Aufessen statt Wegwerfen
23.07.12
Quelle: Cola, Reis & Heuschrecken. Welternährung im 21. Jahrhundert. (Edition Le Monde diplomatique 10/2011)
© iStockphoto.com/Edward ShawBildende
Von Tristram Stuart.
Der politische Philosoph John Locke (1632–1704) stellte in seinem berühmten Second Treatise on Government im Kapitel "Vom Eigentum" folgende Überlegung an: Wenn sich jemand mehr Nahrungsmittel angeeignet hat, als er brauchte, und diese dann verderben ließ, so "nahm er mehr als seinen Teil und beraubte andere". Hat dagegen jemand überschüssige Nahrungsmittel verkauft oder weggegeben, "so beging er kein Unrecht; er vergeudete nicht den gemeinsamen Vorrat; er vernichtete nichts von dem den anderen gehörigen Teil der Güter, solange in seinen Händen nichts unbenutzt zugrunde ging".¹
Wie würde Locke heutzutage über die Verschwendung in den reichen Ländern urteilen? Und sind seine moralischen Maximen auch in unserer Zeit noch gültig?
Angesichts des weltumspannenden Handels- und Versorgungsnetzes von heute sind "die anderen", die auf denselben "gemeinsamen Vorrat" von Lebensmitteln angewiesen sind, nicht mehr unbedingt unsere Nachbarn, ja nicht einmal unsere Landsleute. Vielmehr leben sie womöglich Tausende Kilometer von uns entfernt. Unzählige Menschen in Asien und Afrika sind für ihre Ernährung auf die globalen Märkte angewiesen.
Wie gehen wir angesichts dessen mit der Tatsache um, dass in den meisten Länder Europas und Nordamerikas bis zu fünfzig Prozent aller Nahrungsmittel zwischen Acker und Teller vergeudet werden? Von vielen Supermärkten wird frisches Obst oder Gemüse zurückgewiesen, wenn es die willkürlichen Standards der Produktkosmetik nicht erfüllt. Brotlieferanten werden gezwungen, Millionen Scheiben einwandfreien Brots zu entsorgen, weil die Großabnehmer für ihre Sandwiches keine Randstücke brauchen können. Und wir alle erleben jeden Tag in der eigenen Küche, wie Lebensmittel weggeschmissen werden. In jedem einzelnen Fall handelt es sich um die Verschwendung von Boden, Wasser und anderen Ressourcen, die in Form von Nahrungsmitteln in den Mülleimer wandern.
Der Zusammenhang zwischen der Verschwendung von Nahrungsmitteln in den reichen Ländern und dem Mangel in anderen Weltregionen ist weder einfach noch direkt. Dennoch ist diese Beziehung sehr real – und keineswegs mit dem Argument wegzureden, dass wir in den reichen Ländern ja nicht vergammelte Tomaten und verschimmeltes Brot aus dem Müll klauben und in die armen Länder schicken können. Wer so argumentiert, geht von der Annahme aus, die Lebensmittel in den vollen Regalen der Supermärkte und in den Häusern der Reichen seien nur dazu bestimmt, in den wohlhabenden Ländern zu landen. Aber nur Zyniker können behaupten, dass zwischen vergeudeten Nahrungsmitteln in der reichen Welt und der Unterversorgung ärmerer Weltregionen keinerlei Zusammenhang bestehe. Das Argument mag in früheren Zeiten durchschlagend gewesen sein, als Hungersnöte noch mehr mit lokalen Ereignissen – wie Kriegen oder Naturkatastrophen – und weniger mit globalen Engpässen zu tun hatten. Dass dies längst nicht mehr gilt, wurde uns spätestens durch die Nahrungsmittelkrise von 2007 2008 vor Augen geführt, und seitdem durch die extremen Preisausschläge, die unter anderem auf die weltweite Getreideknappheit zurückgehen.
Die Schwankungen des Lebensmittelverbrauchs in den reichen Ländern wirken sich zweifellos auf die globale Versorgung aus, was wiederum direkte Folgen für die Armen dieser Welt hat, weil sie nicht mehr genug Nahrungsmittel kaufen können. Am besten lässt sich das an den Weltmarktpreisen für Getreide (insbesondere für Weizen, Reis und Mais) zeigen, die natürlich die Nahrungsmittelpreise auf den Märkten Afrikas und Asiens genauso bestimmen wie die Preise in den Supermärkten der USA und Europas.
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