Interview
Gespräche mit Akteuren und Fachleuten zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung.
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Heinz-Jürgen Rickert
Bundeskoordinator des UNESCO-Projektschulnetzwerks

„Es gibt eine Korrelation zwischen innovativen Inhalten oder Methoden und guten Prüfungsresultaten“

Über 10.000 UNESCO-Projektschulen setzen sich weltweit für Sicherheit und Frieden ein, 250 davon befinden sich in Deutschland. UNESCO-Projektschulen fördern Begegnungen, gemeinsame Projekte, Partnerschaften und Austauschprojekte mit Schulen auf der ganzen Welt.

Dieses Interview dauert 10 Minuten
Deutsche UNESCO-Kommission: Was ist das Besondere an UNESCO-Projektschulen?
Heinz-Jürgen Rickert: UNESCO-Projektschulen sind in besonderer Weise aufgefordert, die Veränderungen unser Gesellschaft und globale Entwicklungen wahrzunehmen, darauf zu reagieren, um lokale und grenzübergreifende Lösungsansätze zu gestalten. Die Menschenrechtsbildung und Demokratieerziehung, interkulturelles Lernen, Zusammenleben in Vielfalt im digitalen Zeitalter, Umwelterziehung, globales Lernen und UNESCO-Welterbeerziehung stehen dabei im Vordergrund. Die prospektive Ausrichtung unserer Arbeit zielt auf Innovation und stärkere Partizipation, insofern sollen UNESCO-Projektschulen tragfähige Modelle für diese Herausforderungen entwickeln und umsetzen. Das zeigt sich in jüngster Zeit unter anderem in den vielfältigen und oft staunenswerten Angeboten für Migranten seitens unserer Schulen. Dazu zählen beispielsweise Deutschkurse von Schülerinnen und Schülern für geflüchtete Jugendliche, Hausaufgabenbetreuungen, gemeinsame Projekte am Nachmittag von kulinarischen Aktivitäten bis zur Begleitung in Behörden oder Stadterkundungsspiele.
Damit eine Schule sich „UNESCO-Projektschule“ nennen darf, muss sie ein mehrjähriges Verfahren durchlaufen. Wieso?
Wir legen Wert auf hohe Qualitätsmaßstäbe, außerdem ist der Weg von der Interessierten zur Anerkannten UNESCO-Projektschule ein intensiver Prozess umfassender Schulentwicklung, der sich in den Curricula, in AG-Angeboten, schulischen Belangen insgesamt, zugleich in einer klar erkennbaren Haltung reflektiert und die komplette Schulöffentlichkeit mitnimmt. Ein solcher Prozess braucht Zeit, um Strukturen mit nachhaltiger Wirkung zu etablieren.
UNESCO-Projektschulen unterliegen Qualitätsgrundsätzen und werden laufend evaluiert. Was ist Kern dieser Qualitätsgrundsätze?
Es sind verschiedene Aspekte: die Bereitschaft zu verlässlicher, aktiver Mitarbeit im Netzwerk, das Interesse an der Entwicklung innovativer Inhalte, Methoden und Projekte, das Ermöglichen von stärkerer Partizipation der Jugendlichen an schulinternen Fragestellungen und Entwicklungsprozessen, die gelebte Selbstverständlichkeit außerschulische Lernorte zu besuchen und lokale Bildungslandschaften zu gestalten und schließlich die Schule als vitalen Lern- und Erfahrungsort im öffentlichen Raum zu verankern.
Die UNESCO-Projektschulen setzen sich unter anderem für Inklusion, fächerübergreifendes und projektorientiertes Arbeiten, Kooperationen mit außerschulischen Partnern weltweit und Bildung für nachhaltige Entwicklung ein. Ist das alles überhaupt vereinbar mit Unterrichtsformen und Klassenzimmern, wie wir sie in den meisten Schulen finden?
Exakt hier liegt die Crux des Alltags. Noch immer gibt es zu viele Schulen, die den Besuch außerschulischer Lernorte, Teilnahme an Projekten, fächerübergreifende Angebote oder von Jugendlichen selbstständig organsierte Formate per se als Unterrichtsausfall interpretieren. Das UNESCO-Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung empfiehlt ausdrücklich solche Strukturen, inklusive verstärkter Partizipation. Die Bildungsaufträge der Länder öffnen durchaus ein freieres Handlungsspektrum, gerade dieser Aspekt wird meines Erachtens zu wenig wahrgenommen. Offenbar löst der gesellschaftliche Leistungsdruck, aber ebenso Interventionen von Eltern in Kollegien eine gewisse Angst aus, den Anforderungen von Prüfungsverordnungen und anderen Verpflichtungen nicht zu genügen. Das halte ich für sehr bedauerlich. Es gibt diverse gute Beispiele, gerade in den UNESCO-Projektschulen, die eine Korrelation aus innovativen Inhalten, Methoden oder Projekten und guten Prüfungsresultaten beweisen.
Die Schülerschaft hat eine ganz aktive Rolle in der Gestaltung der UNESCO-Projektschulen und wird in viele Entscheidungen miteinbezogen. Wie ist Ihre Erfahrung und die Ihrer Kollegen: Sind gerade jüngere Schüler überhaupt in der Lage, die Folge von zentralen Schulentscheidungen abzusehen? Wie weit kann Partizipation gehen?
Partizipation von Jugendlichen an schulischen Entscheidungs- und Entwicklungsprozessen hat noch keine lange Tradition. In den Niederlanden ist das schon sehr viel etablierter, etwa bei der Einstellung neuer Lehrkräfte, den Schulbudgets oder Festlegung der Curricula. Die Erfahrungen in den deutschen UNESCO-Projektschulen sind in toto positiv, gerade auch in den Grundschulen. Ich würde generell Partizipation nicht eingrenzen wollen, allerdings sollte Beteiligung altersgemäß erfolgen. Ob Sechsjährige die Konsequenzen von Budgetfragen in fünfstelligen Größenordnungen absehen können, darf in der Tat mit einem Fragezeichen versehen werden.
Sie lernen als Bundeskoordinator eine Vielzahl von Schulen kennen – welches Erlebnis hat Sie am meisten beeindruckt?
Darauf gibt es keine singuläre Antwort. Ich bin in den vergangenen Monaten sehr häufig überrascht worden und entsprechend begeistert über die Fantasie von Jugendlichen, den Mut von Kolleginnen und Kollegen etwas Neues auszuprobieren, die Kreativität in Arbeitsgemeinschaften und täglichem Unterrichtsgeschehen, beispielsweise im Kontext unseres Internationalen Projekttages - und das völlig unabhängig von der Schulform oder dem Alter.

Heinz-Jürgen Rickert ist seit 2015 Bundeskoordinator des UNESCO-Projektschulnetzwerks in Deutschland. Als Bundeskoordinator bildet er die zentrale Schnittstelle zwischen den vielfältigen Akteuren des Netzwerks. Rickert arbeitet seit 1989 als Lehrer und war zuletzt Landeskoordinator der niedersächsischen UNESCO-Projektschulen.

 

Das Gespräch wurde im September 2016 geführt.