Interview
Gespräche mit Akteuren und Fachleuten zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung.
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Prof. Dr. Matthias Rohs
Juniorprofessor für Erwachsenenbildung mit dem Schwerpunkt Fernstudium und E-Learning an der Technischen Universität Kaiserslautern

„Spielen darf auch zweckfrei sein und Unterhaltung muss nicht lehrreich sein”

Interview mit Jun.-Prof. Dr. Matthias Rohs, Professor für Erwachsenenbildung mit dem Schwerpunkt Fernstudium und E-Learning  an der Technischen Universität Kaiserslautern, zum Thema Informelles Lernen.

Dieses Interview dauert 20 Minuten
Deutsche UNESCO-Kommission: Informelles Lernen findet außerhalb von Bildungseinrichtungen statt. Es gibt keine festen Lehrpläne und Organisationsstrukturen. Wo liegen thematische Ansatzpunkte und Handlungsfelder mit besonderem Potenzial bei der Vermittlung von Inhalten der Bildung für nachhaltige Entwicklung?
Prof. Dr. Matthias Rohs: Informelles Lernen wird auch als "natürliches" Lernen bezeichnet, d.h. es findet in allen Lebenszusammenhängen statt, auch solchen, die nicht primär dem Zweck des Lernens dienen. Somit kann das informelle Lernen auch überall ansetzen, wo beispielsweise ein Problem zu lösen ist oder einfach ein Interesse an einem Gegenstand vorliegt. Überall dort, wo außerhalb von Bildungsstrukturen das Interesse geweckt werden kann, sich mit Fragen der Nachhaltigkeit auseinander zu setzen oder die Notwendigkeit besteht, dies zu tun, können informelle Lernprozesse zur Nachhaltigkeit angestoßen werden. Sei es durch billige Modeprodukte, einen Nachrichtenbeitrag über Klimaveränderungen oder bei der Frage nach dem Energieversorger oder dem nächsten Autokauf. Ob sich dann tatsächlich jemand damit auseinander setzt, dem Anstoß Aufmerksamkeit schenkt und sich Fragen zur Nachhaltigkeit stellt, liegt ganz bei einem selbst. Informelles Lernen kann in diesem Sinne nicht gesteuert, sondern nur unterstützt oder angeregt werden. Dazu sind die Voraussetzungen und die Rahmenbedingungen zum informellen Lernen zu verbessern. In einigen Bereichen zeigen sich besondere Potenziale für ein informelles Lernen zur Nachhaltigkeit, so z. B. im beruflichen Kontext, in Freizeit und Urlaub, in der Regionalentwicklung und im zivilgesellschaftlichen Engagement, um nur einige zu nennen. In diesen Feldern gibt es zahlreiche Anknüpfungspunkte zur Auseinandersetzung mit dem Thema. Die hier bestehenden Potenziale können durch eine gezielte Unterstützung einen großen Gewinn für die Bildung für eine nachhaltige Entwicklung bedeuten.
Es wird geschätzt, dass 60-70 Prozent aller menschlichen Lernprozesse im Alltag, am Arbeitsplatz, in der Familie und in der Freizeit geschehen. Wie kann Bildung für nachhaltige Entwicklung verstärkt in diese Bereiche integriert werden?
Um informelles Lernen zu fördern, ist es notwendig, sowohl die Rahmenbedingungen des Lernens so zu gestalten, dass informelles Lernen angeregt und ermöglicht wird, als auch auf die Einstellung und Fähigkeiten der Lernenden einzugehen, damit sie eine lernförderliche Umgebung auch nutzen wollen und können. Denn auch ein Schwimmbecken nützt nur dann, wenn man auch schwimmen kann. Am leichtesten ist dies am Beispiel des informellen Lernens am Arbeitsplatz zu erklären. Nachhaltigkeit spielt hier vielfältig eine Rolle, ob es um den Papierverbrauch im Büro geht oder die Anstellung von schlecht bezahlten Wach- und Reinigungskräften. Bereits die Wahrnehmung dieser Probleme setzt eine gewisse Einstellung und Aufmerksamkeit, aber auch eine Reflexionsfähigkeit voraus, um die Folgen dieses Verhaltens abzuschätzen. Die darauf folgende Auseinandersetzung setzt im Unternehmen ein offenes und angstfreies Klima ebenso voraus, wie die Möglichkeit und die Fähigkeit, sich über Alternativen und Hintergründe informieren zu können. Auch im Familienleben gibt es immer wieder Beispiele, die dazu anregen sich über Fragen der Nachhaltigkeit und die Veränderung des eigenen Handelns auseinander zu setzen, wie z.B. Konsum, Mobilitäts- und Heizverhalten. Aber auch hier erfordert es den Willen und die Bereitschaft Lernen zu wollen und dieses Lernen zu unterstützen - also z. B. auch die Zeit der Eltern ihrem Kind Hintergründe zu erklären. Bereits an diesen Beispielen wird deutlich, dass es keine allgemeine Strategie geben kann, das informelle Lernen für eine nachhaltige Entwicklung in die unterschiedlichsten Lebensbereiche zu integrieren. Dennoch gibt es ähnliche Voraussetzungen, um informelles Lernen zu ermöglichen. Dazu gehört z. B. ein Bewusstsein über die Folgen des eigenen Handelns, als auch die Möglichkeit sich darüber und mögliche Alternativen zu informieren. In diesem Kontext spielen auch die formale Bildung und die Massenmedien eine wichtige Rolle.
Informelles Lernen findet selbstgesteuert und aufgrund von individuellen Interessen und Präferenzen statt. Daraus ergibt sich ein hohes Maß an Motivation und Lernbereitschaft des Einzelnen. Was kann man konkret tun, um dieses Potenzial auszuschöpfen und neue Zielgruppen für BNE zu sensibilisieren?
Um die Motivation für informelles Lernen auszuschöpfen ist es notwendig, Strukturen zu schaffen, um informelles Lernen zu ermöglichen. Dazu gehört nicht nur der Zugang zu Informationsressourcen, auch wenn die Recherche im Internet wohl zu den häufigsten Formen informellen Lernens gehört. Auch die Möglichkeit mit anderen über die Interessen und Fragen zu diskutieren ist von großer Bedeutung. Grundlage dafür ist aber auch die Fähigkeit, sich geeignete Ansprechpartner zu suchen, oder Informationen zu recherchieren. Informelles Lernen darf jedoch nicht falsch interpretiert werden; als Möglichkeit auch die letzten Bereiche von Freizeit und Erholung für das Lernen zu gewinnen. Die Grenzen zwischen formellem und informellen Lernen sind fließend, wie der Bereich des Edutainment zeigt. Spielen darf auch zweckfrei sein und Unterhaltung muss nicht lehrreich sein. Die Praxis zeigt, dass sich sonst die Lernmotivation schnell ins Gegenteil verkehren kann. Eine andere Frage ist, wie neue Zielgruppen für ein informelles Lernen zur nachhaltigen Entwicklung gewonnen werden können. Motivationen und Anreize spielen hier eine zentrale Rolle. Dahinter verbirgt sich zum einen auch die Frage, wie das Thema Nachhaltigkeit ins öffentliche Bewusstsein gebracht werden kann, denn das Bewusstsein ist Voraussetzung, um Lerngelegenheiten überhaupt wahrzunehmen. Untersuchungen zeigen aber auch, dass das Bildungsniveau einen hohen Einfluss auf das informelle Lernen hat, d.h. dass die Affinität vorhandene Informations- und Lernmöglichkeiten zu nutzen bei Personen mit höherem Bildungsniveau stärker ausgeprägt ist.
Welche Einrichtungen und Akteure spielen bei der Vermittlung von BNE im informellen Bereich eine zentrale Rolle?
In der Unterstützung informellen Lernens spielen vor allem die Einrichtungen eine wichtige Rolle, die nicht als Bildungsinstitutionen zu verstehen sind, sich aber dennoch stark für nachhaltiges Handeln und Denken engagieren. Dazu gehören beispielsweise Regierungs- und Nicht-Regierungsorganisationen, die im Bereich des Umweltschutzes aktiv sind, Unternehmen und Einrichtungen, die nachhaltig wirtschaften oder auch Vereine und Hilfswerke, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen. Sie regen in hohem Maße zur Reflexion eigener Verhaltensweisen und damit verbunden zu informellem Lernen an. In diesem Zusammenhang spielen auch die Massenmedien eine besondere Rolle, über die entsprechende Informationen in die Bevölkerung getragen werden. Neben einzelnen Einrichtungen und Akteuren übernehmen auch soziale Netzwerke und Communities eine wichtige Funktion, da sie das informelle Lernen als Organisationsformen selbst unterstützen und die Aktivitäten verschiedener Akteure bündeln und damit effektiver gestalten. Für die Unterstützung informellen Lernens können aber auch Bildungseinrichtungen eine wichtige Rolle übernehmen, indem sie Interessen wecken und Kompetenzen zum informellen Lernen stärken.
Auf welchen Gebieten besteht besonderer Forschungsbedarf oder die Notwendigkeit neuer Ausbildungsgänge, um BNE stärker im informellen Lernen zu verankern?
Der allgemein zugestandenen hohen Bedeutung informellen Lernens steht ein relativ dünnes Fundament solider wissenschaftlicher Forschung gegenüber. Dies betrifft auch das informelle Lernen für eine nachhaltige Entwicklung. Um die Potenziale informelles Lernen für eine nachhaltige Entwicklung nutzen zu können, ist es in weitaus stärkerem Maße als bisher notwendig, in eine Erforschung dieses Lernens zu investieren. Dringendster Forschungsbedarf besteht dabei vor allem darin, die Rahmenbedingungen zu identifizieren, die informelles Lernen beeinflussen und die Frage zu klären, wie ein Lernen an der Schnittstelle formellen und informellen Lernens gestaltet werden kann. Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, zum einen die pädagogische Ausbildung allgemein stärker auf die Bedeutung informellen Lernens hin auszurichten. Dies beinhaltet auch die Möglichkeiten einer nachfrageorientierten und auf die Unterstützung selbst gesteuerten Lernens hin ausgerichteten Didaktik zum Gegenstand der Ausbildung zu machen. Dies trifft in diesem Kontext z. B. besonders für den Bereich der Umweltbildung zu. Zum anderen ist es von großer Bedeutung, sich an Gestalter und Entscheider zu wenden, die an den klassischen Bereichen informeller Bildung tätig sind, und ihnen Handlungswissen zur Unterstützung informellen Lernens mit auf den Weg zu geben. Dies betrifft beispielsweise Eltern ebenso wie Vorgesetzte in Unternehmen oder aber auch Reisebegleiter.
Welche Rolle spielen Medien wie Radio, Fernsehen und Internet bei der Vermittlung von Bildung für nachhaltige Entwicklung?
Radio, Fernsehen oder Internet sind wichtige Informationsressourcen für informelles Lernen, ersetzen aber nicht den dringend notwendige unmittelbaren sozialen Austausch. Durch Untersuchungen ist zudem bekannt, dass die "Informationsflut", mit der wir durch die Massenmedien konfrontiert sind vor allem denjenigen Zugute kommen, die sowieso schon gut informiert sind. In diesem Sinne unterstützen sie das informelle Lernen unterschiedlich stark, wodurch die Gefahr besteht, dass der Wissensunterschied zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen sogar noch ansteigt.. Aus diesem Grund ist es zwar wichtig, über qualitativ hochwertige Informationssendungen und -portale zur "Bildung für eine nachhaltige Entwicklung" beizutragen. Gleichzeitig muss dies durch entsprechende Bildungsangebote begleitet werden, die sowohl die Voraussetzungen für den Umgang mit den Massenmedien als Informationsressource schafft, als auch die Reflexion und den Austausch darüber anregt.
Welche Frage halten Sie für eine Einführung in den Bereich informelles Lernen und BNE noch für wichtig?
Informelles Lernen setzt Rahmenbedingungen voraus, die das Lernen anregen oder unterstützen. Für Einrichtungen, die das informelle Lernen stärker unterstützen wollen, bedeutet das die Entwicklung neuer Lernarrangements. Zur Finanzierung entsprechender Konzepte und Herangehensweisen sind bisherige Finanzierungsinstrumente jedoch ungeeignet, da diese in der Regel ausschließlich auf etablierte Bildungsmethoden abzielen. Hierfür müssen Lösungen entwickelt werden, die eine Qualitätskontrolle ebenso ermöglichen, wie die Offenheit und das Vertrauen für die Arbeit in einem kaum planbaren Prozess.