Gelsenkirchen: Lernende Stadt

Gelsenkirchen muss sich als Stadt im Ruhrgebiet vielen Herausforderungen stellen. Die Kassen der Stadt sind nicht üppig gefüllt, es gibt eine hohe Arbeitslosigkeit und damit verbundene Armut. Das führt dazu, dass viele alteingesessene Familien wegziehen. Gleichzeitig empfängt die Stadt viele Zuwanderer mit Migrationshintergrund. Den Problemen tritt Gelsenkirchen entschlossen entgegen. Der Rat der Stadt Gelsenkirchen hat die Chancen, die Bildung für nachhaltige Entwicklung ermöglicht, schon früh erkannt. Bereits 1997 wurde einstimmig die Umsetzung der Agenda 21 beschlossen und dafür das aGEnda 21-Büro eröffnet.

 

von Freya Kettner

Zukunftsbildung für eine gerechte Welt

Seit 17 Jahren arbeitet das Team des aGEnda 21-Büros gemeinsam mit den Einwohnern der Stadt daran, eine lebenswerte Zukunft in Gelsenkirchen zu gestalten. Dabei orientieren sie  sich am Konzept der BNE und dem damit  verbundenen Leitgedanken „Global denken, lokal handeln“. Das beinhaltet auch den Grundsatz, die Menschen vor Ort in die nachhaltige Stadtentwicklung und Entwicklung von pädagogischen Maßnahmen mit einzubeziehen. Ziel ist es, so eine zukunftsfähige Bildung in Verbindung mit Präventionsarbeit anzubieten. Ein Bildungs- und Teilhabepaket, ermöglicht es auch Kindern aus einkommensschwachen Familien, zum Beispiel an Klassenfahrten teilzunehmen oder in Vereine einzutreten. Bildung ist der Schlüssel zur Armutsbekämpfung.

„Zukunftsbildung für eine lokal und global gerechte Welt geht nur mit den Menschen vor Ort“, weiß Werner Rybarski, Leiter des aGEnda 21-Büros  in Gelsenkirchen. Gleichzeitig sieht er in Bildung den Schlüssel für Teilhabe an Entscheidungsprozessen und Armutsbekämpfung: „Wenn die Weltgemeinschaft zukunftsfähig werden soll, kann dies nur durch eine Bildung vor Ort erreicht werden, die alle mit einbezieht und alle erreicht“.

Deshalb hat Gelsenkirchen schon seit Beginn der aGEnda 21 das Thema Bildung im Fokus gehabt, obwohl es den Begriff BNE damals noch gar nicht gab. Systematischer wurde die Entwicklung der Bildungsarbeit dann mit dem Beginn der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, die der Arbeit einen großen Auftrieb gab. „Zu dem Zeitpunkt haben wir festgestellt, dass wir in jedem Arbeitskreis der aGEnda 21 in der Erwachsenenbildung bereits BNE gemacht haben. Nun hatten wir auch einen Namen dafür“, blickt Werner Rybarski zurück.

„Wenn die Weltgemein-schaft zukunftsfähig werden soll, kann dies nur durch eine Bildung vor Ort erreicht werden, die alle mit einbezieht und alle erreicht.“
Werner Rybarski

BNE ist Leitgedanke in Gelsenkirchen

Im Jahr 2016 verabschiedete der Stadtrat als erster einer deutschen Kommune einen Beschluss zur Teilnahme an der Agenda 2030. Daraufhin wird ab 2017 die Maßnahme „Koordination kommunaler Entwicklungspolitik“ umgesetzt werden. Damit wird sich die gesamte städtische Arbeit in Gelsenkirchen auf die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen beziehen.

Daneben nimmt Gelsenkirchen am Wettbewerb „Zukunftsstadt“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung teil. Mit dem Konzept „Lernende Stadt! – Bildung und Partizipation als Strategien sozialräumlicher Entwicklung“, bewarb sich die Stadt erfolgreich um die Teilnahme an der zweiten Runde. 2017 erhält Gelsenkirchen darüber hinaus den UNESCO Learning City Award, der Städte für ihre nachhaltige Entwicklung im Bereich Bildung und lebenslanges Lernen ehrt. Damit setzt die Stadt auf eine gerechte und inklusive Zukunftsbildung, die mit den Einwohnern gemeinsam entwickelt und getragen wird. Bildungsanbieter,  Vertreter aus Bürgerschaft und Verwaltung sowie anderen Institutionen formulierten dafür gemeinsam Handlungsfelder und -empfehlungen für die Bildungslandschaft in Gelsenkirchen. In einem zweiten Schritt wurde dieser Austausch auf alle Akteure der Stadtgesellschaft ausgedehnt, um zukunftsorientierte Umsetzungsvorschläge in allen Bereichen des Lebens und der  Stadtentwicklung zu entwerfen und die Zusammenarbeit in der Region anzuregen.

„Partizipation ist dabei nicht nur als Teilnahme zu sehen, sondern auch als direkte Teilhabe“, erklärt Werner Rybarski. Durch das umfassende  Bildungs- und Kursangebot der Kreativwerkstatt für Kinder und Jugendliche,  ist BNE fest im außerschulischen  Bildungsbereich verankert. Darüber  hinaus gibt es in Gelsenkirchen seit 2013  den deutschlandweit ersten VHS- Programmbereich BNE für Erwachsene. Auch das Beschaffungswesen Gelsenkirchens orientiert sich mittlerweile am Nachhaltigkeitsgedanken. Schon seit vielen Jahren wird dabei auf umweltgerechte und fair produzierte Materialien gesetzt. Nicht zuletzt deshalb darf sich Gelsenkirchen seit 2013 Fairtrade-Stadt nennen.

Bildungsanbieter, Ver- treter aus Bürgerschaft und Verwaltung sowie anderen Institutionen formulierten gemeinsam Handlungsfelder und -empfehlungen für die Bildungslandschaft in Gelsenkirchen.

Projekte für die Menschen in der Stadt

Besonders wichtig für die Bildungsarbeit in Gelsenkirchen war der Aufbau einer tragfähigen Netzwerkstruktur. „Sie funktioniert bei uns besonders gut, weil freie und kommunale Bildungsträger sehr konstruktiv zusammenarbeiten“, sagt Werner Rybarski. Das ermöglicht die gemeinsame Umsetzung einer großen Anzahl an BNE-Projekten. So qualifiziert beispielsweise das Kolleg21 Menschen zwischen Studium und Beruf in den Bereichen nachhaltige Entwicklung und Projektmanagement  – durch Qualifizierungsmodule, Mentoring und praktische Arbeiten in den Projekten.

Der Erfolg der Bildungsprojekte liegt laut Werner Rybarski aber auch  ganz besonders im Engagement der Menschen vor Ort begründet: „Gelsenkirchen hat ein ungeheures Potenzial, trotz schwieriger Haushaltslage, Projekte durchzuführen, die direkt bei den Menschen vor Ort wirken. Das klappt nur mit sehr großem Engagement und sehr viel Leidenschaft.“ Und natürlich hat auch das aGEnda 21-Büro einen großen Anteil am Erfolg. Immerhin initiiert es seit 17 Jahren BNE-Projekte und baute das Netzwerk auf.

Neben der Projektarbeit rät Werner Rybarski, auch das Informelle Lernen nicht zu unterschätzen:  „Viele Kompetenzen für die Gestaltung einer nachhaltigen Stadtentwicklung werden eher in informellen Kontexten erlernt, durch handelndes Lernen und soziale Interaktion.“ Hierbei stehen  in Gelsenkirchen die außerschulischen Lernorte als Partner im Mittelpunkt.  Sie sind die direkte Schnittstelle  zwischen den Quartieren und formellen Institutionen.

Eine Qualitätskontrolle der Angebote  erfolgt durch eine regelmäßige Be- richterstattung an Politik, Verwaltung  und Zivilgesellschaft. Auch hat Gelsenkirchen von 2010 bis 2013 an dem vom BMBF geförderten Projekt QuaSi BNE (Qualitätssicherung der Bildung für nachhaltige Entwicklung) teilgenommen. Bei der Umsetzung des Konzepts „Lernende Stadt“ im Rahmen des Wettbewerbs Zukunftsstadt wird Gelsenkirchen darüber hinaus von der Freien Universität Berlin begleitet.  Ein künftiges Ziel in diesem Rahmen  ist auch, einen Nachhaltigkeitsbericht der Stadt Gelsenkirchen zu erstellen.

Verantwortlich für die Jugend

Jugendliche waren in Gelsenkirchen seit Beginn der BNE-Aktivitäten eine sehr wichtige Zielgruppe. Da sie die zukünftigen Entscheider sein werden, haben die Bildungsanbieter an ihnen eine ganz besondere Verantwortung. Deshalb ist der Bereich der Jugend-bildung seit 2011 ein Schwerpunkt der aGEnda-Arbeit. So wird unter anderem  der Arbeitskreis jung-engagiert  angeboten oder mit der „jez – junge engagierte zeitung“ eine Zeitung von und für Jugendliche herausgegeben. Die Stadt veranstaltete außerdem die erste Eine-Welt-Konferenz der Jugend, aus der sich Projektgruppen und Arbeitskreise gründeten. Und schließlich wurde die erste „Erklärung der Jugend für eine nachhaltige Stadt“ verabschiedet.

 

„Kommunen, die sich am Konzept von BNE orientieren möchten, kann ich raten, sich nicht von der scheinbaren Größe der Aufgabe abschrecken zu lassen, indem nur darüber nachgedacht wird, was alles neu entwickelt werden muss.
Ein guter Beginn ist vielmehr, herauszufinden, was schon alles in der Kommune unter BNE gefasst werden kann und welche Maßnahmen es schon gibt.“ Werner Rybarski

Ohne viel Aufwand zu BNE

Gelsenkirchen ist in seiner Umsetzung von BNE ein Vorbild für andere Städte und Gemeinden. Aber auch hier wurde vor vielen Jahren klein angefangen und so kann Werner Rybarski Tipps geben, wie der Prozess zur Entwicklung  eigener BNE-Aktivitäten Schritt für Schritt umgesetzt werden kann: „Kommunen, die sich am Konzept von BNE orientieren möchten, kann ich raten, sich nicht von der scheinbaren Größe der Aufgabe abschrecken zu lassen, indem nur darüber nachgedacht wird, was alles neu entwickelt werden muss. Ein guter Beginn ist vielmehr, herauszufinden, was schon alles in der Kommune unter BNE gefasst werden kann und welche Maßnahmen es schon gibt. Da reicht eine einfache Zeichnung auf einer Tapete aus, die zeigt, was möglicherweise nur noch miteinander vernetzt werden muss.Und Kommunen sollten bei BNE nicht nur an Ökologie denken. Vieles passiert im sozialen Bereich und kann oft ohne viel Auf- wand in ein BNE-Angebot umgewandelt werden.“

Herausforderungen

•    Sicherung langfristiger Finanzierungsmöglichkeiten
•    Aufbau einer tragfähigen Netzwerkstruktur

Gelingensbedingungen

•    Unterstützung des Stadtrats
–    BNE als Leitgedanke Gelsenkirchens
•    Formulierung gemeinsamer Handlungsfelder und -empfehlungen für die Bildungslandschaft in Gelsenkirchen durch Bildungsanbieter, Vertreter aus Bürgerschaft
und Verwaltung sowie anderen Institutionen
•    Austausch mit allen Akteuren der Stadtgesell-  schaft, um zukunftsorientierte Umsetzungs-  vorschläge in allen Bereichen des Lebens und der Stadtentwicklung zu entwerfen und die Zusammenarbeit in der Region anzuregen
•    Partnerschaft mit außerschulischen Lernorten als direkter Schnittstelle zwischen den Quartieren und formellen Institutionen

Kontakt

aGEnda 21-Büro Gelsenkirchen
Von-Oven-Str. 19  45879 Gelsenkirchen
Telefon: 0209 1479130
E-Mail: buero(at)agenda21.info
Webseite des aGEnda 21- Büros