Beispiel Lernort Hochschule – Erfolg durch freie Lizenzen

Nachhaltigkeit an Hochschulen verankern – das ist das Ziel des Sozialunternehmens "rootAbility". Für ihr innovatives "Green Office Model" wurden die Initiatoren mit dem UNESCO-Japan-Preis ausgezeichnet. Welche Entdeckung dem Unternehmen zum Erfolg verhalf, verrät Felix Spira, Mitgründer von rootAbility.

von Roman Lehnhof

2012: Vier deutsche Studenten sitzen im "Green Office" der Universität Maastricht. Das Green Office ist ein Nachhaltigkeitsteam, das sich aus Studierenden, Hochschulmitarbeitern und wissenschaftlichen Angestellten zusammensetzt. Erklärte Aufgabe dieses Büros ist es, den Nachhaltigkeitsprozess an der Hochschule zu koordinieren und bestehende Initiativen miteinander zu vernetzen. Die vier Studenten sind sich einig: Was in Maastricht funktioniert, hat auch an anderen Hochschulen eine Zukunft. Im September 2012 gründen Felix Spira, Valentin Tappeser, Ulrich Scharf und Arian Meyer das Sozialunternehmen "rootAbility", um das Modell nach ganz Europa zu tragen. Im Sommer 2013 tritt Ragnar Martens dem Gründungsteam bei.
2016: Das "Green Office Model" ist in sechs europäischen Ländern vertreten. Mittlerweile werden 21 Büros von ihren Hochschulen mit Budgetmitteln, Stellen, Räumen oder Mandaten unterstützt. Mehr als 1,1 Millionen Euro sind auf diese Weise zusammengekommen. Zahlreiche weitere Initiativen in ganz Europa werben um institutionelle Unterstützung. RootAbility ist Preisträger des "UNESCO-Japan Prize on Education for Sustainable Development". Die Bilanz kann sich sehen lassen. Doch was macht dieses Modell so innovativ?

Tragfähige Strukturen aufbauen

Immer mehr Hochschulen haben bereits ein Nachhaltigkeitsprogramm. Das kann ein spezialisierter Manager sein, ein Lehrauftrag mit Sonderaufgabe oder gleich ein ganzes Komitee. Was also hat ein Green Office anderen Ansätzen voraus? Felix Spira erklärt: "Viele Nachhaltigkeitskomitees haben einfach zu wenig Kapazitäten, um wirklich etwas umzusetzen, und Einzelpersonen können in so einer großen Institution schnell versinken. Der insgesamt größte Nachteil eines klassischen Nachhaltigkeitsmanagements ist, dass die Studierendenschaft nicht genügend eingebunden wird. Genau dort setzt das Green Office-Modell an, indem ein gemischtes Team aus fünf bis acht Studierenden und Hochschulangestellten gemeinsam mit vielen Freiwilligen einen dynamischen Nachhaltigkeitsprozess anstößt und begleitet."
Jedes Green Office geht dabei seinen eigenen Weg, folgt aber den gleichen sechs Grundsätzen. Diese Grundsätze besagen, dass das Team erstens aus Studierenden und Angestellten besteht sowie zweitens ein Mandat von der Hochschulleitung erhält, um sich mit Nachhaltigkeit an der Hochschule zu beschäftigen. Des Weiteren wird es von der Hochschule mit Budgetmitteln ausgestattet, offiziell in die Organisationsstruktur integriert, und es arbeitet mit Akteuren innerhalb und außerhalb der Hochschule zusammen. Der sechste und letzte Grundsatz besagt, dass die Mitglieder des Green Office durch rootAbility weitergebildet werden. So werden tragfähige Strukturen geschaffen, in denen alle Akteure Hand in Hand arbeiten.

Individuelle Lösungen finden

Wie jedes Startup aber musste auch rootAbility Rückschläge verkraften – das Modell verbreitete sich nicht so schnell wie erhofft. Im Kern stand zu Beginn eine Beratungsdienstleistung, doch weder klassische Vernetzungsarbeit noch der Schwenk hin zu Workshops brachte 2013 den anvisierten Erfolg; die Gelder schwanden. 
Anfang 2014 beschlossen die Gründer, ihr Unternehmen als Seitenprojekt neben Job und Studium weiterzuführen. Erst der entscheidende Tipp verhalf dem Green Office zur Graswurzelbewegung: "Ich habe dann eine Promotion an der Erasmus-Universität Rotterdam begonnen", berichtet Spira. "Meine Frage war, wie sich die Wirkung von Nachhaltigkeitsinitiativen skalieren lässt. Ich habe also praktisch erforscht, was bei rootAbility nicht funktioniert hat. In den ersten Monaten habe ich sehr viel gelesen, und bei einem Artikel fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen: 'Open-source change-making' war genau der Ansatz, den wir brauchten."

Offene Prozesse anstoßen

Opensourcing, der Schritt hin zu quelloffenen Dokumenten, hat die Reichweite enorm erhöht. Das Konzept und die grundlegenden Materialien zum Green Office Model sind heute unter einer Creative Commons-Lizenz verfügbar, genauer unter "CC BY-NC" in der aktuellen Version 4.0. Konkret heißt das: Die Inhalte dürfen beliebig verändert, weiterentwickelt und verbreitet werden – unter zwei Voraussetzungen. Zum einen müssen Lizenznehmer den Urheber "rootAbility" nennen, einen Link zur Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden (BY).
Zum anderen dürfen die Materialien nicht für kommerzielle Zwecke verwendet werden (NC). Diese Klausel ist Voraussetzung für die Arbeit von rootAbility: "Wir haben dann angefangen, ein Freemium-Geschäftsmodell aufzubauen. Das bedeutet, dass wir Hochschulangehörige per Skype oder Telefon umsonst über das Green Office-Modell informieren, aber für Workshops, Vorträge oder intensivere Beratungsleistungen ein Honorar berechnen. Auf lange Sicht möchten wir auch verstärkt andere Zielgruppen bedienen, um mehr Aufträge zu generieren und drei oder vier Angestellte in Vollzeit zu beschäftigen."

Neue Partner identifizieren

In vielen Unternehmen und Ministerien nämlich gäbe es Mitarbeiter, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen oder dies wollen, so Spira. Auch dort stößt ehrenamtliches Engagement ohne Mandat und Ressourcen schnell an seine Grenzen. Hier kommt das Green Office-Modell ins Spiel.
Die erste außeruniversitäre Zusammenarbeit von rootAbility ergab sich mit dem niederländischen "Planbureau voor de Leefomgeving" (PBL), einem nationalen Institut für politisch-strategische Analysen in den Feldern Umwelt, Natur und Raumplanung. Das PBL hat sich die sechs Prinzipien des Green Office zum Vorbild genommen und baut nun ein Nachhaltigkeitsprogramm auf, das individuell auf die eigene Organisation zugeschnitten ist: "Es gibt einen Projektleiter, der einen Tag pro Woche das Projekt koordiniert, dann fünf Teams mit jeweils einer Leitung, die sich vier Stunden pro Woche um Nachhaltigkeitsthemen wie Energie, Ernährung oder Gebäude kümmern. Die Mitarbeiter können sich diesen Teams freiwillig anschließen. Die Geschäftsleitung hat bereits passende Räumlichkeiten und ein Arbeitsbudget für ein Jahr zugesagt." Das oberste Ziel des PBL ist es nun, dass sich eine Gruppe von Mitarbeitern bildet, die einen Nachhaltigkeitsbericht und eine Strategie erstellt, und erste konkrete Aktionen umsetzt. RootAbility begleitet diesen Prozess mit Workshops.

Für die Zukunft planen

Doch auch unabhängig von dieser Zusammenarbeit haben Felix Spira und Kollegen bereits einen Plan für das laufende Jahr aufgestellt. Hochschulen bleiben dabei Ziel- und Angelpunkt aller Aktivitäten. "Mitte Januar haben wir gemeinsam die Erfahrungen aus 2015 evaluiert und die kommenden sechs Monate geplant. Wir fokussieren uns nun darauf eine Bewerbung zu schreiben, um unsere Materialien zu verbessern, die tatsächliche Wirkung von Green Offices zu erfassen, unsere Unterstützung von Studierenden im Lobbyprozess auszuweiten und am Aufbau der Green Office-Bewegung zu arbeiten." Seinem ursprünglichen Betätigungsfeld bleibt das Team also treu. "Die Arbeit mit Studierenden und Hochschulen liegt uns auch einfach zu sehr am Herzen."