Kompetenzzentrum für Nachhaltige Entwicklung in Tübingen

Die Universität Tübingen geht einen großen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. Mit der Gründung des Kompetenzzentrums für Nachhaltige Entwicklung im Jahr 2013 hat sich die Universität als Standort für nachhaltige Entwicklung etabliert und setzt wichtige Impulse für die Förderung von Bildung für nachhaltige Entwicklung in der deutschen Hochschullandschaft.

 

von Alexandra Spaeth

Eine zunehmend nachhaltig bewirtschaftete Universität, in der Mitarbeiter  unabhängig von ihrer Position ein Mitspracherecht bei der Umsetzung des Leitbildes haben, Studierende als Pioniere neuer, nachhaltiger Ideen begriffen werden – eine grüne Utopie? In Tübingen gelebter Uni-Alltag. Das Kompetenzzentrum für Nachhaltige Entwicklung der Universität Tübingen verfolgt als gesamtuniversitäres Projekt das Ziel, Nachhaltigkeit systematisch in Forschung, Lehre und Management  zu verankern. Zu den erfolgreich  umgesetzten Maßnahmen gehören beispielsweise ein Innovationsfonds zur Anschubfinanzierung neuer Projekte, inter- und transdisziplinäre Lehr- und  Lernmodule sowie die Zurückdrängung von Einweg-Getränkebechern durch sogenannte „keep-cups“. 2016 wurde das Kompetenzzentrum vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Deutschen UNESCO-Kommission  für herausragendes Engagement zur strukturellen Verankerung von BNE in Deutschland ausgezeichnet.

Nachhaltigkeit fest verankern

Die Universität Tübingen bekennt sich in ihrem Leitbild explizit zur Maxime einer nachhaltigen Entwicklung. Für  die Umsetzung bedarf es sowohl Gestaltungskompetenzen als auch Transformationswissen, erläutert Prof. Dr. Thomas Potthast, Leiter des Kompetenzzentrums für Nachhaltige Entwicklung der Universität. Gemeint sind damit Fertigkeiten und Wissen, welche Rahmenbedingungen wie verändert werden müssen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Nachhaltige Entwicklung  und BNE werden in Tübingen im Sinne  eines „whole-institution approach“ auf die gesamte Institution bezogen.

Eine systematische Herangehensweise erfordert Bildung für nachhaltige Entwicklung; daher ist BNE ein Kernbestandteil des Kompetenzzentrums. „Wenn die Universität selbst Lernort und zugleich Praxisfeld der Nachhaltigkeit wird, sollten dabei die Akteure  in Forschung, Lehre und Betrieb  einbezogen sein, um entsprechende Fähigkeiten entwickeln und fördern zu  können. Das im Aufbau befindliche Tübinger Kompetenzzentrum sieht sich hier als Schnittstelle und Vernetzungsinstitution“, sagt Prof. Potthast.

Die Universität Tübingen bekennt sich in ihrem Leitbild explizit zur Maxime einer nachhaltigen Entwicklung.

Zusammenarbeit interaktiv gestalten

Für den Erfolg spielt insbesondere das Engagement der Studierenden eine große Rolle. Die Hochschule fördert aktiv studentisches Engagement, zum Beispiel durch den erwähnten „Innovationsfonds Nachhaltige Entwicklung“, der ausdrücklich auch studentische Projekte unterstützt. Darüber hinaus waren es ambitionierte Studierende, die Impulse setzten, um das „Studium Oecologicum“, ein umfangreiches BNE-Programm der Universität für Studierende aller Fächer, zu realisieren. „Studierende sind die entscheidenden ‚change agents‘ der Universitäten, die als Pioniere oftmals neue Ideen vorantreiben“, so Prof. Potthast. Aus diesem Grund wird ihnen an der Universität Tübingen viel Gestaltungsspielraum und Mitspracherecht gegeben.

Das Gemeinschaftsprojekt BNE hat sich  an der Universität Tübingen nicht zuletzt durch den Einsatz verschiedenster ehrenamtlich engagierter Personen bewährt. Dazu zählen Studierende genauso wie Lehrende und Verwaltungsangestellte. Als Grundstein für eine Vernetzung hat sich der 2010 gegründete Beirat für Nachhaltige Entwick-lung erwiesen. Er versammelt alle universitären Statusgruppen und berät  die Universitätsleitung. Gute Erfahrungen  hat die Universität mit Bottom-up- Prozessen gemacht. Die verschiedenen Akteure der Universität können so auf Augenhöhe miteinander interagieren; es bedarf jedoch zugleich der Unterstützung dieser Initiativen von „oben“ durch die Universitätsleitung.

Als Grundstein für eine Vernetzung hat sich der 2010 gegründete Beirat für Nachhaltige Entwicklung erwiesen. Er versammelt alle universitären Statusgruppen und berät die Universitätsleitung.

Theorie und Praxis verbinden

Die Universität Tübingen ist eine Volluniversität, sie zeichnet sich durch die große Bandbreite an Studienfächern und die sich daraus ergebenden. Chancen für interdisziplinäre Zusammenarbeit aus. Damit Nachhaltigkeit  in all ihren Dimensionen erfasst  werden kann, ist es wichtig, BNE als  Querschnittsaufgabe zu begreifen. „Disziplinarität, Interdisziplinarität  und Transdisziplinarität sind keine separaten Blöcke, sondern bilden ein Kontinuum mit gleitenden Übergängen. Benötigt wird das gesamte Spektrum“, sagt Prof. Potthast. BNE sei für alle wissenschaftlichen Disziplinen relevant. Der seit 2011 regelmäßig vergebene Nachhaltigkeitspreis der Universität für herausragende Abschlussarbeiten berücksichtigt daher Studierende des gesamten Fächerspektrums.

Auch hinsichtlich der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsprinzipien bei der Bewirtschaftung kann die Universität  Tübingen als Vorbild dienen. Seit 2011 ist  sie EMAS-zertifiziert (Eco-Management and Audit Scheme, EMAS) und hat in diesem Prozess große Fortschritte erzielt. Dies reicht von der konsequenten  Umstellung auf Recyclingpapier und Ökostrom bis hin zu komplexen Fragen  des nachhaltigen Gebäudemanagements.

Kritisches Denken schulen

Die Auseinandersetzung mit BNE an der Universität profitiert insbesondere auch von der langjährigen Erfahrung im Feld angewandter Ethik des Internationalen Zentrums für Ethik in den Wissenschaften, das an der Universität Tübingen beheimatet ist. Dabei solle BNE keinen moralisch belehrenden Ansatz verfolgen. Den Studierenden werde nicht nur Fachwissen vermittelt, vielmehr würden sie zu kritischem Denken angeregt, so Prof. Potthast. „Gerade Urteilsfähigkeit ist ein zentraler Kompetenzbereich einer umfassenden Gestaltungskompetenz“, welche die Fähigkeit beinhaltet, komplexe Zusammenhänge zu erfassen  
und kritisch zu bewerten, Probleme zu identizifieren und Lösungen zu erarbeiten.

„Netzwerkbildung ist forschungspolitisch wichtig und für den Erfahrungsaustausch unerlässlich. Wichtig ist hier auch, dass alle Gruppen der Hochschulen einbezogen werden.“
Prof. Dr. Thomas Potthast

BNE international vernetzen

Die Universität Tübingen pflegt auf nationaler wie internationaler Ebene enge Partnerschaften. Sie beteiligt sich aktiv im Baden-Württembergischen Hochschulnetzwerk BNE und hat den BMBF-FONA-Prozess „Sustainability in Science (SiSi)“ im Bereich Lehre von Anfang an mitgestaltet. Auch ist die Universität inzwischen gemeinsam  mit der Universität Bremen im BMBF-Projekt „Hochschulen für Nachhaltigkeit (HochN)“ für den Bereich Lehre zuständig. „Netzwerkbildung ist forschungspolitisch wichtig und für den Erfahrungsaustausch unerlässlich. Wichtig ist hier auch, dass alle Gruppen der Hochschulen einbezogen werden“, erläutert Prof. Potthast. Das gilt nicht nur auf bundesweiter Ebene, darum initiiert die Universität aktuell über das ASA-Programm von Engagement Global einen Studierendenaustausch zwischen Tübingen und der Universität Addis Abbeba in Äthiopien. Im Mittelpunkt sollen transdisziplinäre Themen stehen, die sich mit nachhaltiger Entwicklung an Universitäten befassen, und die auf Forschung und Lehre bezogen werden sollen. Ziel des interkulturellen Austauschs ist es, das „Voneinander Lernen“ in der BNE voranzutreiben. „Da nachhaltige Entwicklung notwendigerweise auch Transformation auf globaler Ebene erfordert, muss BNE international und  global vernetzt sein“, sagt Prof. Potthast.

Aktivitäten evaluieren und weiterdenken

Das Kompetenzzentrum legt besonderen Wert darauf, dass auch die Lehrenden sich regelmäßig weiterbilden können. So wurden im Rahmen des  Hochschuldidaktikzentrums Baden-Württemberg spezielle Veranstaltungen  angeboten, in denen didaktische Fragen mit Bezug zu Themen nachhaltiger Entwicklung behandelt werden. Auch das Kompetenzzentrum selbst bietet Einführungen zu BNE für Lehrende an. Im Zuge des Umweltprogramms EMAS werden zudem interne Schulungen für Auditoren durchgeführt, die auch BNE-Elemente enthalten. Wichtige Impulse zur Evaluierung liefert der EMAS-Prozess über den internen und externen Audit. Auch wird jeder Kurs des „Studium Oecologicum“ spezifisch evaluiert. Die Rückmeldung der Studierenden hilft, das Lehrangebot stetig zu verbessern.

Darüber hinaus werden derzeit Indikatoren für nachhaltige Entwicklung an der Universität erarbeitet, in denen BNE eine entscheide Rolle spielen wird.
Für die Zukunft plant das Kompetenzzentrum ein „Tübinger Curriculum Nachhaltige Entwicklung“. Das bedeutet, BNE möglichst in allen Studienfächern in der einen oder anderen Weise zu verankern und zugleich fächer- und statusgruppenübergreifend BNE- Angebote für alle Akteure der Universität  anbieten zu können. Dies sei „noch
ein weiter Weg, der Schritt für Schritt erfolgen muss und auch nur partizipativ mit allen Beteiligten gemeinsam gegangen werden kann und soll“, so Prof. Potthast.

Kontakt

Eberhard Karls Universität Tübingen / Kompetenzzentrum für Nachhaltige Entwicklung
Wilhelmstr. 19
72074 Tübingen
Telefon: 07071 29 77986
E-Mail: innovation-nachhaltigkeit(at)uni-tuebingen.de
Webseite des Kompetenzzentrums
Webseite der Universität Tübingen

Herausforderungen

•    Nachhaltige Entwicklung wird oft noch fälschlicherweise auf Umweltschutz reduziert
•    „Breitenwirkung“: Einbeziehung wirklich ‚aller‘ Bereiche in Forschung, Lehre und Betrieb sowie Integration natur-, sozial- und geisteswissenschaftlicher Fachkulturen und dauerhafte Förderung von Inter- und Transdisziplinarität
•    Komplizierte institutionelle Konstellationen zwischen Universität, Landesbetrieben, Kommune etc. bei Fragen nachhaltigen Gebäude-, Flächen-, Mobilitätsmanagements

Gelingensbedingungen

•    Enthusiasmus und persönliches Engagement von Universitätsmitgliedern
•    Maxime der Nachhaltigkeit im Leitbild der Universität verankert und damit zentrales Ziel der Institution
•    Gestaltungsspielraum und Mitspracherecht aller Akteure in Forschung, Lehre und Betrieb, insbesondere auch von Studierenden als „change agents“
•    Netzwerkbildung innerhalb der Universität sowie national und international für Erfahrungsausstausch und gegenseitiges Lernen