Interview
Gespräche mit Akteuren und Fachleuten zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung.
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Annabelle Wischnat
Mitglied Nationale Plattform & Alumna des Freiwilligendienstes kulturweit

„Junge Menschen müssen ernst genommen werden“

Als Alumna des Freiwilligendienstes kulturweit ist Annabelle Wischnat eine junge Stimme in der Nationalen Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung. Dort arbeitet sie an einem Nationalen Aktionsplan zur strukturellen Verankerung von nachhaltiger Entwicklung in der deutschen Bildungslandschaft mit. Im Interview berichtet sie über ihr Verständnis von Nachhaltigkeit, ihre Erfahrungen in der Gremienarbeit und Herausforderungen für mehr Teilhabe junger Menschen an der Planung von Bildungsprozessen.

Dieses Interview dauert 10 Minuten
Deutsche UNESCO-Kommission: Annabelle, was genau ist die Nationale Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung und welche Rolle spielst Du darin?
Annabelle Wischnat: Die Nationale Plattform ist ein Gremium aus Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Kommunen, Vereinen und weiteren Organisationen, die sich mit Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) beschäftigen. Gegründet wurde die Plattform 2015 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit dem Ziel, nach dem Ende der UN-Dekade zur Bildung für nachhaltige Entwicklung im Jahr 2014, BNE weiterhin aktiv zu fördern und im Rahmen des anschließenden UNESCO-Weltaktionsprogramms BNE strukturell in der deutschen Bildungslandschaft zu verankern.

Neben der Plattform gibt es einzelne Fachforen zu allen Bildungsbereichen. In diesen Fachforen sitzen ebenfalls Vertreterinnen und Vertreter aus diversen Organisationen und erarbeiten Maßnahmen zur konkreten Umsetzung von BNE. Meine Aufgabe ist es, Feedback zu den bisherigen Zielen und Maßnahmen zu geben sowie am Ende den Nationalen Aktionsplan BNE zu verabschieden. Dieser soll genaue Bestimmungen und Best-Practice-Beispiele beinhalten, wie BNE bis 2019 umgesetzt und langfristig in Bildungsplänen und in allen Bildungsbereichen verankert werden kann.
Wie bist Du Teil der BNE-Plattform geworden?
Die Deutsche UNESCO-Kommission hat mich als Vertreterin einer zivilgesellschaftlichen Organisation empfohlen. Und irgendwann kam dann ein Brief vom BMBF, in dem ich gefragt wurde, ob ich Lust hätte, Teil der Nationalen Plattform zu sein. Wichtig war dabei, glaube ich, dass ich mich im Verein kulturweiter – bilden, vernetzen, engagieren mit vielen anderen Alumni des Freiwilligendienstes kulturweit schon länger aktiv für BNE einsetze und damit vielleicht etwas "frischen Wind", neue Ideen und andere Herangehensweisen mitbringe. In unserem Verein erhalten Alumni die Chance, sich als Multiplikatoren für BNE ausbilden zu lassen. Wir stehen ja mit euch von der Deutschen UNESCO-Kommission im engen Kontakt, wenn es um inhaltliche Inspiration und Vernetzung mit anderen Akteuren geht. Ich bin seit Anfang an in der BNE-Gruppe und habe mit anderen den Ausbildungsplan erstellt.
Hat Dir Dein Freiwilligendienst mit kulturweit dabei geholfen, Dich für mehr Nachhaltigkeit einzusetzen?
Ja, definitiv. Auf den kulturweit-Seminaren war Nachhaltigkeit sehr präsent. Es gab viele Workshops zu unterschiedlichen Nachhaltigkeitsthemen. In meiner Einsatzstelle waren Nachhaltigkeit und BNE dann wiederum kaum ein Thema. Deswegen habe ich mich sehr gefreut, dass kurz nach meiner Rückkehr kulturweit ein erstes BNE-Seminar angeboten hat – aus dem langfristig ja die BNE-Multiplikatorenausbildung und der Alumni-Verein entstanden sind.
Im Zusammenhang mit BNE ist häufig von Jugendpartizipation die Rede. Wie siehst Du die Interessen junger Menschen in der Plattform repräsentiert?
Das ist relativ schwierig zu beantworten. Einerseits finde ich es unabdingbar, dass Jugendliche in der Plattform und den Fachforen sitzen. Es können nicht nur ältere Menschen über die Zukunft der jungen Generation entscheiden. Auch junge Menschen, ihre Probleme, Wünsche und Vorstellungen müssen ernst genommen werden. Viele BNE-Projekte richten sich an Kinder und Jugendliche und BNE soll partizipativ und intergenerationell sein, deshalb müssen diese Stimmen mit einbezogen werden.

Andererseits stelle ich mir die Frage, was die Interessen der Jugend sind. Neben mir gibt es zwei weitere Vertreter von Jugendorganisationen. Natürlich vertreten sie die Interessen ihrer eigenen Vereine und Mitglieder. Aber stellen wir ein Abbild "der" Jugend dar und können wir die Interessen "dieser" Jugend vertreten? Das ist schwierig zu beantworten und ich bin noch zu keiner Antwort gekommen.
Hast Du Dir die Arbeit mit den anderen Mitgliedern so vorgestellt?
Die Mitglieder der Nationalen Plattform treffen sich zweimal im Jahr. Das ist nicht viel und am Anfang war es schwierig, da ich die meisten Menschen nicht kannte. Durch unsere Vertreterinnen in den Fachforen, den BNE-Agendakongress, unsere eigenen BNE-Seminare und weitere Veranstaltungen, die sich mit BNE, den globalen Nachhaltigkeitszielen und Nachhaltigkeit beschäftigen, sehe ich die Mitglieder der Plattform aber häufiger und habe regelmäßigen Kontakt. Ein Netzwerk zu bilden von Menschen aus unterschiedlichen Organisationen und Initiativen hilft da sehr.
Was sind Deiner Meinung nach die größten Herausforderungen für mehr Teilhabe junger Menschen an Bildungsprozessen und wie können wir ihnen begegnen?
Alte, feste Strukturen. Niemand lässt gerne am eigenen Stuhl sägen, deswegen wird oft das Argument vorgezogen, man müsse jungen Menschen sagen, was sie zu lernen und zu wissen haben, da sie ja keine Erfahrung haben. Das ist der falsche Ansatz.

Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit, Teilhabe der Betroffenen an der Gestaltung des Bildungssystems, inklusive und partizipative Methoden spielen hier eine sehr große Rolle. Junge Menschen müssen mitsprechen und mitentscheiden können, wie ihre Lehr- und Ausbildungspläne und die Unterrichtsgestaltung aussehen. Nur so können sie ihre eigene Zukunft mitbestimmen, ohne dass sie ihnen vorgeschrieben wird. Das ist unangenehm für diejenigen, die bisher über Bildung und Inhalte entschieden haben, aber essentiell für nachhaltig gestaltete Bildungslandschaften und kommende Generationen.

Das Gespräch wurde im August 2016 geführt.

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