Interview zum Bildungsbereich Berufliche Aus- und Weiterbildung
Bildende
Die Interviewfragen beantwortete Dagmar Winzier vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).
Die theoretische und praktische Berufsausbildung ist in Deutschland im Dualen System geregelt. Welche Vor- und Nachteile ergeben sich daraus für die Implementierung von Bildung für nachhaltige Entwicklung in die Berufsbildung?
Eine Implementierung von beruflicher Bildung für nachhaltige Entwicklung in die Berufsbildung im Dualen System hätte den Vorteil, dass hier der Nachhaltigkeitsgedanke mit all seinen Aspekten in der betrieblichen Praxis praktisch umgesetzt würde und die entsprechenden nachhaltigen Ausbildungsinhalte bundesweit vermittelt werden müssten. Die Implementierung nachhaltiger Ausbildungsinhalte wird bereits in einigen Modellversuchen erprobt, um die Arbeitsergebnisse in geregelte Ausbildungsgänge einfließen zu lassen. Ob dies in ausreichendem Maß gelingt, hängt vor allem von der Bereitschaft der Sozialparteien ab, die in längeren Abstimmungsprozessen darüber befinden werden, in welcher Form und in welchem Umfang berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung in die Berufsausbildung integriert und inwieweit sie sich in den Meister-Verordnungen wieder finden wird.
Die Weichen für die Berufsausbildung werden schon in der Schule gestellt. Welche konkreten Maßnahmen werden unternommen, um angehende Auszubildende für Berufsfelder der nachhaltigen Entwicklung zu interessieren. Wo liegt noch Handlungsbedarf?
Diese Frage lässt sich seitens des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) nur schwer beantworten, da alle "schulischen“ Belange einschließlich der Berufsschulen den Ländern obliegen. Lediglich der betrieblich zu vermittelnde Teil der Berufsausbildung sowie die bundeseinheitlich geltenden Prüfungen, deren Durchführung von den jeweils zuständigen Stellen – in der Regel den Kammern – geregelt wird, sind unter einer bundesweit geltenden Verordnung festgelegt. Zur Optimierung der Ausbildung im Dualen System sind daher Lernortkooperationen eingerichtet worden, deren Aktivität aber vor allem vom Engagement der beteiligten Partner, d.h. Ausbildungsbetriebe, Berufsschulen, Kammern, BIBB getragen wird. Eine Unterstützung dieser Lernortkooperationen könnte auch zu einem besseren Verständnis für eine nachhaltige Entwicklung führen. Weitere Möglichkeiten, Schüler für nachhaltige Entwicklung zu interessieren – Berufsbilder im klassischen Sinne gibt es noch nicht – besteht in der Vermittlung beruflicher Praktika in entsprechende Firmen (Windkraftanlagen, Solaranlagen etc.), Beratung durch Praktiker in den Schulen, Tage der "offenen Tür“ bei der Bundesagentur für Arbeit – am besten in Zusammenarbeit mit Ausbildungsbetrieben – Förderung von Schülerfirmen, Aktionen auf Fachmessen (z.B. Didacta, Grüne Woche, Ligna …), aber auch Informationsangebote auf Hochschultagen zur beruflichen Bildung, um Lehr- und Ausbildungspersonal verstärkt für das Thema "Nachhaltigkeit“ zu gewinnen.
Welche Erwartungen werden seitens der Wirtschaft im Hinblick auf BNE an berufsbildende Einrichtungen gestellt?
Die Erwartungen und Ansprüche sind weit gefächert und reichen von allgemeinen Aussagen wie "die Ausbildungstauglichkeit ist nicht gegeben - hier muss sich etwas ändern“ bis hin zu Aussagen, dass "bestehende Ausbildungsordnungen bereits alle relevanten Ausbildungsinhalte enthalten, die das jeweilige Gewerk z.B. zur Installation und Wartung einer Photovoltaikanlage braucht“. Ebenso divergieren die Meinungen darüber, auf welchem Qualifikationsniveau ausgebildet werden soll. Außerdem wird diskutiert, ob Nachhaltigkeit in Ausbildungsordnungen eingeführt werden soll, etwa als Standardberufsbildposition, vergleichbar den Ausbildungsinhalten zum Umweltschutz, die in allen staatlich anerkannten Ausbildungsberufen zu finden sind. In einigen Berufsfeldern wie z.B. in der Chemie wird bereits denkt man darüber nach, wie der Nachhaltigkeitsgedanke in der Aus- und Fortbildung implementiert werden kann. Hierzu läuft aktuell der Modellversuch NICA (Nachhaltigkeit in der Chemieausbildung).
Welche Rolle spielt der europäische Qualifikationsrahmen (EQF) für BNE in der Berufsbildung?
Bislang keine. Der EQF ist vor allem geschaffen worden, um eine Vergleichbarkeit der verschiedenen europäischen Bildungssysteme zu ermöglichen, d.h. beim EQF handelt es sich in erste Linie um einen “Konverter“, an dem sich die jeweils nationalen Qualifizierungsrahmen orientieren können. Es geht hierbei also eher um einen formalen Akt, nämlich der Festlegung der Qualifikationsebenen im jeweiligen Bildungssystem der verschiedenen nationalen Staaten in Relation zum EQF. Spannender wäre es zu verfolgen, ob und welche europäischen Kompetenzen, gerade in Bezug auf die Nachhaltigkeit entwickelt und wo sie ihren Niederschlag in den jeweiligen Bildungssystemen finden werden.
Gibt es spezielle Informationsmaterialien oder Internetseiten, wo Auszubildende sich über Berufsfelder und Ausbildungsgänge mit Bezug zur nachhaltigen Entwicklung informieren können?
Am ausführlichsten über das BerufeNet der Bundesagentur für Arbeit und das Arbeitsamt.
Welche Berufsaussichten haben Absolventen von Ausbildungsgängen im Bereich von Umweltschutz, Ressourcenmanagement, Energieeffizienz nachwachsenden Rohstoffen oder anderen verwandten Berufen?
Im Berufsausbildungsbereich gibt es nur vier Berufe, die sogenannten "umwelttechnischen Berufe“. Eine Übernahme der Auszubildenden nach Abschluss der Ausbildung ist relativ hoch. Zu Berufsaussichten nach Abschluss von Fachhochschul- oder Hochschulstudium liegen keine gesicherten Angaben vor. Im Bereich der Fortbildung liegen – abgesehen von der Meisterausbildung in den umwelttechnischen Berufen – wo die Berufsaussichten gut sind, ebenfalls keine statistisch abgesicherten Daten vor. Das gleich gilt für rein schulische Ausbildungsgänge.
Welche Fragen hätten Sie darüber hinaus noch für relevant gehalten?
Es wäre interessant zu sehen, welche Schritte im Bereich der (beruflichen) Bildung geplant sind oder zu planen sind, um an der Umsetzung der EU-Strategie für nachhaltige Entwicklung, wie sie der Europäische Rat am 15.-16. Juni 2006 angenommen hat, mitzuwirken und welche bereichsübergreifenden Maßnahmen als Beitrag zur Wissensgesellschaft ergriffen werden sollen, um den sieben zentralen Herausforderungen der EU-Strategie zu begegnen.
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