in die vier Arbeitsgemeinschaften (AG) Sprache, Freizeit, Kommunikation und Begleitung. Prof. Dr. Christoph Wulf besuchte ein „Sprachcafé“ und drei Flüchtlingsunterkünfte. Er nahm außerdem an dem offenen, monatlichen Nachbarschaftstreffen und dem Austausch der Koordinierungsrunde teil. In Koordinierungsrunde tauschen sich die Sprecherinnen und Sprecher der AGs und besonders Engagierte zu aktuellen Projekten aus. Dabei wurde deutlich, dass die Engagierten Bildung auf unterschiedlichste Weise vermitteln.

Mit den Bedürfnissen verändern sich die Angebote

Wer flüchtet nach Deutschland, welche Probleme begegnen diesen Menschen täglich und welche Wünsche haben sie? Auf diese Fragen hat jeder Einzelne von ihnen eine andere Antwort. Die konkrete Lebenssituation von Geflüchteten hat sich in den vergangenen drei Jahren häufig verändert. Die Engagierten des Nachbarschaftskreises fragen deshalb die Hilfsbedürftigen selbst, wo aktuell ihre Bedürfnisse liegen, anstatt Angebote am Reißbrett zu entwerfen. Ihre Arbeit ist daher ein gutes Beispiel, wie sich Bildung für nachhaltige Entwicklung in die Praxis umsetzen lässt: alle Beteiligten lernen kontinuierlich voneinander, passen ihr Handeln an neue Ereignisse an, bauen dabei aber gleichzeitig auf Erfahrungen, die sich bewährt haben.

Als die Ehrenamtlichen ihre Arbeit begannen, unterstützten sie vor allem junge Männer, die ab September 2015 meist in großen Sammelunterkünften untergebracht waren. Diese Unterkünfte sind in Hannover mittlerweile aufgelöst, viele Geflüchtete suchen heute Wohnungen und Arbeit. Die AG  Begleitung kümmert sich deshalb besonders um diese Belange, die Ehrenamtlichen üben beispielsweise Bewerbungsgespräche bei Vermietern oder vermitteln Tandempartner für Ausbildungen und Jobs.

Außerdem gibt es inzwischen auch viele geflüchtete junge Mütter in Hannover, für deren Kinder die Initiative einen Platz in einer Kindertagesstätte oder bei einer Tagesmutter suchten. Nur so können diese Frauen an den Sprachangeboten teilnehmen, die alle Geflüchteten und auch die Engagierten als zentral für die Integration erachten. „Einheimische zu treffen und die deutsche Sprache zu lernen ist meist das erste Ziel“, erklärt Fatos Aga-Odabas, die als Assistentin in der Koordination von Ehrenamtlichen des Nachbarschaftskreises und im Büro für die Initiative tätig ist.

Kochen, Basteln und Tanzen stiften Vertrauen und Gemeinschaft

Die Freizeitangebote außerhalb der Unterkünfte sind hierzu eine besonders gute Möglichkeit. Die Ehrenamtlichen reisten beispielsweise mit 24 Geflüchteten zu einer Bildungsfahrt nach Berlin. Sie besuchten außerdem einen Hochseilgarten in den Wäldern Hannovers, lernten dabei die dortige Natur besser kennen und erstellten ein Plakat mit Blättern verschiedener Pflanzen.

Die Aktionsreihe „Zeit für uns“ bietet den Geflüchteten außerdem die Möglichkeit, selbstständig ein Freizeitprogramm zu entwickeln. Daraus entstand unter anderem ein Capoeira-Kurs, der vor allem bei afrikanischen Frauen beliebt ist. Muslimische Frauen seien hingegen etwas zurückhaltender, „sie bleiben meist im Haus, weil sie das so gewohnt sind. Deshalb kommen wir dann zu ihnen, um gemeinsam Weihnachtssterne zu basteln oder etwas zu backen“, berichtet Antje Porada, Leiterin des Capoeira-Kurses und Mitglied der AG Begleitung.

Die regelmäßigen gemeinsamen Kochabende zählen für die Ehrenamtlichen und Geflüchteten zu den Höhepunkten. Christoph Wulf fühlte sich bei ihren Erzählungen an seine Forschungen zu Ritualen und Gesten erinnert: „das Tolle beim Kochen ist ja, dass man sich hier auf Augenhöhe begegnen kann und die Ehrenamtlichen etwas von den Geflüchteten lernen können. Auf diese Weise schaffen kulturelle Rituale Vertrauen und Gemeinschaft“.

Geflüchtete und Ehrenamtliche organisieren sich immer besser

Als äußerst hilfreich hat sich außerdem das „Ordner-Projekt“ der AG Begleitung erwiesen, in dem die Geflüchteten lernen, wie sie die zahlreichen Papiere sortieren können, die für Behördengänge wichtig sind: „die Ämter haben uns erfreut rückgemeldet, dass die Teilnehmenden des Projekts deutlich weniger Termine brauchen“, berichtet Eckhard von Knorre, Sprecher der AG Kommunikation. In Zukunft sollen technisch besonders versierte Flüchtlinge außerdem anderen beibringen, wie sie mit ihrem Smartphone Anträge und Termine organisieren können.

Auch die Mitglieder der AG Kommunikation nutzen digitale Technologien, um die Arbeit der Initiative zu professionalisieren. Die Ehrenamtlichen können inzwischen beispielsweise auf ein umfangreiches Wiki mit wichtigen Hintergrundinformationen zum Asylrecht zurückgreifen. Eine Datenbank macht darüber hinaus die über 700 Kontakte zu Unterstützern innerhalb und außerhalb der Initiative einfach, eine Übersicht aktueller Veranstaltungen generiert sich daraus automatisch. Die Initiative tauscht sich außerdem regelmäßig mit den anderen 29 Nachbarschaftskreisen in Hannover aus, „man muss das Rad schließlich nicht immer neu erfinden und kann auch viel aus der Erfahrung anderer Ehrenamtlicher lernen“, betont von Knorre.

Konflikte aufgreifen, Frustration abbauen

Zu den Erfahrungen der Geflüchteten gehören allerdings auch zahlreiche Rückschläge, denn viele leben monate- und jahrelang in ständiger Ungewissheit, wie ihre Zukunft aussehen wird. Dadurch entsteht Frustration, auch bei den Ehrenamtlichen. Umso wichtiger sei es darum, dass man eine Vertrauensperson hat: „die Menschen müssen jemanden haben, bei dem sie das ablassen und dann mit neuer Kraft weiter machen können“, erklärt Ulrike Pieper-Bierich, eine ehrenamtliche Patin, die sich in der AG Freizeit und AG Begleitung engagiert.

Auch zwischen den Geflüchteten kommt es zu Konflikten. So können sich die Ehrenamtlichen an Fälle erinnern, in denen rassistische Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen offen geäußert wurden. Die Dauer des Asylverfahrens und die Bleibechancen unterscheiden sich stark nach den Herkunftsländern, was mitunter zu Missmut zwischen Geflüchteten führt. Die Engagierten des Nachbarschaftskreises finden es aber gut, dass diese Themen auf den Tisch kommen: „nur so kann man schwierige Konflikte aufgreifen und dann gemeinsam bearbeiten“, gibt sich Carina Behrens, Sprecherin der AG Begleitung, überzeugt.

Aus Flüchtlingen werden Freunde

Es sind schließlich auch diese geteilten Erfahrungen, die beide Seiten während der letzten Jahre zusammengeschweißt haben, erklärt die Sprecherin des Nachbarschaftskreises, Anne Gast: „wir kämpfen für alle gleich viel, wir unterscheiden nicht zwischen verschiedenen Gruppen. Die Geflüchteten merken ,da steht jemand den Kampf mit uns durch‘ – und das hilft“. Auch Ulrike Pieper-Bierich bilanziert, dass „irgendwo auch das Herz drin hängt, man kann da nicht einfach raus. Das Schöne ist, dass wir Hoffnung geschaffen haben.“

Durch diesen engen Kontakt sind inzwischen zahlreiche Freundschaften zwischen den Ehrenamtlichen und den Geflüchteten entstanden. Die Engagierten der Initiative waren bereits auf einigen Hochzeiten zu Gast und begleiteten viele Familien durch Schwangerschaft und Geburt. Aga-Odabas berichtet, dass sie inzwischen mindestens fünfzehn bekannte Gesichter von Neu-Hannoveranern trifft, wenn sie eine Stunde durch die Stadt läuft. Die in Hannover geborene Deutsch-Türkin setzt sich auch deshalb für den Nachbarschaftskreis ein, weil sie in ihrer eigenen Schulzeit Diskriminierung erfahren musste. Umso hoffnungsvoller stimmt es sie, dass ihr eigenes Kind ganz unbefangen mit Kindern aus Familien spielt, die sie unterstützt. „Mein Kind kennt keine Ausländer, sondern nur Menschen. Die Sprache lernen die Kleinen durch diesen engen Kontakt ganz schnell!“

Aga-Odabas freut sich außerdem, dass zu den Sprachangeboten außerhalb der Unterkünfte mittlerweile auch Frauen und Männer kommen, die schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben, früher aber nie auf solche Unterstützung zurückgreifen konnten, weil es kaum Angebote gab. Sie ist sich sicher, dass „die Engagierten des Nachbarschaftskreises dazu beitragen, dass die Integration  von Menschen in Deutschland gelingen kann und am Ende alle davon profitieren.“ Die Initiative schafft somit mit ihrer Bildungsarbeit die Grundlagen einer nachhaltigen Entwicklung, von der auch kommende Generationen profitieren. Nach einem Tag in Hannover ist sich auch Christoph Wulf sicher, dass „Sie als ehrenamtlich Engagierte hier offensichtlich einen enormen Gewinn an sinnstiftenden Erfahrungen haben, die ihr Leben bereichern.“

Hintergrund

Die Initiative HelferHerzen macht seit 2014 ehrenamtliches Engagement in Deutschland sichtbar. Der HelferHerzen-Preis wurde 2016 zum zweiten Mal verliehen. 127 lokale Jurys wählten aus allen Anmeldungen zunächst 1.225 regionale Preisträger aus, die je 1.000 Euro Preisgeld für ihr Projekt erhielten. Der Nachbarschaftskreis Hannover-Mitte wurde als eine von insgesamt 13 Initiativen von einer bundesweiten Jury darüber hinaus mit dem nationalen Preis ausgezeichnet, der im Rahmen des Bürgerfestes des Bundespräsidenten verliehen wurde. Im Jahr 2016 hatten sich rund 10.000 Personen und Organisationen beworben. Die Initiative ist ein Projekt von dm-drogeriemarkt, Naturschutzbund Deutschland, Deutschem Kinderschutzbund und Deutscher UNESCO-Kommission.

Prof. Dr. Christoph Wulf war Teil der nationalen Jury des Helferherzen-Preises 2016. Er ist Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission, Mitglied des Expertenkreises Inklusive Bildung sowie des Kuratoriums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Als Professor für Anthropologie und Erziehung lehrt und forscht er an der Freien Universität Berlin.