Interview
Gespräche mit Akteuren und Fachleuten zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung.
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Dr. Manfred Beck
Ehemaliger Beigeordneter für Kultur, Bildung, Jugend, Sport und Integration der Stadt Gelsenkirchen

„Bildung für nachhaltige Entwicklung ist ein Standortfaktor für Kommunen“

Interview mit dem ehemaligen Beigeordneten für Kultur, Bildung, Jugend, Sport und Integration der Stadt Gelsenkirchen Dr. Manfred Beck zu der Bedeutung von Bildung für nachhaltige Entwicklung für Kommunen

Dieses Interview dauert 20 Minuten
Deutsche UNESCO-Kommission: Kommunen haben eine zentrale Bedeutung für die Verwirklichung von Nachhaltigkeit. Viele Nachhaltigkeitsthemen werden lokal entschieden und/ oder wirken sich lokal aus. Herr Dr. Beck, Sie waren bis Ende September 2016 Beigeordneter für Kultur, Bildung, Jugend, Sport und Integration der Stadt Gelsenkirchen und zuletzt auch Stadtdirektor. Aus Ihrer Erfahrung der letzten Jahre: Warum sollten sich Kommunen mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen?
Dr. Manfred Beck: Zunächst gilt natürlich immer noch, dass jene, die global denken, lokal handeln sollten. Dazu geben die von den Vereinten Nationen definierten Ziele nachhaltiger Entwicklung, die Sustainable Developmental Goals, kurz SDGs, einen guten Leitfaden. Und wer hätte kein Interesse daran, unsere Städte, Gemeinden und Landkreise lebenswert zu erhalten. Zumindest in den Großstädten ist es schon heute so, dass trotz der Verbesserungen der letzten Jahre, die Schadstoffbelastung gesundheitsgefährdend ist und das Mikroklima den Aufenthalt an einzelnen innerstädtischen Orten wenig erstrebenswert macht.
Ich meine, dass nachhaltige Entwicklung ein Standortfaktor wird, zum Teil schon geworden ist. Insgesamt haben wir Herkulesaufgaben vor der Brust: Unser Bildungssystem benachteiligt massiv Kinder aus sozial schwächeren und aus Zuwandererfamilien, die Partizipation junger Menschen ist entwicklungsfähig, moderne Mobilitätskonzepte müssen entwickelt und umgesetzt werden, die Energiewende muss lokale Realität werden und vieles mehr.
Meine Heimatstadt Gelsenkirchen arbeitet beispielsweise intensiv daran, die Chancen junger Menschen aus benachteiligten Bevölkerungskreisen zu verbessern, denn sie sind die Zukunft unserer Stadt. Wir haben in den letzten Jahren ihre Beteiligungsmöglichkeiten an der Gestaltung des Schullebens und der Stadtgesellschaft erheblich verbessert. Wir betreiben im Rahmen des Konzeptes „Kein Kind zurück lassen“ eine systematische gesellschaftliche Beteiligungsförderung.
Energie, Mobilität, faire Beschaffung und nachhaltige Stadtentwicklung, wie zum Beispiel die Einrichtung eines Biomasseparks mit partizipativ gestaltetem Lehrpfad auf einer Industriebrache, sind zentrale Themen.
Standortfaktor BNE in Frankfurt am Main
Gastbeitrag von Michael Schlecht, Koordinator der städtischen Aktivitäten zum Weltaktionsprogramm
Sie haben sich in Gelsenkirchen intensiv für die Umsetzung von Bildung für nachhaltige Entwicklung eingesetzt. Warum sehen Sie diesen Bildungsansatz als Chance für Kommunen und was können diese tun, um BNE vor Ort zu stärken?
Für mich ist Bildung für nachhaltige Entwicklung, also BNE, Kern der kommunalen Verantwortung für Bildungsprozesse aller Art und in allen Bereichen kommunalen Lebens. Für vorschulische und schulische Bildung hat sich in den vergangenen Jahren eine staatlich-kommunale Verantwortungsgemeinschaft entwickelt, die in den Kommunen mit Leben gefüllt wird. Lernen findet nicht ausschließlich in Kindertageseinrichtungen, Schulen und Weiterbildungsinstitutionen statt, sondern auch in den Familien, im Quartier, in Jugendorganisationen, in Sportvereinen, im Wald, in Museen, in der Stadtverwaltung etc. Die Qualität von Bildungsprozessen liegt in der Bündelung sogenannter „außerschulischer“ Lernorte mit institutionalisierten Bildungsangeboten. Die Kids müssen lernen, dass Kühe nicht lila sind und wie der Strom in die Steckdose kommt. Sie sollen sich als Teil der kommunalen Gesellschaft sehen und Gestaltungskompetenzen entwickeln. Aber auch Institutionen, Unternehmen, Politik und Verwaltung müssen sich als lernende Organismen verstehen.BNE ist also eine kommunale Querschnittsaufgabe.
Neumarkt in der Oberpfalz
sieht BNE als Querschnittsaufgabe und hat BNE in das Leitbild der Stadt integriert.
Warum sind Kommunen für Bildung, jenseits der Schule, überhaupt relevant?
Kommunale Selbstverwaltung bedeutet ja auch kommunale Verantwortungsübernahme. Kommunen müssen noch stärker das Bewusstsein entwickeln, dass sie im Rahmen der Aufgabenteilung von Bund, Ländern und Gemeinden Bildungsmanagement für ihren Zuständigkeitsbereich zu betreiben haben. Gerade in einer hochentwickelten Industrienation ist es kommunale Aufgabe, allen Bürgerinnen und Bürgern den Zugang zu dieser Gesellschaft zu ermöglichen. Bildung ist der Schlüssel dafür und deshalb Aufgabe der Kommune von Geburt bis ins hohe Erwachsenenalter.
Gelsenkirchen wurde mehrfach im Rahmen der UN-Dekade BNE ausgezeichnet und jüngst auch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Deutschen UNESCO-Kommission im Rahmen des UNESCO-Weltaktionsprogramms BNE. Aktuell ist die Stadt für den deutschen Nachhaltigkeitspreis nominiert. Was macht Gelsenkirchen richtig? Und was sind die besonderen Bedingungen der im Ruhrgebiet liegenden Stadt?
Bei den Themen Nachhaltigkeit und BNE gibt es immer wieder erstaunte Blicke, wenn Gelsenkirchen in derselben Liga wie Freiburg spielt. Ja, Gelsenkirchen hieß einmal „die Stadt der tausend Feuer“. Wahr ist, dass es hier über viele Jahre nicht möglich war, die Wäsche im Freien zu trocknen. Wahr ist auch, dass im Ruhrgebiet die Wiege des Reichtums der Bundesrepublik Deutschland liegt. Nach dem Ende von Kohle und Stahl und dem Wegfall von 80.000 Arbeitsplätzen in Bergbau und Montanindustrie allein in unserer Stadt, hat sich eine durchgrünte Städtelandschaft ohne Smogglocke, aber mit vielen verseuchten Industriebrachen und erheblichen sozialen Problemen entwickelt.
Mangels einer mittelständischen Wirtschafts- und einer bürgerlich geprägten Bevölkerungsstruktur lag es nahe, mit Bildung soziale Verwerfungen zu bekämpfen und unsere Stadtbevölkerung zukunftsfähig zu machen. BNE ist schon deshalb zum Standortfaktor geworden.
Wir haben gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Akteuren in Gelsenkirchen viele BNE-Projekte entwickelt: Waldpädagogik, Färbergärten, „essbare Gärten“ und vieles andere mehr. Es ist uns ferner gelungen, bestehende Netzwerke zu fördern und neue zu initiieren, z.B. die „Kreativwerkstatt“, ein Bildungsnetzwerk aller Träger von Bildungsangeboten. Und last but not least haben wir BNE in der Verwaltungsstruktur verankert – als Programmbereich der Volkshochschule und als Stabsstelle in einem Vorstandsbereich der Verwaltungsspitze.
Gelsenkirchen
sieht BNE als Chance, um sich den Herausforderungen im Ruhrgebiet zu stellen.
Gelsenkirchen teilt seine Erfahrungen mit der Umsetzung von BNE und berät andere Kommunen aus dem In- und Ausland. Was geben Sie den Kommunen mit auf den Weg?
Zunächst versuchen wir die Erkenntnis zu vermitteln, dass BNE Element der Zukunftsfähigkeit einer Kommune ist. Wir bekommen dann oft zu hören: „Nun sollen wir auch noch BNE zusätzlich machen“. Deshalb sollte der erste Schritt sein, zu ermitteln, was bereits an Ansätzen der Bildung für nachhaltige Entwicklung vorhanden ist. Mancher Bürgermeister und manche Bürgermeisterin ist erstaunt, was bei genauem Hinsehen bereits vorhanden ist. Wir versuchen dann gemeinsam zu eruieren, welche Fördermöglichkeiten für BNE-Projekte geschaffen werden können, wo und wie sinnvoll Netzwerke etabliert werden sollten und wie eine nachhaltige strukturelle Verankerung aussehen könnte. Dazu gehört auch die Frage des Monitorings beziehungsweise der Evaluation der Prozesse.
Allerdings müssen wir inzwischen mangels personeller Kapazitäten zunehmend Anfragen ablehnen, die über eine reine Informationsvermittlung hinausgehen.
Wichtig ist mir, dass BNE-Konzepte nicht nur in Großstädten funktionieren, sondern auch in kleineren Gemeinden - Alheim in Nordhessen ist ein hervorragendes Beispiel dafür.
Städte und BNE
Das Dossier stellt aktuelle Herausforderungen und Lösungsansätze aus der ganzen Welt vor.
Blick in die BNE-Zukunft
25 Expertinnen und Experten aus 16 Ländern diskutierten beim zweiten internationalen UNESCO-Symposium mit lokalen Akteuren in Gelsenkirchen Zukunftsfragen.
Mehr als 150 lokale Organisationen haben jüngst im Rahmen der Gelsenkirchener Erklärung die Vision einer „lernenden Stadt“ unterschrieben. Was ist an diesem Zusammenschluss besonders? Was sind die nächsten Schritte?
Wir beteiligen uns am Wettbewerb ‚Zukunftsstadt 2030+‘ des Bundeministeriums für Bildung und Forschung mit dem Konzept einer ‚Lernenden Stadt‘. Gelsenkirchen gehört zu den 20 Kommunen der zweiten Wettbewerbsphase, in der es gilt, in 1 ½ Jahren ein Umsetzungskonzept in Form von Reallaboren zu entwickeln. Die Unterschriften zeigen, dass in Gelsenkirchen die ganze Stadtgesellschaft an diesem Prozess beteiligt ist. Das macht uns Organisatoren Mut und Hoffnung, die dritte Wettbewerbsphase zu erreichen.
Gelsenkirchen ist die erste deutsche Stadt im UNESCO-Städtenetzwerk der "Learning Cities". Worin sehen Sie die Verbindung zu Ihrer Arbeit im Bereich BNE?
Der Beitritt war für uns logische Konsequenz der Entwicklung des Ansatzes einer ‚Lernenden Stadt‘. Wir möchten auf globalem Niveau gute Praxis kennenlernen und unsere Erfahrungen weitergeben.
BNE war in Gelsenkirchen das Rückgrat der Lernenden Stadt. Es geht letztlich darum, alle Mitglieder des Gemeinwesens für die Beteiligung an der Bewältigung von Zukunftsaufgaben zu gewinnen. Lokal sind dies Armutsbekämpfung, Chancenausgleich, Partizipation, moderne Mobilität, moderne Energiekonzepte, Zuwanderung, Inklusion und weitere. All diese Zukunftsaufgaben sind keine spezifisch Gelsenkirchener – sie beschäftigen die Menschen in Kommunen weltweit.
Das Weltaktionsprogramm konzentriert sich bei der Umsetzung von Bildung für nachhaltige Entwicklung auf fünf Bereiche . Einer davon ist die Förderung nachhaltiger Entwicklung auf lokaler Ebene. Sie sind Vorsitzender des Fachforums Kommunen. Woran arbeitet Ihr Fachforum aktuell und was möchten Sie im Rahmen des Weltaktionsprogramms umsetzen?
Das Forum hat fünf Handlungsfelder definiert, die von der Nationalen Plattform verabschiedet wurden: Kompetenzentwicklung für BNE in Politik, Zivilgesellschaft und Verwaltung betreiben, BNE als Standortfaktor sichtbar machen, intra- und interkommunale Vernetzung und Partizipation fördern sowie Anreize setzen und BNE-Prozesse verstetigen.
Inzwischen haben wir für diese Handlungsfelder Ziele bis 2019 und darüber hinaus festgelegt und im nächsten Schritt wird es darum gehen, der Nationalen Plattform Maßnahmen vorzuschlagen, die geeignet sind, diese Ziele zu erreichen. Ziel ist die Verabschiedung eines Nationalen Aktionsplans im Sommer 2017.
Unsere zentrale Aufgabe besteht auch darin, viele Kommunen im Land zu überzeugen, dass BNE für sie ein Standortfaktor ist, für den sich ein Engagement lohnt. Die Saat der UN-Dekade soll aufgehen. Wir werden uns eng mit den Kommunalen Spitzenverbänden, die in die Strukturen eingebunden sind - sowohl in die Nationale Plattform als auch in das Fachforum Kommunen - abstimmen, um gemeinsam für BNE-Engagement zu werben. Im November und Dezember werde ich gemeinsam mit einem Vertreter der Stadt Frankfurt am Main und einer Vertreterin des BMBF in den Gremien des Städtetages den Stand der Überlegungen vortragen.
Unser Ziel ist letztlich, dass sich möglichst viele Kommunen, also kreisfreie Städte, Landkreise und kreisangehörige Städte und Gemeinden aktiv an der Umsetzung des Weltaktionsprogramms beteiligen.
Weltaktionsprogramm
Welche Rolle spielen Kommunen im Weltaktionsprogramm?

Dr. Manfred Beck war von 1997 bis 2000 Dezernent des Kreises Düren. Von 2000 bis Ende September 2016 Beigeordneter für Kultur, Bildung, Jugend, Sport und Integration der Stadt Gelsenkirchen. In dieser Zeit war er Mitglied mehrerer Gremien des Landkreistages und des Deutschen Städtetages. Im Rahmen der deutschen Umsetzung des UNESCO-Weltaktionsprogramms Bildung für nachhaltige Entwicklung engagiert sich Dr. Beck als Vorsitzender des Fachforums Kommunen. Dr. Beck ist Mitglied von Bündnis 90/DIE GRÜNEN.

 

Das Gespräch wurde im Oktober 2016 geführt.