Beispiel Kommune Neumarkt – Stadt entwirft sich aufs Neue (Archiv)

Als erste Stadt in Deutschland wurde Neumarkt 2012 von der Deutschen UNESCO-Kommission zum vierten Mal in Folge als Stadt der Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgezeichnet und 2009 zur ersten Fairtrade Stadt Bayerns. Doch bereits seit 2004 existiert in Neumarkt ein Stadtleitbild, in dem BNE fest verankert ist. Es umfasst konkrete Ziele und Stadtentwicklungsprogramme, die zahlreiche Mikroprojekte und Maßnahmen beinhalten: Die Themen beschäftigen sich mit sozialen, ökologischen, ökonomischen und kulturellen Aspekten. Das für die Periode 2010 bis 2016 weiterentwickelte Stadteitbild ist fein ausdifferenziert in 18 verschiedene Leitprojekte. Diese betreffen das aktuelle Leben in Neumarkt, wovon viele der Leitsatz-Titel bereits die BNE-Bestrebungen widerspiegeln. So geht es um „Interkulturelle Begegnung“, „Nachhaltiges, ganzheitliches Mobilitätskonzept“, „Lernprogramm Zukunftsfähigkeit“, „Kommunales Energieeinspar- und Klimaschutzprogramm“ und „Neues Bündnis verantwortungsbewusster Verbraucher“. Gefördert wird die nachhaltige Stadtentwicklungsplanung aus verschiedenen Quellen, je nach thematischem Schwerpunkt.

von Andrea Keil

Bürgerhaus in Neumarkt

Das Bürgerhaus in Neumarkt übernimmt seither die Funktion einer Schaltstelle. Als zentrale Einrichtung laufen hier alle Fäden zusammen. Hier werden Ideen formuliert und in Arbeitskreisen, Projektteams, Bürgerkonferenzen und Foren wie das Familien- oder Klimaforum bewertet und diskutiert. In einer Art Pingpong-Verfahren werden die jeweiligen Ergebnisse an das Amt für Nachhaltigkeitsförderung zurückgegeben und bestenfalls umgesetzt. Fünf Personen bilden den Kopf der Bestrebungen auf der einen Seite, auf der anderen sind alle BürgerInnen gefragt. Die Schulen erfüllen die Rolle von Multiplikatoren, da dort BNE Lerninhalte direkt vermittelt werden. NGOs und regionale Unternehmen dienen zunehmend als Partner. Eine intensive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ist dabei unerlässlich, damit die Menschen vor Ort aufgeklärt werden; attraktive „Lockmittel“ wie die Ausschreibung des Klimaschutzpreises –  von Unternehmen gesponsert – helfen, die BürgerInnen zum Mitmachen zu motivieren. „Und wer sich beteiligt, setzt sich direkt oder auch indirekt mit BNE auseinander,“ meint Ralf Mützel, der Leiter des Amtes für Nachhaltigkeitsförderung. „Oder er erhält zumindest einen ersten Denkanstoß.“

Handeln hinterfragen

„BNE betrifft viele Facetten des menschlichen Lebens und Handelns“, kommentiert Ralf Mützel „über den fairen Handel und den Klimaschutz hinaus.“ Eine Bildung für nachhaltige Entwicklung befähigt den Einzelnen, sein Handeln zu hinterfragen und in soziale, kulturelle, wirtschaftliche und globale Kontexte zu stellen. Er kann abwägen, ob er jetzt einmal mehr investiert, damit er selber, die Generationen nach ihm und die Menschen andernorts mehr davon haben. Der Mensch nimmt also eine erhöhte Perspektive ein, aber keine überhebliche. Sein Handeln erfolgt aus freien Stücken: Er wägt ab, was er leisten will und was er leisten kann. „Der Anspruch an sich selbst wäre zu hoch, wollte der Einzelne alles sofort perfekt machen. Es kommt vielmehr darauf an, kleine Schritte zu mehr Nachhaltigkeit zu machen“ meint Mützel.

Impulse geben

Wer in Neumarkt aktiv werden will, kann das mithilfe des Förderprogramms „Nachhaltigkeit neu lernen – Impulse durch Mikroprojekte“ tun: Mittels einen finanziellen Anschubs werden Projekte von der Stadt bezuschusst und bürgerschaftliches Engagement aktiviert, ohne dass die Anforderungen an das Ehrenamt überstrapaziert werden. Es richtet sich an Akteure wie Organisationen, Vereine und Initiativen, die sich intensiv an der Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung durch Bildungsprojekte beteiligen wollen. Bezuschusst werden Projekte, die einen direkten Bezug zum Stadtleitbild wie beispielsweise zum Thema „Klimaschutz“ haben und etwa ein Jahr dauern. Danach sollten sie möglichst „auf eigenen Beinen stehen können.“ Auf diese Weise sind seit dem Jahr 2011 etwa 52 Mikroprojekte entstanden, die Themenfelder wie gesunde Ernährung, Fairer Handel, Natur- und Umweltschutz sowie Bürgerschaftliches Engagement umfassen. Die Mikroprojektfinanzierung hilft also, einen gesellschaftlichen Gesamtprozess zu entfalten und die Bevölkerung für entsprechende Themen zu sensibilisieren.

Impulswirkung

Impulswirkung hat auch die seit 2008 regelmäßig stattfindende, hochkarätig besetzte „Nachhaltigkeitskonferenz“: Zu ihr werden namhafte Referenten eingeladen wie Frau Prof. Dr. Claudia Kemfert, der ehemalige Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen Prof. Dr. Klaus Töpfer und Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker. Zielgruppe sind Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, aber auch interessierte Privatpersonen sind willkommen, die sich inspirieren lassen und Anregungen holen für innovative, nachhaltige Wege in die Zukunft. Themen der letzten Jahre waren unter anderem „Impulse für den Klimaschutz durch neue Wege bei der Mobilität“, es ging also um Elektromobilität. Parallel dazu wurde eine Elektro-Fahrzeugschau organisiert, bei der sich Interessierte mit der Elektro- und Hybridtechnologie vertraut machen konnten.

Verleihung des Klimaschutzpreises

Seit 2015 findet die Verleihung des Klimaschutzpreises im Wechsel mit der Nachhaltigkeitskonferenz statt: Dies erlaubt mehr Dynamik, während die Inhalte sich gut ergänzen. Da das Thema Klimaschutz im Leitbild der Stadt fest verankert ist und diesbezüglich ein ambitionierter Masterplan formuliert wurde, der einen 100 % Klimaschutz als „Null-Emissions-Stadt“ vorsieht (auf der Basis von regenerativen Energien und der Halbierung des Energieverbrauchs bis spätestens 2050). Den Neumarkter Klimaschutzpreis erhalten BewerberInnen, die sich in besonderer Weise für den Klimaschutz engagieren und somit eine Vorbildfunktion einnehmen. Als Wettbewerbsbeitrag können sie gleichermaßen technische Maßnahmen wie energiesparende Verhaltensweisen einreichen.

Messbarer Lernerfolg

Ob es einen messbaren Lernerfolg gibt, ist für Ralf Mützel schwer abschätzbar, da bisher keine systematische Gesamtevaluierung stattgefunden hat: Fest steht, die TeilnehmerInnen kommen aus unterschiedlichen Gründen. Jeder sucht für sich etwas anderes, hat andere Fragen, Wünsche und Vorstellungen von einem Projekt. Wenn es einen messbaren Erfolg gibt, dann vielleicht den, dass die Teilnehmerzahlen steigen und die Menschen Spaß daran haben. Das ist vermutlich auch der wichtigste Mitmach-Faktor: Egal welche Maßnahme getroffen wird, das Angebot muss attraktiv genug, der Reiz zum Mitmachen groß genug sein – und sei es wegen der Aussicht auf ein Preisgeld wie beim Klimaschutzpreis. Für die Ideengeber wiederum bleibt die Aufgabe schwierig, die Menschen aus Politik und Verwaltung zu überzeugen, dass bestimmte Projekte förderungswürdig sind. Das heißt, immer wieder aufs Neue Überzeugungsarbeit leisten, Detailfragen klären, Fördermittel beantragen und möglichst in Wettbewerben gewinnen, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Offensichtlicher Erfolg

Ein offensichtlicher Erfolg könnte jedoch sein, dass sich in Neumarkt auf verschiedenen Ebenen Netzwerke haben bilden können wie das Eine-Welt-Netzwerk: Privatpersonen, Organisationen, Schulen und Verbände organisieren sich. Kontakte und Austausch zu anderen Städten und Regionen nehmen zu. Hilfreich sind dabei Auszeichnungen wie der Deutsche Nachhaltigkeitspreis oder das Erreichen eines vorderen Platzes beim Wettbewerb Hauptstadt des Fairen Handels: Sie helfen, die Bemühungen des Amtes für Nachhaltigkeitsförderung ins Bewusstsein der Menschen zu rufen. Außerdem besteht eine Klimapartnerschaft mit Drakenstein in Südafrika – also eine Vernetzung auf globaler Ebene. Dürfte sich Ralf Mützel etwas für die Zukunft wünschen, dann würde er sich wünschen, dass der Gedanke BNE ganz selbstverständlich wird und dass BNE in Bildungseinrichtungen und Unternehmen fest verankert ist. Und dass die Menschen von sich aus agieren, ohne Förderung vonseiten der Stadt. Doch da bleibt Mützel Realist, wenn er sagt, dass es wohl vorerst ohne Impulse nicht gehen wird. Und die hofft er, noch lange geben zu können.

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