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07.05.12

Quelle: Cola, Reis & Heuschrecken. Welternährung im 21. Jahrhundert. (Edition Le Monde diplomatique 10/2011)

BildanfangDrei Heuschrecken© iStockphoto.com/Viktor GlupovBildende

Von Katharina Döbler.

Tiere töten

An einem heißen Sommertag, am Mittelmeer. Man saß im angenehmen Schatten der Pergola. Die Sonne spielte im Laub. Es sah aus, als ob die Blätter hüpften. Ich setzte die Brille auf. Sie hüpften tatsächlich. Die schönen hellgrünen Weinblätter hatten Beine. Und Fühler. Und lange Mundwerkzeuge, mit denen sie alles niederfraßen, was ihren Weg kreuzte. Es waren Heuschrecken, die echten aus den belaubten Hecken, nicht aus den Hedgefonds.
Sie hatten sich ihrer Umgebung so gut angepasst, dass sie sogar zarte Blattrippen auf ihren grünen Flügeldecken zeigten. Ein Wunderwerk der Natur. Doch der Hausbesitzer hatte uns einen strikten Befehl erteilt: Wenn ihr im Garten eine Heuschrecke seht, tötet sie sofort.
Wie bringt man eine Heuschrecke um?
In Mexiko, sagte eine Person, die anonym bleiben möchte, weil sie auf ihren vielen Reisen schon einmal gebratenen Hund gegessen hat, in Mexiko wirft man sie in siedendes Öl.
Wir hatten kein siedendes Öl. Aber ich glaube heute noch, wenn wir damals die Heuschrecken nicht nur getötet (ich verrate nicht, wie) sondern sie auch gegessen hätten, würde ich ein besseres Gewissen haben.

Gut sein

Menschen lassen sich nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten sehr genau unterscheiden. Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen und so weiter bestimmen ihr Konsumverhalten. Auch die Religions- und Parteizugehörigkeit. Einer der Gründe für die relativ hohe Toleranz in unserer Gesellschaft ist es, dass jede Konsumgewohnheit ein Marktsegment bedeutet.
Besonders gut lässt sich das an Nahrungsmitteln erkennen, wie beim Einkaufswagen-Spiel im Supermarkt: Schau, was darin liegt, und rate, wer ihn schiebt. Tiefkühl-Pizza mit Salami? Ziegenkäse? Schweinemett?
Fettarme Bio-Milch? Salat? Schnaps?
Essen ist ein wichtiger Indikator für den sozialen Status – aber nicht nur für den. "Ich ernähre mich gesund" ist ein Satz, der auf Bildung, gehobenes Selbstwertgefühl und Verantwortung hinweist. "Ich ernähre mich bewusst", die Steigerungsform davon, hat schon eine moralische Komponente.
Und in der Tat: Einer der leichtesten Wege, ein besserer Mensch zu werden, ist es, besser zu essen. Er bedarf keiner emotionalen Anstrengung, keiner tiefgreifenden Veränderung im Denken oder gar im Fühlen, keiner, wie man früher, ganz früher gesagt hätte, wie auch immer gearteten Tugendhaftigkeit. Man braucht nur zu wissen, dass, wer keinen Thunfisch ist, bereits die Welt – ein bisschen – verbessert. Wenn wir mal davon ausgehen, dass das Aussterben des Thunfischs eine Verschlechterung wäre.
Um ein guter Mensch zu sein, fährt man im Bioladen vor und kauft den fair gehandelten Kaffee, die regionalen pestizidrückstandsfreien Erdbeeren und das Fleisch von Tieren, die bis an ihr jähes Ende gelebt haben wie im All-inclusive-Urlaub. Das alles gibt es natürlich nur im gehobenen Preissegment, wir leben schließlich im Kapitalismus. Aber in den Kosten für das Abendessen ist dann auch etwas enthalten, das man nicht überall kriegt: ein deutlich verbessertes Gewissen, oder wer es etwas spiritueller mag: gutes Karma. (...)

Alle Artikel der Serie finden sie hier.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Le Monde diplomatique. Für die Vollversion nutzen Sie bitte unseren PDF-Download. 


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