BNE-Journal: Dr. Iris van Eik: "In Bildungsmaßnahmen investiertes Geld ist gut angelegt"

Springen Sie direkt: zur Hauptnavigation zu zusätzlichen Informationen



BNE-Journal

Online-Magazin "Bildung für nachhaltige Entwicklung"




Dr. Iris van Eik: "In Bildungsmaßnahmen investiertes Geld ist gut angelegt"

BildanfangInterview_van EikDr. Iris van Eik © VZ NRWBildende

Dr. Iris van Eik leitet die Schuldnerberatung der Verbraucherzentrale NRW. Für das BNE-Journal beschreibt sie, welche Schwierigkeiten die Hilfesuchenden haben und welche Rolle Bildung bei der Verbesserung der Situation spielt.

Wer kommt zu Ihnen in die Schuldnerberatung?

Schuldnerberatungen sind offen für jeden, zu uns kommen zum Beispiel Erwerbstätige, Arbeitssuchende, Rentner oder Auszubildende. In den Beratungsstellen der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen liegt der Durchschnittsanteil von ALG II-Beziehern bei 35 Prozent. In der letzten Zeit hat der Anteil der Studierenden zugenommen. Nicht zuletzt durch die Studiengebühren ist ihre Situation schwieriger geworden. Die meisten Kunden der anerkannten gemeinnützigen Schuldnerberatungsstellen in Nordrhein-Westfalen sind zwischen 30 und 49 Jahre alt. 16 Prozent der Hilfesuchenden war im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. In den letzten Jahren gab es eine deutliche Steigerung bei den sehr jungen Leuten, aber auch bei den Rentnern über 60 Jahren, die zurzeit sieben Prozent der Kunden ausmachen.

Wie können die Beratungsstellen helfen?

2008 gab es in Nordrhein-Westfalen in den anerkannten gemeinnützigen Beratungsstellen insgesamt über 170.000 Beratungsgespräche, davon waren fast 80.000 Kurzberatungen. Diese erstrecken sich nur über zwei oder drei Stunden. Da geht es oftmals um Personen mit einem hohen Selbsthilfepotential. Die Höhe der Schulden ist sehr unterschiedlich, fast ein Drittel der Hilfesuchenden hat Schulden zwischen 10.000 und 25.000 Euro. Erstaunlich ist der relativ große Anteil von fast zehn Prozent von Schuldnern über 100.000 Euro. Manche unserer Kunden haben bis zu 80 Gläubiger. Sie kommen sehr spät in die Beratung und stecken vielleicht schon fünf Jahre in der Verschuldung. Andere wiederum kommen sehr früh, zum Beispiel Beschäftigte, die seit drei Monaten Kurzarbeit leisten, und merken, dass sie ihre Kredite nicht bedienen können. Wichtig ist in den letzten Fällen, den Arbeitsplatz zu erhalten und zum Beispiel durch eine Budgetberatung eine falsche Priorisierung aufzudecken.

Nimmt die Zahl der Hilfesuchenden zu?

Ja, es gibt mehr Anfragen. In Einzelfällen haben wir Wartezeiten von bis zu anderthalb Jahren. Das heißt, die Personen, die Hilfe suchen, bekommen eine Kurzberatung, für mehr müssen sie 18 Monate warten. Dass mehr Leute zu uns kommen, ist zum Teil eine Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise. Einige kommen frühzeitig, zum Beispiel schon dann, wenn sie in Kurzarbeit gehen. Außerdem ist die Hemmschwelle leicht gesunken, zur Schuldnerberatung zu gehen - für viele ist es aber immer noch ein Tabuthema. Es gibt auch Arbeitgeber, die sich darum kümmern, dass ihre Beschäftigen eine Schuldnerberatung wahrnehmen können, um Pfändungen zu vermeiden.

Welche Kenntnisse oder Fähigkeiten fehlen Menschen, die sich überschulden?

Zum einen haben viele eine ungenügende Planungskompetenz. Das heißt, sie geben einfach das aus, was auf dem Konto ist. Aber sie denken nicht daran, dass vielleicht eine Nachzahlung für die Energiekosten kommt oder die Waschmaschine kaputt geht. Sie bilden keine Rücklagen. Vielen fehlt die Fähigkeit, Anbieterstrategien zu durchschauen. Bei 0-Prozent-Finanzierungsangeboten übersehen sie das Sternchen und die dazugehörige Erklärung. Also fallen sie auf solche Lockvogelwerbung herein. Sie sind aber auch einer massiven Umwerbung ausgesetzt. Sobald sie 18 sind, kommen schon Finanzierungsangebote der Hausbank. Außerdem fehlt oft eine Übersicht über die virtuelle Geldwelt, wenn nicht mehr reales Geld im Portemonnaie ist, sondern nur eine Vielfalt von Bank- und Kreditkarten. Eine grundsätzliche Eigenorganisation wäre auch wichtig. Außerdem fehlt oft die Finanzerziehung in der Familie. Es gibt ganze Generationen von vererbten Schuldnerkarrieren, wo schon der Großvater Schulden hatte und heute der Enkel vor uns sitzt.

Was bedeutet Überschuldung für das Leben der Betroffenen als mündige Bürger – können sie ihr Leben überhaupt noch selbstbestimmt gestalten?

Mit Überschuldung kann man das eigene Leben natürlich nicht mehr so gestalten wie ohne Schulden. Viele können nicht adäquat am Wirtschaftsleben und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Mit Schulden bekommt man häufig kein Girokonto und dann meistens auch keine Wohnung. Ganz oft ist das kulturelle und sportliche Leben eingeschränkt. Das heißt dann, dass die Kinder nicht in Sportvereinen sind, weil die Gebühren kosten. Oft wird auch massiv am Essen gespart. Inzwischen gibt es auch Studien, welche Zusammenhänge zwischen Fehlernährung, Übergewicht und Überschuldung herrschen. Das ist dann aber natürlich auch eine Sache der Prioritätensetzung, wenn ein Betroffener zum Beispiel auch aus Statusgründen eher den Plasmafernseher kauft, als Geld für gutes Essen auszugeben.

Wann und wie kann Finanzkompetenz am besten vermittelt werden?

Eltern sind nicht aus der Verantwortung zu entlassen, die Erziehung im Elternhaus gehört dazu. Viele Eltern sind aber überfordert und durchblicken das System nicht. Diese Eltern brauchen Unterstützung wie in Familienzentren oder durch Stadtteilarbeit. Einen Zugang zu denen zu finden, die Hilfe im Finanzalltag  brauchen, ist immer schwierig. Bei Angeboten wie Informationsveranstaltungen kommen häufig eher die, die nicht so dringend Hilfe benötigen. Wir arbeiten mit Schulen und außerschulischen Partnern zusammen. In Jugendzentren lernen die Schüler zum Beispiel spielerisch durch ein Handykostenquiz, mit Handytarifen umzugehen. Wichtig ist die Kombination aus Wissen aneignen und Spaß haben. Man muss interaktive Angebote machen und immer einen Bezug zur Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen schaffen. Dann gibt es auch eine Bereitschaft, Neues zu lernen.
Es ist natürlich immer zweischneidig, wer finanzielle Bildung vermitteln soll. Lehrer sind aber meistens nicht genügend aus- und fortgebildet, was die Komplexität des Finanzmarktes und des Wirtschaftslebens betrifft. Außerdem ist die Finanzwelt ein sehr dynamischer Bereich, bei dem man sich ständig nachbilden muss.
Je nach Lebensstadium gibt es unterschiedliche Themenmodule, die gerade besonders wichtig sind. Die müssen natürlich auf die Zielgruppe, ob Abiturient oder Hauptschüler, angepasst werden. Wichtig ist auch, von der Theorie wegzukommen. Mehr Akzeptanz gibt es mit Praxisbeispielen. Die Kinder und Jugendlichen müssen konkret fragen: Was macht die Wirtschaft mit mir und meinem Lebensalltag? Hier bieten sich beispielsweise Praxispartnerschaften für Schulen an.

Was bedeutet es, nachhaltig mit Geld umzugehen?

Um nachhaltig mit Geld umzugehen, braucht man eine kontinuierliche  Priorisierung in der eigenen Planung. Man muss quasi vorwegnehmen, was in den nächsten Jahren passiert. Eigenverantwortung ist auch wichtig. Man muss fähig sein, Konsumbedürfnisse zu reflektieren und dann Prioritäten zu setzen. Dazu gehört auch, über die individuelle Perspektive hinaus zu denken und Produkte auf ihre Nachhaltigkeit hin zu hinterfragen, also zum Beispiel: Wie lange halten sie? Wie viel Energie verbrauchen sie und wie viel Energie ist in die Produktion geflossen? Gibt es umweltfreundlichere Alternativen oder Produkte, die unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt wurden?

Was muss sich im Bildungsbereich tun, um mehr Menschen vor Überschuldung zu bewahren?

Die entsprechenden Kapazitäten zur Finanzbildung müssen geschaffen werden, denn finanzielle Bildung muss systematisch ausgebaut werden. Finanzbildung ist im Moment nicht Teil des Regelunterrichts und ist nicht in der Schule verankert. Wir müssen mehr in Bildungsmaßnahmen investieren, auch in der außerschulischen Bildung. Das Geld, das wir dort ausgeben, ist auf jeden Fall besser angelegt als das, was später in die Schuldnerberatung fließen muss. Empfänger von ALG II haben nach aktueller Gesetzeslage bevorzugten Zugang zur Schuldnerberatung – da beginnt man mit dem letzten Glied in der Kette und hilft erst, wenn schon viel schief gelaufen ist.
Bund und Länder müssen Finanzbildung adäquat finanzieren und Multiplikatorenarbeit fördern. Ein gutes Beispiel ist auch das System der Finanzpaten: Die Verbraucherzentrale NRW hat zum Beispiel im Rahmen eines Patenmodells einige Schüler pro Schule geschult, die als Finanzpaten ihren Mitschülern helfen konnten. Genauso kann man auch Sozialarbeiter, Lehrkräfte oder Fallmanager schulen, was nebenbei auch kostengünstig wäre. Das reine Gießkannenprinzip reicht nicht. Besser als möglichst viele Klassen und Schüler einer Schule zu erreichen, ist es, eine intensive Projektwoche mit einer Klasse zu machen. Dann verfestigt sich das Wissen und die Schüler haben Gelegenheit zum Training. Denn finanzielle Bildung ist nicht einfach und statisch, sondern es steckt viel dahinter.


Springen Sie direkt: zur Hauptnavigation zum Seitenanfang