Beispiel Lernort Natur – Von Umweltbildung zu BNE

Lernen in der Natur – das können Schülerinnen und Schüler im Umweltbildungszentrum Licherode. Idyllisch in Nordhessen gelegen, bietet das Bildungszentrum Klassenfahrten mit bio-regionaler Vollverpflegung, Ferienfreizeiten, Seminare und Weiterbildungen an.

von Freya Kettner

Im Umweltbildungszentrum Licherode verbringen jedes Jahr etwa 3.000 Schülerinnen und Schüler zwischen acht und 14 Jahren Umweltbildungswochen. Das sind Klassenfahrten, bei denen die Teilnehmer in den bauökologisch sinnvoll ausgestatteten Räumen der ehemaligen Hofreite untergebracht sind. Die Umweltpädagogen aus Licherode bieten jeder Klasse ein Programm, das am Konzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ausgerichtet ist. Die Kinder und Jugendlichen erkunden dabei die Umgebung oder erzeugen eigene handwerkliche Produkte. Dabei steht das Aneignen von Gestaltungs- und Handlungskompetenz im Fokus.
Ausgangspunkt ist in Licherode die Umweltbildung – allerdings immer vor dem Hintergrund ökonomischer, sozialer und kultureller Aspekte. Schließlich geht es im Umweltbildungszentrum (UBZ) darum, Kinder und Jugendliche fit für die Zukunft zu machen. So gehört es zum Bildungskonzept, dass die Besucherinnen und Besucher ihre Umwelt kennenlernen und als Teil des eigenen Lebens begreifen. Sie sollen positive Erfahrungen mit umweltgerechtem Handeln machen und so letztendlich einen zukunftsfähigen Lebensstil einüben.
Daneben bietet das UBZ Licherode auch Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer sowie Erzieherinnen und Erzieher an. Von der thematischen Einführung über praktische Anwendungen bis hin zu umfangreichen Ausbildungsreihen stehen zahlreiche Angebote zur BNE auf dem Programm.

Aus Umweltbildung ist BNE entstanden

Während der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (2005–2014) wurde das UBZ fünfmal als Offizielles Dekade-Projekt ausgezeichnet. In dieser Zeit hat sich das Bildungszentrum einer umfassenden Neuausrichtung unterzogen – von der Umweltbildung hin zu einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. Aufbauend auf den pädagogischen Grundkonzepten der Anfangszeiten, wurde die Zielsetzung jedes Bildungsangebotes überdacht und klarer definiert. Die zahlreichen Wochenangebote wurden auf ihre BNE-Ausrichtung hin überprüft. Zusätzlich wurden Forscherwochen eingeführt, um Kindern und Jugendlichen einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich selbstständig eigene Fragen erarbeiten und Lösungswege entwickeln können. Diese Entwicklung und Fortschreibung der Inhalte war Anlass, gemeinsam mit dem Schullandheimbetrieb die Zertifizierung zum nachhaltigen Bildungsträger zu beantragen, die das Haus im Jahr 2015 auch erhalten hat.
„Fünfmalige Auszeichnung bedeutete auch fünfmal andere Themenfelder oder Projekte. Dabei konnte das UBZ Licherode mit jeder Auszeichnung ein Stück mehr Akzeptanz in der Region erringen.  Es ist nach anfangs großen Widerständen gelungen, das sperrige Thema BNE in die Region zu tragen“, berichtet Geschäftsführer Ahmed Al Samarraie von der Umstellung des Bildungsangebots. Durch enge Kooperationen mit der Kommune Alheim und den Bildungseinrichtungen der Kommune konnte sich das UBZ stärker als Teil der Region behaupten. So wurden gemeinsame Angebote der Elementarbildung entwickelt, eine bio-regionale Kita- und Schulverpflegung mit Ernährungsworkshops etabliert oder Tage der Offenen Küche, Eltern-Kind-Kochkurse sowie Bioenergie-Schulgärten eingerichtet. Daraus ist schließlich das Projekt „BNE Bildungsrahmen für die gesamte Region“ entstanden.
Das birgt allerdings auch Herausforderungen: „Bei der Verbreitung von BNE im Rahmen eines regionalen Bildungsrahmens werden viele gesellschaftliche Bereiche tangiert. Hier ist die Akzeptanz der Zielsetzung von BNE sehr unterschiedlich. Die mit BNE einhergehende Wertevermittlung, die eine Sicherung der Ressourcen auch für zukünftige Generationen vorsieht, setzt eine kritische Auseinandersetzung mit dem Eigenverhalten voraus. Und dies birgt natürlich einigen Diskussionsstoff“, sagt Al Samarraie.

Netzwerke bieten Unterstützung

Das UBZ Licherode ist in ein großes Netzwerk eingebunden, das letztendlich die qualitativ hochwertige Bildungsarbeit erst ermöglicht. Hunderte von Schulen Kitas und anderer Bildungseinrichtungen gehören ebenso dazu wie die etwa 40 vom Zentrum betreuten Umweltschulen. Teil des Netzwerks sind außerdem etwa 120 ehrenamtliche Kooperationspartner, die die Schülerinnen und Schüler während ihrer Umweltbildungswochen besuchen können, zum Beispiel ein Imker und sein lebendiges Bienenmuseum oder ein Landwirt zum Thema Ernährung.
Senior-Umwelttrainer, Arbeitskreise, regionale Initiativen, die Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung (ANU), pädagogische Arbeitskreise, BNE-Multiplikatoren, verschiedene Universitäten und die Kommunen der Region gehören ebenfalls dazu.
Ein jährlich neu aufgelegtes KinderHandBuch der Nachhaltigkeit vereint Themen von BNE mit der Arbeit ausgesuchter Netzwerkpartner.

Projekte werden gefördert – Verstetigung nicht

Auch in Licherode ist die Bildungsarbeit abhängig von einer soliden Finanzierung. Das Rückgrat der Arbeit sind dabei die Umweltbildungswochen, die etwa 85 Prozent des jährlichen Leistungsumfangs benötigen. Sie erbringen aber nur etwa 75 Prozent der notwendigen Einkünfte. Ein großer Teil der BNE- Arbeit wird durch die hauseigene Institution „Ökologisches Schullandheim und Tagungshaus“ geleistet. Die daraus erwirtschafteten Einnahmen sind, zusammen mit dem Kostenzuschuss des Hessischen Kultusministeriums, der etwa 20 Prozent der notwendigen Einkünfte sichert, die Basis für die Existenzfähigkeit der Einrichtung. Weitere Einnahmen erzielt das Bildungszentrum mit der Durchführung von BNE-Projekten. Diese binden allerdings erhebliche personelle Ressourcen. So sind Sponsoring und Spenden dringend notwendig, um die Umweltbildungswochen für Schulklassen aus sozialen Brennpunkten, dem sogenannten Stadtfüchseprogramm, zu finanzieren. Die Akquise dieser Unterstützung ist allerdings sehr zeit- und personalintensiv. 
Letztendlich bleibt die finanzielle Absicherung der Einrichtung die größte Herausforderung. Immer noch werden Projekte gefördert – deren Verstetigung hingegen nicht. „Die zwar gesellschaftspolitisch gewollte Entwicklung zu stärkerer Umsetzung von BNE wird von den Profiteuren, also Schulen und Kitas, gar nicht oder nur gering bezahlt und daher kaum abgerufen“, beklagt Ahmed Al Samarraie. Dabei ist BNE sogar essentieller Bestandteil des Hessischen Bildungs- und Erziehungsplans.