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Freihandel macht hungrig

11.06.12

Quelle: Cola, Reis & Heuschrecken. Welternährung im 21. Jahrhundert. (Edition Le Monde diplomatique 10/2011)

BildanfangSäcke mit Gewürzen© iStockphoto.com/Frank van den BerghBildende

Von Armin Paasch.

"Ein Sozialsystem wie in Europa haben wir nicht. Wenn die EU uns mit ihren Dumpingpreisen an die Wand drückt, ist das also wie ein Aufruf an unsere Milchbauern zum kollektiven Selbstmord", schimpft Gariko Korotoumou, Milchbäuerin und Vorsitzende des Verbandes der Kleinstmolkereien in Burkina Faso. Es sind nackte Überlebensängste, die viele Nomaden der Peul umtreiben. Diese Ethnie macht in dem westafrikanischen Land zehn Prozent der Bevölkerung aus, und ihre Einkommen hängen zu einem großen Teil davon ab, dass sie Milch erzeugen und vermarkten können.

Die Sorgen der Bauernführerin gründen auf eigener Erfahrung: 2005 ermittelte eine Studie von Misereor, dass Milchpulver aus der Europäischen Union in Burkina Faso mithilfe von Exporterstattungen zu umgerechnet 30 Cent pro Liter angeboten wurde. Dieser Preis lag nicht nur 18 Cent unterhalb der durchschnittlichen Produktionskosten einer deutschen Molkerei. Auch die lokalen Erzeugungskosten in Burkina Faso wurden um sieben bis zehn Cent unterboten. Der logische Effekt war, dass burkinische Molkereien zur Herstellung von Jogurt fast ausschließlich auf das EU-Milchpulver zurückgriffen und die lokalen Erzeugnisse nie den Weg in die Regale des Einzelhandels schafften. Den Peul wurden dadurch jegliche Entwicklungschancen verbaut.

Billigimporte sind ein zentraler Grund, warum afrikanische Staaten sehr abhängig von Lebensmitteln aus dem Ausland sind. Wie gefährlich das ist, zeigte sich 2007 und 2008: Die Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt stiegen, und damit auch die Preise, die von den Verbrauchern in Burkina Faso gezahlt werden müssen. Schon zuvor lebten über 40 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Nun verschärfte sich die Situation und trieb die Menschen im Februar 2008 zu Hungerprotesten auf die Straße.

Zugleich bot sich mit den verteuerten Importen für Bauern aber auch eine Chance, die Frau Korotoumou und ihre Organisation vorbildlich nutzten: Sie organisierten Fortbildungen zur Lagerung von Futtermitteln, bauten Kleinstmolkereien auf, erzeugten mehr Milch und fanden dafür erstmals nennenswerten Absatz auf dem heimischen Markt. Während sich der Preis für importiertes Milchpulver aus der EU zwischen 2004 und 2008 verdoppelte, konnte in demselben Zeitraum auch die lokal vermarktete Milchproduktion nahezu verdoppelt werden. Die Krisenreaktion der Bauern nutzte auf diese Weise ebenfalls den Konsumenten. Denn auch die Importabhängigkeit und die damit einhergehende Gefahr abrupter Preissteigerungen wurden verringert, indem die Bauern die heimische Produktion erhöhten.

Gariko Korotoumou fürchtet nun, dass die EU ihr abermals einen Strich durch die Rechnung macht. Die Europäer verlangen nämlich von der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas), ein so genanntes Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (EPA) zu unterzeichnen. Bisher haben in Westafrika lediglich Ghana und die Elfenbeinküste im Alleingang so genannten Interim-EPAs zugestimmt, die jedoch noch nicht ratifiziert sind. Ein EPA mit der gesamten Ecowas-Region ist bisher wegen der überzogenen Forderungen der EU, des starken zivilgesellschaftlichen Widerstands und der Uneinigkeit innerhalb von Ecowas gescheitert.

Sollte sich die EU dennoch durchsetzen, würden einige der ärmsten Länder der Erde gezwungen, 80 Prozent ihrer Zölle auf Einfuhren aus der EU zu streichen und die Zölle für die übrigen 20 Prozent Produkte auf dem jetzigen Niveau einzufrieren. (...)

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Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Le Monde diplomatique. Für die Vollversion nutzen Sie bitte unseren PDF-Download.


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