Das falsche Versprechen
27.06.12
Quelle: Cola, Reis & Heuschrecken. Welternährung im 21. Jahrhundert. (Edition Le Monde diplomatique 10/2011)
© iStockphoto.com/Andreas RehBildende
Von Toralf Staud.
Schmuck sieht sie aus, die Zeitungsannonce des Gentechnik-Riesen Monsanto: Ein grünes Blatt in Nahaufnahme ist da zu sehen, an dem ein Tropfen Wasser hinabrinnt. In großen Lettern prangt darüber die Frage: "Wie können wir mehr Lebensmittel aus einem Regentropfen pressen?" Im Kleingedruckten geht es um Bevölkerungswachstum und Niederschläge, die wegen des Klimawandels unregelmäßiger werden. Bauern bräuchten künftig "modernste wissenschaftsbasierte Werkzeuge" – damit meint Monsanto sein gentechnisch verändertes Saatgut. Der Konzern verspricht "signifikant höhere Ernteerträge" und weniger Wasserverbrauch. Am Schluss steht ein Slogan, an dem die Werber sicher lange getüftelt haben: "Mehr produzieren, mehr bewahren, das Leben von Bauern verbessern – das ist nachhaltige Landwirtschaft. Und das ist, worum es bei Monsanto geht."
Vollmundige Versprechen sind so alt wie die Gentechnik. Einst kündigte die Industrie matschfreie Tomaten an oder Baumwolle mit blauen Fasern. Sie wollte Bananen so manipulieren, dass sie zum "essbaren Impfstoff" werden. Die Ernten sollten größer, die Chemie auf dem Acker weniger werden. Doch fast nichts davon wurde wahr. Trotzdem läuft in Industrie, Wissenschaft und Politik die Werbemaschine ungebremst weiter. Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) etwa schwadronierte immer wieder einmal davon, dass die »grüne Gentechnik« nötig sei, um das Hungerproblem zu lösen.
Mehr als fünfzehn Jahre nach Anbruch eines vermeintlich neuen Zeitalters ist die Bilanz ernüchternd: 1995 wurde in Kanada erstmals gentechnisch veränderter Raps ausgesät – heute hat die Technologie weltweit rund 150 Millionen Hektar erobert, was eindrucksvoll klingt, aber bloß zehn Prozent der globalen Ackerflächen ausmacht. Von größerer Bedeutung ist sie heute in nur sechs Staaten: Argentinien, Brasilien, China, Kanada, Indien und vor allem in den USA, wo bereits mehr als 80 Prozent aller Maispflanzen gentechnisch verändert sind. Im Rest der Welt aber, konstatiert die internationale Umweltorganisation Friends of the Earth (FoE) in einer Studie, gebe es "wenig Bewegung". In Europa sind überhaupt nur zwei Gen-Pflanzen zugelassen. Und hier schrumpft die Anbaufläche seit Jahren sogar. Einzig in Spanien hat die Technologie mit knapp 80000 Hektar eine relevante Verbreitung; in Osteuropa jedoch, wo die Gentechnik-Industrie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs großes Potenzial sah, ist sie auf dem Rückzug. In Deutschland lag die Anbaufläche 2009 bei null Hektar, nachdem Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) den Gen-Mais Mon810 verboten hatte. Nach langem Hickhack durfte die BASF 2010 auf winzigen 15 Hektar im mecklenburgischen Zepkow ihre Gen-Kartoffel Amflora pflanzen.
Am Hungerproblem, auf das Lobbyisten so gern verweisen, geht die Gentechnik bislang vorbei. Amflora beispielsweise soll lediglich bessere Rohstoffe für die Stärke industrie liefern. Auch die vier Feldfrüchte, bei denen Gentechnik bisher hauptsächlich zum Einsatz kommt, nämlich Soja, Mais, Raps und Baumwolle, landen nicht auf dem Teller, sondern im Futtertrog, Tank oder Kleiderschrank. (...)
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