"An einem eigenständigen Fach Wirtschaft geht kein Weg vorbei"
Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Kaminski IÖBBildende
von Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Kaminski
Ökonomische Bildung – dies ist auch eine Konsequenz der Finanzkrise – ist wichtiger denn je. Wer die Strukturen und Prozesse unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht kennt ist anfällig für jedwede populistische Argumentationsfigur in der Öffentlichkeit.
Dazu gehört, zu wissen, welche vielfältigen Wechselwirkungen und Kreislaufprozesse es in der Wirtschaft gibt. Jedem muss auch klar sein, welche Auswirkungen wirtschaftliche Prozesse zum Beispiel für Konsumenten, Erwerbstätige, Unternehmer, Politiker oder Steuerzahler haben. Die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise liefert dafür täglich Beispiele. Wer also den Schülern grundlegende ökonomische Kenntnisse vorenthält, beschneidet ihre Erkenntnismöglichkeiten.
Gut ausgebildete Fachleute
An einem eigenständigen Fach "Wirtschaft" geht daher kein Weg vorbei. Im Moment gibt es grundsätzlich zwei verschiedene Modelle von ökonomischer Bildung in der Schule. Zum einen sind es Fachmodelle "Wirtschaft", die mit entsprechenden Kerncurricula für Wirtschaft (beispielsweise in Niedersachsen) und ausgewiesenen Stundenzahlen operieren. Zum anderen gibt es Misch-Konstrukte wie Politik – Wirtschaft oder Sozialwissenschaften, die die Bundesländer häufig in den gymnasialen Schulformen in der Sekundarstufe I und II umsetzen. Aber nur mit einem unabhängigen Fach und dementsprechenden Zeitfenstern in der Schule schaffen wir solide Ausbildungs- und Forschungsbedingungen an den Hochschulen. Mit einem klar definierten Schulfach gibt es langfristig eine nachhaltige ökonomische Bildung im allgemein bildenden Schulsystem. Und damit durchbrechen wir eine zurzeit existierende Negativkette: Kein Fach in der Schule bedeutet, dass es auch keinen Studiengang für ökonomische Bildung an Universitäten gibt. Daraus resultiert, dass Lehrer nicht hinreichend fachwissenschaftlich und fachdidaktisch ausgebildet sind und dies die Qualität des Ökonomieunterrichts nachteilig beeinflusst. Gegenwärtig unterrichten Lehrer als Fachfremde ökonomische Bildung in den Schulen. Das ist in Anfangsphasen vielleicht akzeptabel, und zwanzig Jahre sind für eine inhaltliche Innovation im Bildungssystem eher eine kurze Zeit. Es ist aber kein dauerhaft annehmbarer Zustand.
Werte und Normen durch Ökonomie
Klassischerweise hat ökonomische Bildung Fragen der privaten Haushalte und Unternehmen zum Thema. Aber ebenso wichtig ist es, dass sich die Schüler mit den Aufgaben des Staates und mit internationalen Aspekten der Wirtschaftsbeziehungen auseinandersetzen. Die politische Dimension ist damit wesentlich. Allerdings versucht ökonomische Bildung nicht, Aufgaben der politischen Bildung zu übernehmen, wie zuweilen irrtümlich angenommen wird.
Die ökonomische Bildung bietet eine Fülle von Ansatzpunkten, um sich mit Fragen von Moral und Ethik auseinanderzusetzen. Schüler lernen unter anderem, welcher Unterschied zwischen Spielregeln einer Gesellschaftsordnung und den Spielzügen ihrer Mitglieder besteht. Damit verstehen sie besser Unterschiede zwischen Ordnungs- und Individualethik. Zahlreiche Alltagsbeispiele eröffnen Zugänge zu moralischen Fragestellungen. Moderner Ökonomieunterricht muss den Zusammenhang zwischen Wissen, Erkennen und Beurteilen beachten. Einerseits erkennen die Schüler, wie ökonomische Anreizsysteme in unserer Gesellschaft mit ethischen Zielen verknüpft sein oder sogar Fehlentwicklungen noch fördern können. Andererseits lernen sie, welche moralischen Anforderungen die Gesellschaft an jeden Einzelnen stellt und dass kein Individuum sich diesen Ansprüchen entziehen darf.
Zukünftige Probleme lösen können
Ökonomische Bildung muss wie jedes moderne Bildungskonzept die ökonomische, ökologische und soziale Dimension der Nachhaltigkeit in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander berücksichtigen. Alle mir bekannten Konzepte der ökonomischen Bildung können diese drei Dimensionen immer wieder mit entsprechenden Ziel-Inhaltskonstrukten verbinden. Ökonomische Bildung leistet einen Erkenntnisbeitrag, wie man sich mit den zentralen Problemen der Zukunft auseinandersetzen kann: Dabei geht es zum Beispiel um klassische ökologische Problemstellungen mit ihren Herausforderungen für Konsumenten oder Produzenten. Ohne ökonomische Kenntnisse können die Betroffenen diese Prozesse weder verstehen noch umweltpolitische Lösungsansätze beurteilen. Wir brauchen aber auch ein Verständnis von Ökonomie, wenn wir energiepolitische Fragen, die sich beispielsweise durch den Klimawandel ergeben, beantworten wollen. Deshalb sind für die Auseinandersetzung mit allen epochalen Herausforderungen ökonomische Kenntnisse unverzichtbar.
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