BNE-Portal: Ernährungsserie (3): Mehr Kleinbauern für die Welternährung



Ernährungsserie (3): Mehr Kleinbauern für die Welternährung

23.02.12

BildanfangMesser und Gabel auf Weltkugel© iStockphoto.com/Carlos FierroBildende

Der Globus wird durch die Intensivierung der Fleisch- und Milchwirtschaft ruiniert. Die Schweisfurth-Stiftung hofft auf höhere Transportpreise, um den Massenkonsum zu stoppen. Die FAO auf mehr ökologische Kleinbauern: Sie könnten binnen zehn Jahren die Nahrungsmittelerzeugung in kritischen Regionen verdoppeln und die industrialisierte, globalisierte Landwirtschaft ersetzen.

Er arbeitet pfluglos und greift wenig in die Natur ein, denn Landwirt Josef Braun in Freising wirtschaftet ökologisch nach Bioland-Prinzipien. Seine 22 Kühe dürfen ganzjährig auf die Weide, sie fressen hauptsächlich Gräser und Kräuter, im Winter gibt es Heu und etwas Getreideschrot vom eigenen Hof. "Ich ahme das Futter dem auf den Almen nach", erklärt er, "weil die Milch dort meist die beste ist". Die Milch von seinem Hof hat denn auch eine bessere Fettsäureverteilung als die von Kühen, bei denen viel Kraftfutter in den Trog kommt. Dass der Gehalt von Omega-3-Fettsäuren in Milch abhängig ist von der Fütterungsart, haben gleich mehrere Studien bestätigt. Die Kühe sollen dafür wiederkäuer- und artgerecht gehalten werden. "Damit ist unsere Milch für den Menschen so wertvoll wie Medizin", sagt der Landwirt – und verweist auf die herzschützenden Eigenschaften der ungesättigten Fettsäuren.

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Doch wie bei Bauer Braun leben die wenigsten Kühe: Ökologisch wirtschafteten 2010 laut Statistischem Bundesamt rund 16.000 Betriebe. Damit liegen die ökologisch wirtschaftenden Landwirtschaftsbetriebe in Deutschland bei fünf Prozent insgesamt. Stattdessen erhalten die meisten anderen Kühe proteinhaltiges Kraftfutter und Maissilage. Bei hohen Kraftfuttermengen und ganzjähriger Stallhaltung liegen die gesundheitlich wertvollen Fettsäuren allerdings bei signifikant niedrigeren Werten. Das Besondere an Kühen und anderen Wiederkäuern ist, dass sie in Symbiose mit den vielen Mikroorganismen in ihrem Pansen aus unverdaulichem Heu und Gras die wertvollen Rohstoffe Milch und Fleisch "herstellen". Und sie produzieren dann auch weniger klimaschädliche Gase als bei einer Kraftfutterversorgung.

Deutsche sind nach wie vor Rekordfleischesser

Das Beispiel der gesunden Fettsäuren in der Milch ist nur ein Aspekt. Doch an ihm wird sehr deutlich, dass die Entwicklung zu industrialisierten Prozessen und Massenviehhaltung nicht nur eine Entscheidung für größere Mengen, sondern auch gegen eine ressourcenschonende Landwirtschaft ist. Was dazu geführt hat? Veränderte Ernährungsgewohnheiten und ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum bei gleichzeitig nicht mehr wachsender Agrarfläche sowie ein enormer Preisdruck, der auf landwirtschaftlichen Erzeugnissen liegt. So rangiert mittlerweile in Deutschland der Verbrauch tierischer Lebensmittel etwa 75 Prozent über dem Weltdurchschnitt. Und viele Entwicklungs- und Schwellenländer mit wohlhabenderen Bevölkerungsschichten streben auch in diese Richtung. "Die Tendenz ist klar", sagt Professor Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth-Stiftung, "der Globus wird in seinen gesamten Ressourcen durch die Intensivierung der Fleisch- und Milchwirtschaft ruiniert. Wir Menschen fressen die Erde buchstäblich kahl über die vielen Tiere, die wir verzehren."

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Die Kuh ist dank ihres Pansens eigentlich kein Nahrungskonkurrent des Menschen, denn Soja oder Mais würde sie freiwillig nicht futtern – würde sie nicht zu einem Hochleistungsmilchproduzenten gemacht, indem sie genau das vorgesetzt bekommt: proteinhaltiges Kraftfutter auf Sojabasis. So erzeugt eine Kuh heutzutage dreimal so viel Milch wie noch vor hundert Jahren (Link?). Wenn auch nur eine Minderheit an Kühen frisches Almgras malmen darf, so hat sich doch schon einiges verbessert: Denn vor dem BSE-Skandal bekamen Kühe zermahlene Tierkadaverreste in den Trog. Seit der BSE-Krise 2001 sind hierzulande Fleisch- und Knochenmehle verboten. Deshalb wurden in den Jahren 2007 und 2008 etwa 7,8 Millionen Tonnen Sojabohnen angebaut, die unverarbeitet oder als Sojaschrot nach Deutschland exportiert wurden, um die rund 13 Millionen Rinder, aber auch fast 60 Millionen Schweine und rund 68 Millionen Masthähnchen hierzulande zu mästen.

Soja-Monokulturen vernichten den Regenwald

In Monokulturen wird Soja, aber auch Mais und Ölsaaten fürs Kraftfutter angebaut. Und zwar vornehmlich in Lateinamerika. Dafür wird Regenwaldfläche so groß wie Griechenland jährlich durch Landnutzungsänderung umfunktioniert. Mit dem Wald geht allerdings die CO2-Speicherfähigkeit verloren, unberührte Ökosysteme und biologische Vielfalt. Sojapflanzen binden zwar auch Kohlendioxid, jedoch nicht so stark wie intakter Regenwald. Die Kohlendioxid-Bilanz von Soja-Monokulturen ist daher negativ. "Das ganze System ist zwar effizient, aber überhaupt nicht nachhaltig, weil ökologische Kosten vom Klima oder den Bodenschätzen her ausgelagert werden zulasten künftiger Generationen", urteilt Ethikprofessor Gottwald. Die FAO schlug schon im März 2007 Alarm, dass zwischen 1990 und 2005 Waldflächen von mehr als der dreifachen Größe Deutschlands schlicht verschwunden sind. Diese schwinden nicht nur allein wegen des Futtermittelanbaus, sondern auch für die Rinderzucht vor Ort.

Erdölpreise für den Transport könnten den Konsum bremsen

Neben Düngemitteln wie Phosphat, Kali und Stickstoff kommen auch Pestizide zum Einsatz. Diese Hilfsmittel sind schon bei ihrer Herstellung sehr energieintensiv und setzen viel CO2 frei. Zudem belastet das Zuviel der Düngemittel das Grundwasser, der Boden versauert, es kommt zu Erosionen.

Die Milch von Hochleistungskühen, die hauptsächlich Kraftfutter fressen, ist also weder gut fürs Klima noch für unsere Gesundheit. Und während das Gras-Heugemisch auf Brauns Hof im Winter gerade mal ein paar Meter über den Hof gekarrt werden muss, wird der Sojaschrot obendrein um den halben Globus geschippert, um in Europa an Tiere verfüttert zu werden: Laut WWI wird ein Achtel des Weltölverbrauchs für den Warentransport unter anderem von Futtermitteln aufgewendet. "Einzig die Kosten einer erdölbasierten Land- und Lebensmittelwirtschaft könnten einmal derart hoch werden", mutmaßt Professor Gottwald, "dass sie als Bremse dieser globalen Entwicklung wirken könnten" – und sich die Ernährungsweise dadurch zwangsläufig anpasse. Verändert sich jedoch nichts, wird nach Berechnungen des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit im Jahr 2050 die komplette Ackerfläche der Welt benötigt, um den Bedarf an Eiweißfuttermitteln nur für die globale Tierhaltung zu decken.

Eine Sackgasse, denn bei steigender Weltbevölkerung benötigen wir schon 2030 rund 20 Prozent mehr Lebensmittel als jetzt. 2011 wurde von der UN ein Bericht veröffentlicht, der zu einem überraschenden Fazit gelangt: Nicht eine industrialisierte, globale Landwirtschaft sei die Lösung, sondern Kleinbauern. Sie könnten binnen zehn Jahren unter Einsatz ökologischer Methoden die Nahrungsmittelerzeugung in kritischen Regionen verdoppeln. Verschiedenste Projekte zeigten genau das und deshalb forderte Olivier de Schutter, Autor der Studie und UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, einen grundlegenden Wandel hin zum ökologischen Landbau. Josef Braun hat diese Empfehlung bereits umgesetzt. Der Konsument kann beim Kauf das Prinzip des ökologischen Landbaus unterstützen, indem er zu Bioware greift – und seinen Fleisch- und Milchkonsum reduziert.

© DUK/Sabine Letz

Quellen

Statistisches Jahrbuch über Ernährung, Landwirtschaft und Forsten 2011
Studie über Klima- und Umweltwirkungen deutscher Agrarrohstoffimporte


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