"Ein separates Fach Wirtschaft wirkt kontraproduktiv"
Prof. Reinhard Hedtke © Universität BielefeldBildende
von Prof. Dr. Reinhold Hedtke
In den letzten zehn Jahren gab es eine so starke Ausweitung von ökonomischer Bildung in den Stun-dentafeln wie in keinem anderen Lernbereich – meist auf Kosten des Faches Politik. Ist Wirtschaft wirklich wichtiger als Medizin und Gesundheit, Recht, Technik, Philosophie, Psychologie oder Soziologie?
In den Schulen fehlen diese Fachbereiche meist ganz. Wozu noch mehr Wirtschaft? Was soll das Schulfach Wirtschaft lehren?
Inhaltliche Neuorientierung ist wichtig
Die Konzepte der meisten Wirtschaftsdidaktiker und der Wirtschaftsverbände orientieren sich am Mainstream der Volkswirtschaftlehre. Dessen Marktgläubigkeit, Liberalisierungseuphorie, Geschichtsvergessenheit und daraus abgeleitete Politikempfehlungen haben wesentlich zur Wirtschafts- und Finanzkrise beigetragen. Daneben tragen auch Politiker fast aller Couleur Verantwortung, die diese Empfehlungen eilfertig durchsetzten. Ein Schulfach für diese Art von Volkswirtschaftlehre macht wenig Sinn – es sei denn, man will das liberalistische Weltbild der Wirtschaftseliten verbreiten. Wir brauchen kein neues Fach, sondern eine inhaltliche Neuorientierung der ökonomischen Bildung. Dafür aber haben wir noch keine tragfähigen Konzeptionen. Wir wissen zum Beispiel nicht, wie wirtschaftliches Wissen wirkt. Machen wir also erst einmal unsere wissenschaftlichen Hausaufgaben und erneuern die ökonomische Bildung, bevor wir – ganz im alten, nicht-nachhaltigen Stil – einfach mehr Ressourcen fordern.
Integration der Ökonomie
Die Verabsolutierung des Ökonomischen hat katastrophale Folgen für die Wirtschaft und die Welt. Auch in der Bildung spricht nichts dafür, das ökonomi(sti)sche Denken in einem Schulfach zu separieren. Nur wenn wir lernen, wie man Wirtschaft sinnvoll in Gesellschaft, Kultur, Natur und Politik einbetten und gerechte Verwirklichungschancen sichern kann, können wir auf eine nachhaltige Entwicklung hoffen. Wir müssen daher ökonomische mit ökologischen, sozialen und kulturellen Denkweisen systematisch verbinden. Ein separates Fach Wirtschaft wirkt da kontraproduktiv. Ökonomische Bildung für eine nachhaltige Entwicklung gehört in ein sozialwissenschaftliches, problemorientiertes Integrationsfach: Es widerspricht dem Grundgedanken von Nachhaltigkeit, sie auf unterschiedliche Fächer aufzuteilen. Damit schiebt man es auf die Lernenden ab, die komplexen Zusammenhänge irgendwie zusammenzubasteln. Im Übrigen behandeln die Befürworter eines eigenen Schulfachs Wirtschaft Nachhaltigkeit recht nachrangig. So kommt in der "Konzeption für die ökonomische Bildung", die das Oldenburger Institut für ökonomische Bildung (IÖB) für den Bankenverband geschrieben hat, nicht einmal das Wort "Nachhaltigkeit" vor.
Keine transparenten Märkte
Finanzielle Bildung tut Not? Ja, natürlich – aber nützt sie auch? Das ist theoretisch und empirisch ungeklärt. Klar ist aber: Die Schule soll den Lückenbüßer für eine Politik spielen, die sich den Lobbys der Finanzindustrie beugt. Der Staat versagt darin, das Verhalten von Banken und Versicherungen gegenüber Privatkunden angemessen zu regulieren. Er sorgt nicht dafür, Märkte transparent und chancengleich zu gestalten. So wuchert der Dschungel der Anlageprodukte, in dem Täuschungsmanöver und statistische Taschenspielertricks dominieren. Gleichzeitig tragen die Kunden einseitig die Risiken, was viele aus Gier gern in Kauf nehmen. Deregulierte und auf Shareholder Value fixierte Finanzunternehmen haben sich von einer eher kundenorientierten Beratung verabschiedet. Angefeuert von den allermeisten Wirtschaftswissenschaftlern haben sie auf ein Rendite maximierendes Verkaufen umgestellt. Die hochkomplexen Märkte überfordern den Einzelnen systematisch. Der Anlageverkäufer bleibt selbst dem informierten Anleger haushoch überlegen. Deshalb helfen hier nur rechtlich und institutionell durchgreifende Maßnahmen. Die Politik aber ringt sich nicht einmal dazu durch, die unabhängige Verbraucherberatung massiv auszubauen, sondern schwächt sie systematisch. Vor diesem Hintergrund steht finanzielle Bildung auf verlorenem Posten.
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