BNE-Journal: CSR - Verpflichtung auf globaler Ebene?

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CSR - Verpflichtung auf globaler Ebene?

BildanfangArtikel_ Prof. Dr. Beate ZimpelmannProf. Dr. Beate Zimpelmann © privatBildendeBildanfangArtikel_Dr. Dirk WassermannDr. Dirk Wassermann © privatBildende

von Prof. Dr. Beate Zimpelmann und Dr. Dirk Wassermann

Corporate Social Responsibility (CSR) gewinnt in der globalisierten Welt immer mehr an Bedeutung. Übernehmen die Unternehmen damit politische Verantwortung in einem System, das zunehmend über nationale Grenzen hinweg funktioniert und das neben Staaten auch andere Akteure prägen?

Sicher ist, dass im Bereich der internationalen Umwelt- und Sozialstandards dringender Handlungsbedarf besteht. Damit ist, neben den Unternehmen, die Zivilgesellschaft gefordert und insbesondere die Gewerkschaften.

Keine nationalen Lösungen

Ökologische und soziale Problemlagen erfordern zunehmend internationale Lösungen und damit eine Regulierung im Rahmen eines internationalen Mehrebenen-Systems, der so genannten Multi Level Governance: Erderwärmung, AIDS, Korruption oder die Verletzung von Menschenrechten sind keine Probleme, die an den Grenzen des Nationalstaates Halt machen. Staaten können sie alleine nicht befriedigend lösen. Die Probleme haben eine inter- und transnationale Dimension und erfordern eine ebenenübergreifende Politik. Diese Politik muss sowohl private, öffentliche und zivilgesellschaftliche Akteure als auch neue und informelle Interaktionsformen einschließen.

Internationale Standards, Compliance und CSR

Im Bereich der Sozialstandards existiert auf internationaler Ebene bereits eine Fülle von Regeln, die Arbeitnehmerrechte absichern. Außerdem verwirklichen sie ein breitgespanntes Spektrum von wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechten. Neben den Menschenrechtsverträgen der Vereinten Nationen und insbesondere den Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation können Arbeitnehmer auf Urteile der jeweiligen Gerichte zurückgreifen.

Schutz der Schwachen

Internationale Vereinbarungen schaffen eine Vielzahl von Normen, die sich zunächst an die Staaten als Adressaten richten und eine innerstaatliche Umsetzung brauchen. Der Staat hat nicht nur die Pflicht, Freiheitsbereiche zu respektieren. Staaten haben insbesondere Schutz- und Organisationspflichten. Das heißt, sie müssen Schwache vor Übergriffen oder Einschränkungen von ökonomisch und sozial stärkeren Kräften schützen. Staatliche Leistungspflichten sind aber nur subsidiär begründet. Der Staat kann daher seine Leistungspflichten ohne weiteres auf gesellschaftliche Kräfte abwälzen und insbesondere die ökonomisch stärkeren Akteure in die Pflicht nehmen.

Reiner Etikettenschwindel?

Handelt es sich bei den freiwilligen sozialen Unternehmensstandards nun um wirklich eigenständige Normen? Tatsächlich machen zahlreiche dieser Codes of Conduct bei den erwähnten internationalen Standards Anleihen. Ein allgemeiner Trend ist, die Kernnormen der Internationalen Arbeitsorganisation weitgehend in die freiwilligen Unternehmensstandards aufzunehmen. Freiwillige CSR-Standards entpuppen sich damit zumindest teilweise als Etikettenschwindel. Denn derartige Standards enthalten lediglich Regeln, die in den meisten Ländern für ausländische Unternehmen, ihre inländische Töchter oder Zulieferer ohnehin rechtlich verbindlich gelten.

Potentielle Wirkung

Solche freiwilligen Selbstverpflichtungen laufen also in Ländern mit hohem sozialen Schutzniveau ins Leere. Eine potentielle Wirkung entfalten sie erst in einigen Ländern des Südens beziehungsweise Ostens, die diese Normen entweder nicht als rechtlich verbindlich anerkennen oder sie nicht richtig umsetzen. Unternehmensstandards können auch ein Weg sein, um soziale Rechte in diesen Ländern gegenüber unwilligen oder unfähigen Regierungen zumindest teilweise durchzusetzen und die öffentliche Regulierung zu stärken (Ward 2004).

Internationale Verträge mit Gewerkschaften

Seit einigen Jahren ergänzen Konzerne ihre einseitigen Unternehmenserklärungen wie Verhaltenskodizes oder Codes of Conduct durch internationale Rahmenabkommen. Diese Vereinbarungen schließen Unternehmen oft mit gewerkschaftlichen Akteuren, vorwiegend globalen Gewerkschaftsföderationen wie dem Internationalen Metallarbeiterbund oder Euro- und Weltbetriebsräten. Mittlerweile existieren zahlreiche Instrumente, um diese Vereinbarungen tatsächlich durchzusetzen. Dennoch ist die Umsetzung oft mangelhaft (Kocher 2008).

Motivation für CSR

Um die CSR-Politik transnationaler Unternehmen zu beurteilen, lohnt sich der Blick auf die dahinter stehenden Interessen. In Anlehnung an und Erweiterung von Kocher (Kocher 2008) geht es um vier Typen von CSR-Politik:

  • Unternehmen mit ökonomischer Motivation, die CSR im Zusammenhang mit einer ökonomischen Strategie entwickeln. Das geschieht oft, wenn ein Unternehmen neue Märkte erschließen oder Marken positionieren will.
  • Unternehmen, die ihre CSR-Politik in Reaktion auf vorangegangene Skandalisierungen durch Nichtregierungsorganisationen (NGOs) entwickeln und diese als Teil des Risikomanagements betrachten (Management des öffentlichen Rufs).
  • Unternehmen, die ihre CSR-Politik in Reaktion auf wirtschaftliche und staatliche Akteure wie Lieferanten, Abnehmer, Aktienmärkte, politische Vorgaben entwickeln (so genannte Sogeffekte).
  • Unternehmen, die CSR-Politik aufgrund moralisch-weltanschaulicher Motive entwickeln, die meist herausragende Einzelfiguren, insbesondere Unternehmensgründer oder Vorstandsvorsitzende, repräsentieren.

Dialog mit Stakeholdern

Viele Befürworter von CSR plädieren dafür, die Debatte um CSR in gesamtgesellschaftliche Prozesse einzubetten. Dabei geht es vor allem darum, alle wichtigen Stakeholder zu beteiligen, statt CSR-Vorhaben und Regeln dafür zu diktieren. Rund die Hälfte der Unternehmen geben an, sie stünden im regelmäßigen Kontakt mit kritischen Gruppen. Die andere Hälfte sagte, sie diskutierten mit ihren Stakeholder fallweise, wenn konkreter Bedarf auftrete. Das heißt aber nicht, dass die Unternehmen regelmäßige unternehmensbezogene Stakeholderdialoge durchführen. Viele beteiligen sich lediglich an verbandsbezogenen Dialogforen. Wichtige Stakeholder wie die Mitarbeiter und die Kunden vernachlässigen die Unternehmen (Leitschuh-Fecht 2006).

NGOs können CSR-Agenda bestimmen

Empirische Studien zeigen (Kocher 2008, Zimpelmann et.al. 2010), dass der Typ der CSR-Politik wesentlich prägt, wie Unternehmen mit Stakeholdern und Arbeitnehmervertretungen umgehen. Unternehmen des Typs "Management des öffentlichen Rufs" stehen oft im intensiven Dialog mit NGOs bis dahin, dass diese die CSR-Agenda für die Unternehmen mitbestimmen. Beschäftigtenvertretungen beziehen solche Firmen kaum ein. Dagegen scheinen die Mitarbeiter vor allem bei Unternehmen mit ökonomischer Motivation eine größere Rolle zu spielen.

Freiwillig oder staatlich?

Wie glaubwürdig und effektiv CSR ist, hängt stark davon ab, wie das Unternehmen mit zivilgesellschaftlichen Akteuren und betrieblicher Interessensvertretung umgeht. Wichtig ist auch, ob die Unternehmen und Gewerkschaften eine Annäherung von CSR und betrieblicher Mitbestimmung begrüßen. Eine staatliche Rahmensetzung für CSR wäre nur durch einen demokratischen Prozess legitimiert, an dem sich Mitarbeiter und Gewerkschaften beteiligen. Ansonsten könnte der Vorwurf entstehen, dass es sich um politischen Lobbyismus handelt. Gesetze oder andere Normen für CSR müssten unter anderem folgende Fragen klären: Wie sehen verbindliche Standards für sinnvolles CSR aus? Wie und in welchem Umfang müssen Unternehmen ihr Engagement öffentlich darstellen? Was geschieht, wenn Unternehmen sich nicht an die Regeln halten? Noch ist kein Ende der Kontroverse zwischen freiwilliger CSR auf der einen und staatlicher Rahmensetzung oder staatlichen Anreizstrukturen auf der anderen Seite abzusehen.

Literatur

Fuchs, Doris: Transnationale Unternehmen in der Global Governance: Die Effektivität privaten Regierens. 2007
Leitschuh-Fecht, Heike: "David zu Gast bei Goliath. Stakeholderdialoge haben Konjunktur" in: Altner, Günter/ Leitschuh-Fecht, Heike/ Simonis, Udo E./ Weizsäcker, Ernst U. v. (Hrsg.): Jahrbuch Ökologie 2007
Kocher Eva: Corporate Social Responsibility – Instrumente zur Gestaltung transnationaler Arbeitsbeziehungen. WSI Mitteilungen 4/2008
Scherer, A.G./ Palazzo, G.: Towards a political Conception of Corporate Responsibility. Business and Society Seen From a Habermasian Perspective. Academy of Management Review 32, 2007
Steger, Ulrich/ Salzmann, Oliver: Die soziale Verantwortung von Unternehmen. Harvard Business Manager Juli 2006
Ward, Halina: Public Sector Roles in Strengthening Corporate Social Responsibility: Taking Stock. 2004
Zimpelmann, Beate/ Vitols, Katrin/ Wassermann, Dirk/ Endrikat, Jan: Soziale  Nachhaltigkeit in transnationalen Unternehmen – Arenen, Akteure, Prozesse. Ökologisches Wirtschaften  1/2010
Zimpelmann, Beate/ Zöckler, Markus: "Corporate Social Responsibility (CSR), Privates Regieren als Alternative für globale Sozialpolitik?", in: Brunnengräber/ Burchardt/ Görg (Hg.): Mit mehr Ebenen zu mehr Gestaltung? 2008


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