Interview
Gespräche mit Akteuren und Fachleuten zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung.
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Philip M. Pankow
Mitglied im Beirat der UNESCO-Projektschulen

„Es geht nicht darum, Fragen zu beantworten, sondern Fragen zu stellen“

Philip M. Pankow setzt sich international für Bildung für nachhaltige Entwicklung ein. Er ist Mitglied im Beirat der UNESCO-Projektschulen der Deutschen UNESCO-Kommission und war ehemals selbst Schüler einer UNESCO-Projektschule. Im Interview erläutert er, warum Bildung für nachhaltige Entwicklung für Schulen essentiell ist und es notwendig ist, auch die Rolle von Lehrkräften zu überdenken.

Dieses Interview dauert 10 Minuten
Deutsche UNESCO-Kommission: Herr Pankow, was verstehen Sie unter Bildung für nachhaltige Entwicklung?
Philip M. Pankow: Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist für mich das Konzept, wie wir auch in der Zukunft gut leben können.
Die Vereinten Nationen haben im September 2015 Ziele nachhaltiger Entwicklung – die SDGs – verabschiedet. Bildung spielt hierbei eine zentrale Rolle. Das Ziel lautet: "Bis 2030 für alle Menschen inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung sicherstellen sowie Möglichkeiten zum lebenslangen Lernen fördern." Was ist Ihre persönliche Vision von BNE in Schulen im Jahr 2030?
Es ist ganz essentiell, dass BNE in Schulen stattfindet – sogar unverzichtbar. Momentan wird in Schulen noch ganz stark in Fächerkonstellationen gedacht. Es ist wichtig, dass künftig fächerübergreifend an dem Thema gearbeitet wird. Man kann ja nicht sagen, BNE sei nur Biologie oder nur Politik. Das Interessanteste passiert, wenn sich die Fächer überschneiden. Dazu bedarf es einer anderen Definition von Unterricht. Es muss viel stärker so gearbeitet werden, dass Schüler Eigeninitiative entwickeln können, und Projektunterricht sollte eine wichtigere Rolle spielen. Es ist elementar, dass sich Schüler hierbei vom behandelten Objekt zum handelnden Subjekt emanzipieren.

BNE sollte nicht nur auf die Umwelt reduziert werden. Sie sollte insgesamt klarer Teil der Schulkultur sein und eine individuelle Haltung implizieren – von den Projekten bis hin zur Schulmensa. In einigen UNESCO-Projektschulen ist das übrigens bereits heute der Fall. Schule muss sich selbst stark verändern. Das System, das wir jetzt haben, ist noch sehr anachronistisch. Schule sollte sich viel stärker als Institution im öffentlichen Raum verstehen und Partnerschaften eingehen mit außerschulischen Institutionen. Wenn das klappt bis zum Jahr 2030, wäre das wirklich klasse.
Welche Rolle spielen Lehrende künftig?
Die Lehrerrolle muss sich vollkommen verändern. Ich konnte es früher als Schüler nicht ausstehen, wenn sich der Lehrer vorne hingestellt und Tafelbilder gemalt hat. Wir durften dann raten, was er für welche Lücken vorgesehen hatte, und er war unzufrieden, wenn nicht exakt seine erwartete Antwort kam. Hier brauchen wir natürlich einen Wandel. Schüler müssen stärker in die Unterrichtsgestaltung einbezogen werden. Lehrer sollten eher Lernprozessbegleiter oder Lerncoaches sein. Das alte Lehrerbild "Ich habe die ganzen Antworten und jetzt dürfen die Schüler raten, was die Antworten sind" ist nicht mehr zeitgemäß.
Sie erwähnten eben, dass in einigen UNESCO-Projektschulen die Verankerung von BNE schon recht fortgeschritten ist. Was ist das besondere an UNESCO-Projektschulen?
Im Zentrum steht die Prämisse: Da Krieg in den Köpfen der Menschen entsteht, muss dort eben auch der Frieden verankert werden. Das versuchen wir umzusetzen. Wir stützen uns dabei auf sechs Säulen, eine davon ist Bildung für nachhaltige Entwicklung. Daneben geht es um Menschenrechtsbildung und Demokratieerziehung, Interkulturelles Lernen und Zusammenleben in Vielfalt, Freiheit und Chancen im digitalen Zeitalter und UNESCO-Welterbeerziehung.
Im Rahmen Ihrer Projekte und Tätigkeiten waren Sie in vielen Ländern unterwegs und haben Einblick in deren Bildungssysteme bekommen. Was können wir von anderen Ländern im Bereich BNE lernen?
Eine Lehrerin aus Asien sagte mir einmal, dass es bei Ihnen nicht darum geht, Fragen zu beantworten, sondern Fragen zu stellen. Ich finde, diesen Aspekt sollten wir uns unbedingt abschauen.

UNESCO-Projektschulen: Zusammenleben lernen in einer pluralistischen Welt in kultureller Vielfalt, so lautet das übergeordnete Bildungsziel der UNESCO-Projektschulen. Die UNESCO-Projektschulen engagieren sich für eine Kultur des Friedens, für den Schutz der Umwelt, für eine nachhaltige Entwicklung und für einen gerechten Ausgleich zwischen Arm und Reich. Das Schulleben gestalten sie im Sinne des interkulturellen Lernens. In Deutschland gibt es 250 UNESCO-Projektschulen. Weltweit sind 10.000 Schulen in 181 Ländern Mitglieder des internationalen Netzwerkes.
  
Philip M. Pankow ist ehemaliger Schüler einer UNESCO-Projektschule und seit seiner Schulzeit in UNESCO-Projekten involviert. Er studiert an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft im Haupt- und Philosophie im Nebenfach und arbeitet neben seinem Studium als freier Mitarbeiter im Büro der Bundeskoordination der UNESCO-Projektschulen in Berlin. Aktuell bereitet er im Team die Deutsch-Afrikanische Jugendakademie vor, initiiert Partnerschaften mit indischen Schulen und hofft, dass der Euro-Arabische Dialog im Libanon fortgesetzt werden kann.

 

Das Gespräch wurde im Juli 2016 geführt.