BNE-Journal: Annette Dieckmann: "Ein mutiger, nicht risikofreier, aber richtiger und zukunftsweisender Schritt"

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Annette Dieckmann: "Ein mutiger, nicht risikofreier, aber richtiger und zukunftsweisender Schritt"

BildanfangInterview_Annette DieckmannAnnette Dieckmann © ANUBildende

Annette Dieckmann ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung Bundesverband e.V. (ANU). Im Interview erklärt sie, wie die Zusammenarbeit zwischen der ANU und der E.ON AG im Rahmen des Projekts Leuchtpol funktioniert und welche Vor- und Nachteile sie dabei sieht. Leuchtpol verankert Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in Kindergärten und veranstaltet dafür mehrtägige Fortbildungen für Erzieherinnen unter dem Motto "Energie und Umwelt neu erleben". Projektziele sind BNE in 4.000 Kindergärten zu verankern, bildungspolitische Impulse für Curricula und Rahmenpläne zu geben und einen Dialog zwischen Umweltbewegung und Wirtschaft zu fördern. Die E.ON AG fördert das Projekt finanziell.

Sie sind mit der Kooperation zwischen E.ON und der ANU innerhalb Ihres eigenen Verbandes auf Widerstand gestoßen. Würden Sie sich trotzdem erneut darauf einlassen?

Ja, denn uns kam es darauf an, ein Projekt auf den Weg zu bringen, in dem die ANU und ihre Tochtergesellschaft, die gemeinnützige GmbH Leuchtpol, uneingeschränkte pädagogische Freiheit haben. Bei dem außerdem die Qualität im Vordergrund steht und E.ON auf Marketing in Kindergärten und massenmediale Werbung verzichtet. Dies ist uns durch den sorgfältig aufgesetzten Sponsoringvertrag, an den sich die Partner penibel halten, gelungen. Deshalb sehen wir Leuchtpol weiterhin als gutes Modell. Das gilt besonders für Kooperationen zwischen Partnern, die Umweltfragen sehr unterschiedlich bewerten und auch während des Projektes mit ihren Positionen nicht hinterm Berg halten.

Wie reagierten Ihre Verbandsmitglieder anfangs und wie ist die Einstellung heute?

Die ersten Reaktionen reichten von Begeisterung darüber, mit Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) endlich breit wirksam werden zu können, bis hin zur Annahme, dass E.ON die Umweltbewegung spalten wolle. Die Befürworter wünschten sich, unsere Anliegen ins Unternehmen zu tragen. Die Gegner hingegen fürchteten massives Greenwashing und lehnten ab, mit Betreibern von AKW und neuen Kohlekraftwerken zusammenzuarbeiten. Viele, die zunächst skeptisch bis ablehnend waren, haben ihre Haltung geändert, nachdem sie die Fakten zur pädagogischen Unabhängigkeit und zur relativ zurückhaltenden Kommunikation bei E.ON kannten. Wichtig war, dass wir unsere ausführliche innerverbandliche Diskussion über das Projekt äußerst transparent führten. Die meisten Mitglieder sehen die Zusammenarbeit inzwischen als mutigen, nicht risikofreien, aber richtigen und zukunftsweisenden Schritt.

Welche Vorteile und welche Nachteile hat die Zusammenarbeit?

Das Wichtigste für uns: Da E.ON bereit ist, ein umfangreiches, qualitativ hochwertiges Projekt mit angemessenem Budget auszustatten, können wir mit Leuchtpol die vielen lokalen Erfahrungen der außerschulischen Umweltbildungsanbieter bündeln und mit großer Reichweite umsetzen. Wie bisherige Evaluationen beweisen sind wir sehr wirkungsvoll. Die in Kürze erscheinende Best practice-Broschüre zeigt, dass Elementarbildung ein Potenzial für BNE birgt. Denn Kitas sind Orte, wo Erzieherinnen und Kinder gemeinsam Werte aushandeln, festigen und reflektieren.
Leuchtpol gibt uns die Möglichkeit, BNE sowohl in den entsprechenden Gremien als auch durch gezielte Presse- und Medienarbeit breitenwirksam zu kommunizieren. Wir müssen aber die kommunikativen Risiken sorgfältig beachten und zum Beispiel falschen Darstellungen rechtzeitig begegnen. Ein Nachteil ist, dass der Aufwand dafür größer ist als in anderen Projekten. Ein Vorteil der heterogenen Zusammenarbeit ist dagegen, dass im Konzern selbst viele Mitarbeiter mit den Ideen von BNE in Berührung kommen, die wir sonst wohl kaum erreichen würden.

Kann eine NGO im Rahmen einer Kooperation tatsächlich in einen großen Konzern hineinwirken und dort etwas verändern?

Zunächst verstärkt das Projekt die Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit auch im Konzern, da E.ON seinen Beschäftigten dieses außergewöhnliche Engagement erläutern muss. Darüber hinaus gibt uns die Kooperation regelmäßig Gelegenheit, mit den Vertretern des Konzerns relativ entspannt Meinungen auszutauschen. Dies konnten wir auch auf Vorstandsebene tun und dort unsere Auffassung von starker Nachhaltigkeit einbringen. Starke Nachhaltigkeit heißt für uns, dass der Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen über dem wirtschaftlichen Gewinnstreben steht.
Dennoch bleiben wir realistisch: Auch wenn wir mit E.ON intern und extern im kritischen Dialog stehen, halten wir unsere Möglichkeiten, auf die Konzernentwicklung und auf die Ausrichtung des Kerngeschäfts Einfluss nehmen zu können, für eher gering. Ansätze wie eine viel beachtete öffentliche Dialogveranstaltung im Frühjahr 2010 in Berlin halten wir für sehr sinnvoll. Eine Bilanz können wir aber erst am Projektende ziehen.

Wo wäre für Sie eine Grenze erreicht, die ein Verband nicht überschreiten sollte?

In der ANU haben wir in einem Grundsatzpapier festgelegt, dass ein Sponsoringpartner die Mindeststandards des Global Compact einhalten muss. Es kommt im Einzelfall dann darauf an, Risiken und erwarteten Nutzen einer Zusammenarbeit abzuwägen. Dazu gehören auch kommunikative Risiken. Die Grundlage muss eine Vereinbarung sein, die politische und in unserem Fall pädagogische Unabhängigkeit sichert. Ich persönlich würde nicht mit Unternehmen arbeiten, die überwiegend im Rüstungsgeschäft tätig sind oder mit der Zigarettenindustrie.

Ist die Kooperation ein Modell für die Zukunft für die Vermittlung von nachhaltigem Denken und Handeln?

Was die zentralen Ziele von Leuchtpol angeht: unbedingt. Bereits nach eineinhalb Jahren haben über 1.000 Kindergärten erfolgreich BNE-Projekte durchgeführt und dokumentiert. Wir halten es für unabdingbar, auch und gerade mit solchen Unternehmen zusammenzuarbeiten, die hohe soziale und ökologische Risiken in ihrer Wertschöpfungskette haben. Wir können auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung nicht auf sie verzichten.

Bericht zur Dialogveranstaltung am 22. April 2010 "Partnerschaften unter Hochspannung?" Kooperationen zwischen NGOs und Konzernen - wie kann das gut gehen?

Grundsatzpapier: Kooperationen der ANU mit Unternehmen

Informationen zur kritischen Auseinandersetzung zum Beginn


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