Interview
Gespräche mit Akteuren und Fachleuten zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung.
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Charles Hopkins
Inhaber UNESCO-Lehrstuhl Reorienting Teacher Education, York University in Toronto, Kanada

„2016 ist ein richtungsweisendes Jahr des Optimismus“

Professor Charles Hopkins spricht im Interview darüber, warum er mit Optimismus in die globale Zukunft sieht und wie Bildung für nachhaltige Entwicklung zu hochwertiger Bildung verhelfen kann, die Menschen auf eine nachhaltige Zukunft vorbereitet.

Dieses Interview dauert 10 Minuten
Deutsche UNESCO-Kommission: Wofür steht das B in BNE? Was ist die Rolle von Bildung?
Charles Hopkins: Ursprünglich stand das B für Bildung, öffentliches Bewusstein, Verständnis und Ausbildung. Wir haben es auf die Bildung im engeren Sinne reduziert. Es geht also nicht nur um Kinder und Schulen. Es geht um Wissen, Perspektiven, Werte, Weltansichten und letztlich das menschliche Leitsystem. Wir haben uns keinen großen Gefallen damit getan, den Begriff auf ein Wort zu reduzieren, aber wir konnten nicht jedes Mal von Bildung, öffentliches Bewusstein, Verständnis und Ausbildung sprechen. Bildung spielt eine wichtige Rolle, weil es ein Instrument der Umsetzung ist. Als das Konzept von nachhaltiger Entwicklung 1987 aufkam, steckten wir fünf Jahre in Verhandlungen darüber, was die großen Themen sind, mit denen wir uns beschäftigen müssen und wie die einzelnen Länder das tun wollen. Die vierzig Themen, auf die man sich einigte, wurden auf vier Abschnitte aufgeteilt, die zusammen das globale Umsetzungsprogramm, die sogenannte Agenda 21 bildeten. Es gab einen Teil über soziale und ökonomische Aspekte, einen über Umweltthemen und einen über neun Gruppen von Menschen, die oft nicht beteiligt werden, wenn weitreichende Entwicklungsentscheidungen getroffen werden und künftig stärker partizipieren sollten. Dazu zählten beispielsweise Frauen, Jugendliche, Arbeiter, Bauern oder indigene Menschen. Der vierte Teil der Agenda 21 bezog sich auf Instrumente der Umsetzung. Diese Instrumente, die sich auf die ersten beiden Teile bezogen, waren Wissenschaft, Technologietransfer und Finanzierung. Außerdem wurde Bildung, öffentliches Bewusstein, Verständnis und Ausbildung als entscheidendes Umsetzungsinstrument erkannt. In der Agenda 21 hatte Bildung nicht nur ein eigenes Kapitel sondern wurde in alle anderen 39 Kapitel als Komponente der Umsetzung integriert.
Und jetzt? Die Globale Nachhaltigkeitsagenda ist der dritte Plan zur Umsetzung von Nachhaltigkeit nach der Agenda 21 und den Millenniumentwicklungszielen. BNE ist in dem Ziel 4 der Globalen Nachhaltigkeitsagenda beschrieben und inhärent in vielen anderen. Dennoch ist es aktuell stark unterfinanziert und wird beinah als selbstverständlich wahrgenommen. Für etwas, das so wichtig ist, haben wir so wenig investiert.
Wie hängen Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und hochwertige Bildung zusammen?
Die Verbindung wird durch aktuelle Forschung deutlicher. Kürzlich haben wir in 18 Ländern geforscht, um den Zusammenhang zu untersuchen. Ziel der Untersuchung war, herauszufinden, ob fest verankerte BNE die Qualität von Bildung insgesamt verbessert, wie von Bildungsexperten und -ministerien erhofft. Anders formuliert: Das Ziel war es, zu belegen, dass Schulen, die ihr Curriculum und ihre Pädagogik auf lokale, soziale, umweltrelevante und ökonomische Aspekte ausrichten, Fähigkeiten ihrer Schüler verbessern. Unsere Forschung untersuchte die Beziehung zwischen BNE und einer wahrnehmbaren Qualität der Bildung. Wir haben herausgefunden: BNE – neben anderem – stärkt tatsächlich viele komplexe Kompetenzen, die wir brauchen, wie beispielsweise kritisches Denken, die Fähigkeit Informationen zu finden, wie man sich einbringen kann und lokale/ regionale Forschung betreibt oder wie verschiedene Perspektiven in einem neuen Konzept oder einer neuen Idee vereint werden können. Worüber wir sprechen und was wir erstreben, ist Bildung jenseits der bloßen Fakten. In der Lage zu sein, Konzepte, Informationen und Perspektiven zu verarbeiten, zu verstehen und zu einem umfänglichen Wissen zu machen: Das ist das übergeordnete Ziel von Bildung und wir haben herausgefunden, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung genau das erreicht.
Wieso stärkt Bildung für nachhaltige Entwicklung diese Fähigkeiten?
Ich denke, dass ein wichtiger Punkt die Relevanz ist. BNE ist lediglich ein Mittel, um gute Bildung zu erreichen. Es ist kein separates Thema. Es ist ein Zusammenspiel von hochwertiger Bildung, neu orientierter Kerndisziplinen und verschiedener Bildungsstrategien wie beispielsweise Umweltbildung, Nachhaltigkeitsbildung, Globales Lernen, Entwicklungsbildung oder andere, um eine nachhaltige Zukunft zu erreichen. Gute BNE beginnt mit der Erkundung von etwas, das für die Schüler bereits relevant ist. Es kann beispielsweise ein globales Thema sein, an dem die Schüler interessiert sind und das dann lokal untersucht wird oder umgekehrt ein Erlebnis aus der eigenen Nachbarschaft. Es kann ein rassistischer Vorfall an der Schule sein oder die Frage, wie wir leben und welche Auswirkungen dies hat. Der eigentliche Kern ist also Relevanz gefolgt von dem Bewusstsein etwas Gutes zu tun, nicht nur für sich selbst sondern auch für andere. Das ist wohl ein Bestandteil von Menschlichkeit.
Was ist Ihre Einschätzung zur Entwicklung von BNE in Deutschland, insbesondere auch im Rahmen der Umsetzung des UNESCO-Weltaktionsprogramms BNE?
Deutschland war ein Spitzenreiter in der Umsetzung der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung und ist nun mit Entschlossenheit mit der Umsetzung des Weltaktionsprogramms befasst. Jetzt wird es entscheidend sein, einen Nationalen Aktionsplan zu erstellen trotz der Herausforderungen, die die unterschiedlichen Zuständigkeiten in dem föderalen System Deutschlands mit sich bringen.
Sie haben einmal gesagt, 2016 sei ein richtungsweisendes Jahr des Optimismus. Warum ist das so?
Wir haben nun die Globalen Nachhaltigkeitsziele und realistisch betrachtet, könnten sie nicht weitreichend genug und zu spät sein, aber nie zuvor haben die Dinge so stark in eine Richtung gewiesen wie jetzt. Während der UN-Dekade haben wir gute Praxis identifiziert. Wir haben die Unternehmenswelt weitestgehend an Bord, denn die Welt zahlt CO2-Steuer: Handel und Industrie sind also involviert. Hochschulbildung wendet sich weltweit Nachhaltigkeitsthemen zu. Sogar im Master of Business Administration, internationalen MBAs, sprechen sie über CO2-Währungen. In jedem Sektor sind wir heute besser, als wir es je in der Vergangenheit gewesen sind und deshalb bin ich optimistisch. Ja, wir müssen noch sehr viel weiter gehen, aber ich sehe nicht, warum wir so pessimistisch seien sollten zu sagen, dass wir es niemals schaffen werden oder – noch schlimmer – es einfach zu ignorieren oder zu glauben, die Wissenschaft würde es schon in Ordnung bringen oder dass es ein Problem der Zukunft aber nicht der Gegenwart wäre. In nahezu keinem Land der Welt sind die Bestreiter des Klimawandels noch ernsthaft in der Mehrheit. Lokale Regierungen kommen in Bewegung. Doch nationale Regierungen lassen sich immer noch Zeit, denn egal was sie tun, sie müssen es vom Parlament absegnen lassen und sich daran orientieren, wie sie sich in Verhandlungen positionieren. Aber auf lokaler Ebene werden Dinge schnell vorwärts gebracht. Das alles hatten wir noch nie zuvor in der Vergangenheit.
Was ist Ihre persönliche Vision von BNE in der Zukunft?
Ich denke, Bildung und das Konzept von nachhaltiger Zukunft werden sich vermischen. Zunächst beginnt man mit einer Vision. Dann überlegt man, was die Komponenten sind, die man hat, um dorthin zu kommen: Was sind die Hindernisse, was die Vorteile, die wir bereits haben und wie genau werden wir es umsetzen? Wenn man das herausgefunden hat, beginnt man mit der Zuteilung von Ressourcen, fragt wo es in das Curriculum passt, wie der Zeitplan ist und wie es finanziert wird und schließlich wie es überprüft und evaluiert wird. BNE muss in die Bildungsfakultäten und in die Aus- und Weiterbildung. Man muss die Eltern gewinnen und zwar so, dass sie nicht nur erlauben, dass etwas passiert, sondern dass sie insistieren und fordern, dass etwas passiert. Und wir müssen uns fragen: Wie präsentieren wir die Suche nach einer nachhaltigen Zukunft auf eine Art und Weise, dass Lernende sich begeistert mit dem Thema identifizieren und sich aktiv engagieren?

Charles Hopkins ist Professor und Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls in Reorienting Teacher Education an der York University in Toronto, Kanada. Seine jüngst erschienene Studie befasst sich mit dem Beitrag, den Bildung für nachhaltige Entwicklung für hochwertige Bildung leisten kann. Die vollständige Studie auf Englisch finden Sie hier.

 

Das Gespräch wurde im Juli 2016 geführt.

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