BNE-Portal: Protokoll AG Informelles Lernen, 15./16. Februar 2008

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Protokoll AG Informelles Lernen, 15./16. Februar 2008

Anwesende: Maik Adomßent; Jona Blobel (nur Freitag); Richard Häusler; Wolfgang Helmeth; Hans-Heiner Heuser; Steffen Kirchhof; Inga Nüthen; Christiane Petsch; Robert Rathsfeld; Ina Schäfer; Claudia Schilling (nur Freitag); Carola Stender; Claus Tully; Betty Wilke (nur Freitag); Julia Willuhn (nur Freitag); Lars Wohlers (nur Freitag)

Moderation: Katharina Kluge

15. Februar 2008

Eingeleitet wurde die erste Arbeitsgruppensitzung von Katharina Kluge mit einer Vorstellungsrunde.  Diese orientierte sich an einem Steckbrief, in dem der eigene Bezug zum Thema und eigene Erwartungen an die Arbeitsgruppe vorgestellt wurden. Die Steckbriefe wurden zum Ende des Workshops für alle Teilnehmer/innen sichtbar aufgehängt.

Anschließend folgte ein einführender Vortrag von Prof. Dr. Claus Tully mit dem Titel "Informelles Lernen – Informalisierung ein gesellschaftlicher Trend".

Verständnisfragen
Im Anschluss an den Impulsvortrag wurden einige Fragen zu informeller Bildung und ihrer Messbarmachung aufgebracht. Hans-Heiner Heuser warf die Frage auf, inwiefern mit der Festlegung von klaren Settings zur Kontrolle informeller Bildung eine Instrumentalisierung dieser stattfände. Der Gefahr dieser Instrumentalisierung setzte Heuser die Notwendigkeit von Freiraum für informelles Lernen entgegen. Darauf Bezug nehmend machte Claus Tully klar, dass es um eine Benennung von Kontexten gehe, um die Lernerfolge von informellen Lernprozessen zu analysieren bzw. kontrollieren. Eine Kontrolle über die informell erworbenen Lernerfolge sei notwendig, um Lernungleichheiten aufzudecken. Steffen Kirchhof kritisierte die Trennung von Bildungseinrichtungen und informeller Bildung. Er ergänzte, dass informelles Lernen auch in Bildungseinrichtungen jenseits pädagogischen Einflusses stattfände. Im Folgenden wies er auf das Spannungsfeld zwischen der Gefahr gesellschaftlicher Vereinnahmung, informell erworbener Kompetenzen und der Notwendigkeit von Kompetenzkontrolle hin. Wolfgang Helmeth fragte nach der Schnittstelle von informellem und formellem Lernen und verwies auf die unterstützende Funktion von Pädagoginnen und Pädagogen. Abschließend betonte Lars Wohlers das Potential informellen Lernens zur Chancenerhöhung und Förderung der Durchlässigkeit des Bildungssystems.

Es wurde sich abschließend darauf verständigt die zweite Arbeitsgruppenhase am Samstag mit einer genaueren Definition der Aufgabenstellung zu beginnen. Es stand im Raum sich eventuell auf Indikatoren zur Messbarmachung informeller Bildung zu verständigen.

16. Februar 2008

Die Schwierigkeit die Komplexität des Themas zu fassen spiegelte sich auch in der Diskussion im zweiten Teil der AG Informelles Lernen wider. Bereits die Definition des Begriffes nahm einige Zeit in Anspruch und es konnte keine einheitliche Ausformulierung des Konzeptes informeller Bildung festgelegt werden. Einigkeit bestand jedoch darin, dass informelle Bildung überall stattfinde und nicht primär erkenntnisgeleitet, sondern an der Bewältigung einer bestimmten Situation ausgerichtet sei.

Es wurden fünf Fragestellungen bzw. Arbeitsaufträge für die folgende Arbeitsgruppenphase erarbeitet:

  1. Begriffsdefinition: Informelles Lernen
  2. Identifizierung von Handlungsfeldern, in denen sich informelles Lernen ereignet - mit speziellem Blickwinkel auf BNE
  3. Was ist Nachhaltigkeit?
  4. Grundlagen für informelles Lernen durch Sozialisationsfelder
  5. Ungleichheitseffekte und informelles Lernen

Anschließend wurde gemäß dem beschränken Zeitrahmen eine Priorisierung der Arbeitsfragen vorgenommen. Dabei stellte sich heraus, dass die Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Identifizierung von Handlungsfeldern arbeiten wollte. Als zweite Priorität ergab sich die Beachtung der Korrelation zwischen Ungleichheit und informellem Lernen. Die restlichen Fragestellungen wurden in gleichem Maße präferiert.

Erneut wurde eine Verständigung über die Definition von informellem Lernen der Diskussion vorangestellt. Dabei wurden folgende definitorische Punkte hervorgehoben:

  • Lernen aus eigenem Antrieb
  • Orientierung an Problemlösung
  • eine hohe Motivation zur Problemlösung
  • situatives Lernen
  • außerhalb der Intention
  • informelle Bildung

Es entwickelte sich eine Debatte darum, wie Informelles Lernen geschieht. In diesem Zusammenhang schlug Kirchhof ein Kontinuum unterschiedlicher Ebenen informellen Lernens vor:

Impliziertes Lernen   Erfahrungsorientiertheit  selbstorganisiertes Lernen

Dabei unterstrich Krichhof, dass eine höhere Reflexivität des informellen Lernens eine höhere Nachhaltigkeit des Lernprozesses bedeute. Anschließend wurden Oberkategorien gesammelt, um Handlungsfelder informellen Lernens zu bestimmen. Benannt wurden in dieser Sammlung: Freizeit, Familie, Peers, soziales Umfeld, Sport bzw- Vereinsarbeit, freiwilliges Engagement, Nebenjobs, Spiel, Kunst (als ein Feld ohne Zweckbindung), Beruf. Heuser merkte an dieser Stelle an, dass es vor allem um die Frage ginge Freizeit und  Freiräume für informelles Lernen zu schaffen.

Ein Versuch der Sortierung führte zuerst zu einer Clusterung gemäß der Sozialisationsfelder: Arbeit  *  Soziales Umfeld  *  Ehrenamtliches Engagement  *  Freizeit  *  Bildungsinstitutionen * Familie

Daraufhin wurde festgestellt, dass die einzelnen Handlungsfelder nicht eindeutig einzelnen Sozialisationsfeldern zuordenbar seien. Schließlich handele es sich hierbei lediglich um analytische Kategorien, die einen Alltag, der von immer mehr Entgrenzung geprägt sei, nicht widerspiegeln könnten.

Im Folgenden wurde eine Kontextualisierung am Beispiel von BNE versucht. Dafür waren zwei Fragestellungen zentral:

  1. Gibt es Ansätze zur informellen Bildung im BNE-Bereich?
  2. Wie können solche Ansätze entstehen?
BildanfangFlipchart aus der AG Informelles Lernen???Großansicht des Bildes???Flipchart aus der AG Informelles lernen © Berliner Arbeitsstelle der UN-DekadeBildende

An dieser Stelle wurde auf die Zentralität des Erlernens von Gestaltungskompetenz verwiesen. Es ging dabei um die Frage, wo und wie Settings informeller Bildung für BNE geschaffen werden können. Herr Adomßent schlug folgende Darstellung zur Verdeutlichung der der Verortung von Handlungsfeldern vor (siehe Bild).

Daraus entstand die Frage, wie sich diese Felder für informelles Lernen fruchtbar machen ließen. Das Schema wurde hierbei als Möglichkeit betrachtet Ansatzpunkte für BNE zu finden. In diesem Zusammenhang wurde auch die Betrachtung des sogenannten Präkariats benannt. Schließlich würden einige Menschen nicht über das Handlungsfeld der Familie hinausgelangen, da ihnen wichtige Kernkomptenzen fehlten bzw. nicht vermittelt wurden. Es wurde auch an die empirische Feststellung erinnert, die aufzeige, dass gerade höhere Bildungsniveaus ein höheres Niveau informeller Bildung aufwiesen.

Hier wurde betont, dass es vor allem wichtig sei, das Lernen zu lernen und die Notwendigkeit von Freiheiten und  Freiräumen dafür hervorgehoben. Daraus resultiere die Anforderung an Bildung die Befähigung zu Komptenzentwicklung durch informelles Lernen zu vermitteln – und zwar in allen Gesellschaftsschichten. Dafür könne sich nicht nur auf Bildung auf Ebene der Schule und zugeschnitten auf Jugendliche beschränkt werden.

Tully verwies drauf, dass Lernen nicht als Kontinuum betrachtet werden könne, sondern Kompetenzen zu unterschiedlichen Zeitpunkten in unterschiedlicher Reihenfolge erworben werden könnten. Es wurde dafür plädiert, unterschiedliche Lebens- und Bildungsweisen anzuerkennen. Verständigt wurde sich auf ein neues pädagogisches Paradigma der Befähigung zur Erkennung eigener Kompetenzen. Dies folgte aus der Problematisierung der Tatsache, dass Lernfortschritte allgemein an dem gemessen würden, was die betreffende Person noch nicht könne.

Kontextualisierung in pädagogischen Wissenschaften: ---> Von der Vermittlungsdidaktik zur Ermöglichungsdidaktik

In diesem Kontext wurde auf die Beobachtung verwiesen, dass es eine notwendige Menge von Menschen gäbe, die den gesellschaftlichen Nützlichkeitskriterien schlicht nicht genügten. Damit wurde kurz die bildungspolitische Debatte mit der Feststellung über die Selektivität und Einseitigkeit der formalen Bildung gestreift.

Auf Grundlage der Annahme, dass informelles Lernen Kompetenzen in Hinblick auf BNE befördere, wurde ein Maßnahmenkatalog erarbeitet. Dieser sollte explizit die Fragestellung, wie möglichst alle Menschen durch informelle Bildung erreicht werden können, mitdenken.
Zudem wurde darauf hingewiesen, dass es sich hierbei nicht unbedingt um eine Debatte zur Zertifizierung informeller Bildung, sondern eher um eine Wertigkeitsdebatte zu deren Anerkennung handele. Es wurde betont, dass formelle nicht gegen informelle Bildung ausgespielt werden dürfe. Vielmehr solle formelle Bildung die Grundlage für informelles Lernen bilden, also zu Autonomie im Lernprozess befähigen.

Folgende konkrete Maßnahmen wurden bestimmt:

  • die Lehrerausbildung müsse sich weg von der Fachorientierung hin zu allgemeiner Didaktik entwickeln
  • Abwendung von der Verschulung des Alltags
  • Stärkung der außerschulischen Bildungsbereiche
  • Anregungsmillieus bieten (Dieser Punkt wurde kontrovers an der Debatte zu Konzepten wie der Ganztagsschule geführt)
  • die gesellschaftliche Debatte müsse für informelle Lernprozesse geöffnet werden
  • durch die Verschlankung der Curricula sollten mehr Freiräume für informelles Lernen geschaffen werden

Abschließend wurden knapp die Fragen danach, wie Menschen durch informelle Bildung erreicht werden könnten angesprochen. Dabei wurden Jugendarbeit,  Schule und erlebnispädagogische Zugänge hervorgehoben.


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