ANU Hessen: Netzwerk zum Schuljahr der Nachhaltigkeit

Sieben Umweltbildungszentren in Hessen wollten nicht länger Einzelkämpfer sein. Sie haben sich in einem Netzwerk zusammengeschlossen und führen gemeinsam das Schuljahr der Nachhaltigkeit durch. Mit erprobten Unterrichtseinheiten, Lehrerfortbildungen sowie intensiver Betreuung und Beratung bringen sie Bildung für nachhaltige Entwicklung an Grundschulen. Das Ziel: Am Ende der vierten Klasse weiß jedes Kind, was BNE bedeutet und wie es dementsprechend handeln kann.

 

von Freya Kettner

Aus Einzelkämpfern wird eine Bewegung

Alleine ein komplexes Thema wie BNE zu vermitteln ist nicht leicht. In Hessen hat sich deshalb eine Gruppe gleichgesinnter Umweltbildungszentren zusammengetan, um das Multiplikatorennetzwerk zum Schuljahr der Nachhaltigkeit zu gründen: Das AZN Naturerlebnishaus aus dem Vogelsbergkreis, das Naturschutzzentrum Bergstraße in Bensheim, die Beratungsstelle für ökologische Bildung aus Bad Homburg, das Ökologische Schullandheim Licherode, das Wassererlebnishaus Fuldatal, das Naturschutzhaus Weilbacher Kiesgruben und der Verein Umweltlernen in Frankfurt, als Pilotregion. Alle haben schon seit vielen Jahren im Bereich der BNE gearbeitet und sind Mitglieder in der Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung Hessen e. V. Durch die Gründung des Netzwerks konnte der Wunsch nach einem regelmäßigen und koordinierten Austausch erfüllt werden, wodurch erstmals hessenweit gemeinsame Programme zusammen entwickelt werden konnten. „So wurde aus Einzelkämpfern eine regelrechte Bewegung. Entstanden ist ein Pool an Informationen, Innovationen und Motivation“, berichtet Netzwerkkoordinatorin Jennifer Gatzke. Sie koordiniert das Netzwerk gemeinsam mit Mareike Beiersdorf aus der Pilotregion Frankfurt. Und das funktioniert bisher sehr erfolgreich. Das gemeinsame Programm „Schuljahr der Nachhaltigkeit“ wurde bereits in zwei Durchgängen in sechs hessischen Regionen durchgeführt. Derzeit wird ein Folgeprogramm aufgelegt. Strukturen zur Verstetigung werden gerade – unterstützt von der Nachhaltigkeitsstrategie Hessen – entwickelt. Das Netzwerk kooperiert unter anderem mit dem Runden Tisch BNE der Nachhaltigkeitsstrategie Hessen. Gemeinsam wird unter Beteiligung des Multiplikatoren-Netzwerks im März 2017 eine große BNE-Fachtagung in Fulda veranstaltet.

Bei allen Aktivitäten können sich die Netzwerkpartner gleichberechtigt einbringen. Materialien, die den Schulen für ihr Schuljahr der Nachhaltigkeit an die Hand gegeben werden, werden gemeinsam erarbeitet. So ist sichergestellt, dass die Expertisen und Ausrichtungen der Umweltbildungszentren gleichermaßen einfließen. Durch das gegenseitige Voneinander-Lernen steigert sich die Qualität der Bildungsarbeit aller Partner. Leider ist aber auch die Arbeit im Netzwerk zum Schuljahr der Nachhaltigkeit abhängig von der finanziellen Ausstattung. „Die dezentral arbeitenden Partner zusammenzubringen ist sehr zeit- und kostenintensiv, aber die Ergebnisse zeigen: Es zahlt sich aus“, resümiert Jennifer Gatzke.

Überregional gut vernetzt

Durch die Gründung des Netzwerks konnte der Wunsch nach einem regelmäßigen und koordinierten Austausch erfüllt werden, wodurch erstmals hessenweit gemeinsame Programme zusammen entwickelt werden konnten.

„Wichtig ist die Heterogenität der Mitglieder und Sichtweisen, ein gemeinsames Verständnis über Geben und Nehmen sowie das Anstreben gemeinsamer Ziele, die durch ein gemeinsames Programm erreicht werden können“, fasst Jennifer Gatzke die Faktoren einer erfolgreichen Netzwerkarbeit zusammen. Dazu zählt auch der Austausch mit anderen bundesweiten BNE-Netzwerken. So werden die Erfahrungen aus dem Schuljahr der Nachhaltigkeit über die Koordinatorin beispielsweise in das Fachforum „Nonformales und Informelles Lernen, Jugend“ des Weltaktionsprogramms Bildung für nachhaltige Entwicklung eingebracht. Außerdem gibt es Verbindungen zum ESD Expert Net sowie zu den Länderinitiativen von Engagement Global. Auch mit dem Netzwerk der Umweltschulen steht das Schuljahr der Nachhaltigkeit in engem Kontakt.

Evaluierung hilft bei der Weiterentwicklung

Das Netzwerk sichert die Qualität seiner Arbeit durch die Auswertung von Erfahrungen und Ergebnissen. Die Schulen, die ein Schuljahr der Nachhaltigkeit durchgeführt haben, nahmen anschließend an einer Erfolgskontrolle mittels Fragebogen teil. Die Meinungen und Erfahrungen der Multiplikatoren werden in gemeinsamen Gesprächen ausgewertet. „Der Austausch und das regelmäßige Einholen der Erfahrungen haben dazu geführt, dass unser Programm immer weiterkonkretisiert und ausdifferenziert werden konnte. Dadurch konnten wir die Qualität immer weiter steigern  und auch die Motivation aller Beteiligten, sich neuen Themenfeldern zu öffnen, steigt kontinuierlich. So haben wir es geschafft, Vorbehalte bei der Zusammenarbeit mit Schulen zum Thema Schul-Curriculum abzubauen“, sagt Jennifer Gatzke.

Die SDGs als Ziele für die Zukunft

„Der Austausch und das regelmäßige Einholen der Erfahrungen haben dazu geführt, dass unser Programm immer weiter konkretisiert und ausdifferenziert werden konnte. Dadurch konnten wir die Qualität immer weiter steigern
und auch die Motivation aller Beteiligten, sich neuen Themenfeldern zu öffnen, steigt kontinuierlich. So haben wir es geschafft, Vorbehalte bei der Zusammenarbeit mit Schulen zum Thema Schul-Curriculum abzubauen.“ Jennifer Gatzke

Nachdem die Vereinten Nationen im September 2015 die Nachhaltigen Entwicklungsziele verabschiedet haben, werden diese in Zukunft noch stärker im Schuljahr der Nachhaltigkeit aufgegriffen. Derzeit werden die vom Netzwerk gemeinsam angebotenen Module entsprechend des Orientierungsrahmens für den Lernbereich Globale Entwicklung weiterentwickelt. Dabei spielen die Nachhaltigen Entwicklungsziele eine wichtige Rolle. „Zentral bei der Umsetzung von BNE ist dabei das Verständnis des Entwicklungsziels mit der Nummer 4.7. Es besagt, dass sichergestellt werden soll, dass alle Lernenden bis zum Jahr 2030 die notwendigen Kenntnisse und Qualifikationen zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung erworben haben sollen“, erläutert Jennifer Gatzke. „Dieser Grundsatz ist die Basis für das Erreichen aller weiteren Sustainable Development Goals und daran richten wir auch unsere Arbeit aus.“ Darauf basierend besuchen Vertreter des Netzwerks Fortbildungen zu diesem Thema, um es in der eigenen Arbeit adäquat einbringen zu können. In Zusammenarbeit mit der Nachhaltigkeitsstrategie Hessen wird in diesem Jahr eine neue Aufgabe für das Netzwerk die Begleitung der Einführung einer Auszeichnung unter dem Dach „Nachhaltigkeit lernen in Hessen“ sein. Das Ziel der Auszeichnung ist die Wertschätzung von Schulen, die sich im Unterricht und darüber hinaus systematisch, langfristig und umfassend den Themen der Nachhaltigkeit widmen.

Gemeinsam erfolgreich

Die Arbeit des Multiplikatoren-Netzwerks zeigt, dass der Ausspruch „gemeinsam sind wir stark“ mehr ist als eine Worthülse: Seit seiner Gründung im Jahr 2014 konnten insgesamt knapp 30 neue BNE-Module mit explizitem Bezug zu den Hessischen Bildungsstandards und Konzepte zur Verknüpfung der Themen Klima(-wandel), Energie, Ernährung, Mobilität, Biodiversität und Gerechtigkeit unter dem Aspekt der nachhaltigen Entwicklung erarbeitet werden. Durch die gemeinsame Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wurde in diversen Presseartikeln, auf Homepages vonSchulen und anderen (etablierte) BNE-Akteuren, Facebook-Seiten etc. über die Arbeit des Netzwerks und des Schuljahrs zur Nachhaltigkeit berichtet. Außerdem wurden die Inhalte und das Konzept des Schuljahrs auf mehr als 30 regionalen und überregionalen Veranstaltungen präsentiert und damit bundesweit bekannt gemacht. Internationale Aufmerksamkeit erfuhr das Projekt auf der EU-Konferenz CoDeS – School and Community Collaboration for Sustainable Development 2014 in Barcelona. Besonders eindrücklich zeigt sich das Potenzial der gemeinsamen Arbeit jedoch an anderen Zahlen: Von Anfang 2014 bis zum Anfang 2015 wurde in sechs Modellregionen Hessens an zwölf Schulen mit insgesamt 28 Klassen das Schuljahr der Nachhaltigkeit durchgeführt. Der zweite Durchgang erreichte im Folgejahr in fünf der Modellregionen 10 Schulen mit insgesamt 23 Klassen. Parallel dazu setzte die Pilotregion Frankfurt die Durchführung des Konzepts an weiteren zehn Grundschulen des Rhein-Main-Gebiets fort. Damit konnten im gesamten Zeitraum über 1.000 Schüler vom Schuljahr der Nachhaltigkeit profitieren. „Die gemeinsame Arbeit in unserem BNE-Netzwerk hat mir gezeigt, dass Perspektivwechsel das A und O sind, um eigene Meinungen und Einstellungen zu hinterfragen“, schildert Jennifer Gatzke zusammenfassend ihre ganz persönliche Erfahrung. „BNE ist für mich das Gegenteil von einem Schwarz-Weiß-Denken und ich freue mich jedes Mal aufs Neue, in unserem Netzwerk die Vielfalt an Herangehensweisen und Methoden zur Vermittlung BNE-relevanter Themenbereiche neu zu entdecken.“

Herausforderungen

• Abhängigkeit der Arbeit und Kontinuität des Netzwerks von der finanziellen Ausstattung

• Kontinuierliche Zusammenarbeit mit Schulen mit geringen Zeitkapazitäten

Gelingensbedingungen

• Geschafftes gemeinsames Verständnis über Geben und Nehmen, bereichert durch die Heterogenität der Mitglieder und Sichtweisen

• Hohe Motivation durch das Anstreben gemeinsamer Ziele in einem gemeinsamen Programm

• Austausch mit anderen bundesweiten BNE-Netzwerken

• Auswertung von Erfahrungen und Ergebnissen zur Qualitätssicherung

Kontakt

ANU Hessen

Frankfurter Straße 74

65439 Flörsheim

Telefon: 0 61 45 93 63 61 0

E-Mail: kontakt@anu-hessen.de

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