Raus aus den Kinderschuhen! Ein Plädoyer für eine Professionalisierung der Nachhaltigkeitsberichterstattung und -analyse
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Andrea Liesen © Queen’s University Management SchoolBildende
von Prof. Dr. Frank Figge, Dr. Tobias Hahn, Lydia Illge und Andrea Liesen
Nachhaltigkeitsberichte gehören inzwischen bei vielen Unternehmen zum allgemeinen Standard. Die Frage ist aber, ob die Berichte wirklich zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen.
In der Ausbildung angehender Ökonomen steht traditionell der effiziente Einsatz des Kapitals im Vordergrund. Beispielsweise entspricht der Unternehmenswert dem Wert des Unternehmens aus Sicht der Kapitalgeber. Eine höhere erwartete Kapitalverzinsung bedeutet einen höheren Unternehmenswert. Die Berichterstattung der Unternehmen ist daher traditionell auch kapitalorientiert. Um ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Unternehmensleistung zu ermöglichen, entstanden über die Jahrzehnte dichte Regelwerke. Sie sollen nicht zuletzt den Unternehmenseignern zeigen, wie sinnvoll das Unternehmen sein Kapital eingesetzt hat.
Kritische Auseinandersetzung
Dem liegt der Gedanke zugrunde, dass sich die relevanten Stakeholder, also auch die Eigenkapitalgeber, kritisch mit der Unternehmensleistung auseinandersetzen können. Der Druck dieser Stakeholder treibt die Unternehmen an, mit der knappen Ressource Kapital immer effizienter umzugehen. Diese Analyse gilt in ihrer Einfachheit allerdings nur, wenn man sich auf eine einzige Ressource beschränkt, nämlich das ökonomische Kapital. Die Erkenntnis, dass der Verbrauch natürlicher Ressourcen an Grenzen stößt und die Gesellschaft erhebliche Anstrengungen unternehmen muss, um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen, ändert das. So rückt auch in den Vordergrund des Interesses, welche ökologischen Ressourcen das Unternehmen verbraucht.
Wechselspiel zwischen Unternehmen und Stakeholdern
Will man das oben genannte Erfolgsmodell kopieren, um ökologische Belastungen zu reduzieren, müssen sich die Stakeholder der Unternehmen auch mit dem Verbrauch ökologischer Ressourcen kritisch auseinandersetzen können. Dies stellt nicht nur die akademische Ausbildung, sondern auch die Unternehmen und deren Stakeholder vor erhebliche Herausforderungen. Das traditionelle Bild, in dem sich ein positiver Beitrag von Unternehmen einzig und allein durch ihre Kapitalrendite ergibt, wandelt sich. Die Gesellschaft erwartet zunehmend von Unternehmen, dass sie auch einen positiven ökologischen und sozialen Beitrag leisten. Die Hoffnung ist daher, dass sich die Stakeholder kritisch mit der ökologischen und sozialen Unternehmensleistung auseinandersetzen und die Unternehmen zu immer besserer Leistung anspornen. Hierzu braucht es das Wechselspiel zwischen Unternehmen und Stakeholdern. Auf der einen Seite müssen Unternehmen entsprechende Informationen veröffentlichen. Den Stakeholdern kommen auf der anderen Seite zwei Aufgaben zu: Sie müssen einerseits die Unternehmen dazu anhalten, vergleichbare und qualitativ hochwertige Informationen zu publizieren. Andererseits müssen die Stakeholder diese Informationen nutzen und den Unternehmen entsprechende Signale geben, damit diese weniger ökologische Ressourcen verbrauchen.
Der Praxistest
Was in der Theorie einfach und logisch klingt, gelingt in der Praxis aber nur selten. Würde dieses Wechselspiel zwischen Unternehmen und Stakeholdern funktionieren, müsste sich die Qualität der Berichterstattung im Laufe der Zeit verbessern. Grobe, einfach zu erkennende Fehler dürften nicht auftauchen, da die Stakeholder sie erkennen und die Unternehmen sie beseitigen würden. "Bilanztricksereien", wie es sie auch im Finanzbereich gibt, würden Stakeholder erkennen und in ihren Analysen bereinigen. Dies ist allerdings nicht der Fall. Einige anekdotenhafte Beispiele können hier zur Illustrierung dienen.
Irrtümer in Nachhaltigkeitsberichten
So hat British Telecom mehrfach Preise für seine Nachhaltigkeitsleistung erhalten und ist zum Beispiel auch Teil des Dow Jones Sustainability Index. Das Unternehmen berichtet, dass es in den Jahren 2007 und 2008 in den Benelux-Ländern jeweils über 600.000 Tonnen Abfall exklusive Bauschutt verursacht habe. Pro Arbeitnehmer und Arbeitstag wären dies rund 1.400 Kilogramm Abfall. Dies hieße auch, dass mehr als 99 Prozent aller Abfälle außerhalb des Vereinigten Königreichs in Belgien anfielen. Wie vom Unternehmen im Jahr 2007 bestätigt, handelt es sich hierbei um eine Falschinformation, die die Stakeholder und das hochkarätig besetzte Beratergremium auch im Folgejahr nicht erkannt haben. ABB berichtete jahrelang Schwefeloxid- und Stickstoffoxid-Emissionen, die um den Faktor 1.000 über den wirklichen Emissionen lagen. Dies erkannte auch die unabhängige Zertifizierungsgesellschaft Det Norske Veritas nicht.
Verschwundene Emissionen
Einen ausgefeilten Bilanzierungstrick setzt Volkswagen ein. Das Unternehmen betreibt ein Kraftwerk, das zu 95 Prozent dem deutschen Energieriesen E.ON gehört. Diese Aufteilung hat für beide Unternehmen Vorteile. Volkswagen kann argumentieren, dass die Kohlenstoffdioxid-Emissionen nicht in den Nachhaltigkeitsbericht gehören, da es das Kraftwerk nur zu 5 Prozent besitzt. E.ON kann hingegen anführen, dass es das Kraftwerk nicht betreibt. Mit diesen Argumenten lässt sich für Volkswagen und E.ON begründen, dass sie die Kohlenstoffdioxid-Emissionen nicht in den jeweiligen Nachhaltigkeitsberichten ausweisen. Es verschwinden auf diese Weise circa 2,5 Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid und damit mehr als die gesamten Kohlenstoffdioxid-Emissionen Islands.
Fehler, Falschinformationen und Tricksereien
Problematisch ist nicht so sehr die Tatsache, dass man Fehler und Falschinformationen oder Tricksereien in Nachhaltigkeitsberichten findet. Problematisch ist, dass die Stakeholder diese offensichtlich nicht erkennen und sanktionieren. Dies lässt darauf schließen, dass die Stakeholder diese Informationen entweder gar nicht nutzen oder aber die Fehler nicht erkennen und mit falschen Daten arbeiten. All das weist darauf hin, dass der Informationskreislauf zwischen Unternehmen und Stakeholdern nicht funktioniert. Ein Grund hierfür auf der Unternehmenseite mag sein, dass es im Kontrast zur Finanzberichterstattung kein rechtlich bindendes Regelwerk Nachhaltigkeitsberichte gibt. Durch die zahlreichen Richtlinien für die Nachhaltigkeitsberichterstattung und die vielfältigen Nachhaltigkeitsrankings und -preise veröffentlichen Unternehmen eine Vielzahl von Informationen auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlicher Tiefe. Die Unternehmen haben so einen großen Spielraum wie sie Informationen bekanntmachen.
Überforderung der Stakeholder
Auf der Seite der Stakeholder ist dadurch bedingt eine latente Überforderung zu beobachten. Die ökologischen Informationen liegen in vielen verschiedenen Dimensionen und auf unterschiedliche Arten vor, so dass Stakeholder sie nicht einfach beurteilen können. Um die Informationen interpretieren zu können, brauchen sie geeignetes Fachwissen, stärker noch als bei finanziellen Informationen. Ob der Ausstoß von 2,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid erheblich ist, können Stakeholder nur beurteilen, wenn sie es mit einer natur- oder sozialwissenschaftlichen Referenzgröße sinnvoll vergleichen können. Oder einfacher ausgedrückt: Welche Kohlenstoffdioxid-Emission ist eigentlich normal oder akzeptabel? Und in einem zweiten Schritt: Welche Aktivitäten umfasst diese Zahl? Und was sind ihre Konsequenzen?
Ökonomisches Kapital und ökologische Ressourcen
Managementausbildungen beantworten leider nur sehr selten solche Fragen. Wenn Personen diese Frage diskutieren, steht schnell im Vordergrund, was die Umweltbelastung für den ökonomischen Erfolg der Unternehmen bedeutet. Oft reduziert sich auf diese Weise die Diskussion auf die Perspektive der Kapitalgeber und die Rendite des Kapitals. Diese Perspektive rechtfertigt jegliche Emission von Kohlenstoffdioxid, solange sich die Kapitalrendite erhöht. Wie absurd eine solche Orientierung an einer einzigen Kennzahl aus Sicht des Umweltschutzes ist, zeigt sich, wenn man die Logik einmal anders betrachtet. Die Forderung, dass ein Unternehmen unbegrenzt viel Geld investieren darf, solange es die ökologischen Ressourcen ausreichend effizient einsetzt, würden wohl alle marktwirtschaftlich orientierten Ökonomen ablehnen. Die Aufgabe der Managementforschung ist es daher, das Verhältnis zwischen ökonomischem Kapital und ökologischen Ressourcen neu zu überdenken.
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