Handlungskompetenz: Der Klimawandel in der Bildung für nachhaltige Entwicklung
Dr. Kerstin Schütte © IPNBildendeBildanfang
Prof. Dr. Jürgen Rost © IPNBildende
von Dr. Kerstin Schütte und Prof. Dr. Jürgen Rost, Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN)
Bildung hat auf die Situationen vorzubereiten, mit denen Menschen in ihrem Leben konfrontiert sein werden. Der Klimawandel schafft aber kaum abgrenzbare Problemsituationen, vielmehr prägt er die Lebensbedingungen der Menschen insgesamt. Er wird die Gestaltung zukünftiger Bildungsprozesse notwendigerweise beeinflussen.
Neue Bildungsaufgaben haben stets auch neue Definitionen von Bildung hervorgerufen oder zumindest neue Bildungskonzepte entstehen lassen. Bildung in einer Wissensgesellschaft etwa propagierte das Prinzip des lebenslangen Lernens. Eine Konzeptualisierung als Problemlösekompetenz wird den Anforderungen aus dem Klimawandel nur zum Teil gerecht. Probleme, die der Klimawandel verursacht, können zumeist nicht gelöst, sondern allenfalls in ihren Folgewirkungen gemildert werden. Zudem kann der Einzelne beim Klimaschutz oftmals nicht überprüfen, welche Effekte die eigenen Bemühungen zur Problemlösung erzielen. Als Gestaltungskompetenz beschreibt der Berliner Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Gerhard de Haan das Ziel von Bildung für nachhaltige Entwicklung. Gestaltungskompetenz lässt sich als Spezialfall von Handlungskompetenz auffassen.
Bildungsaufgaben im Kontext Klimawandel
Was sollte also das Ergebnis von Bildungsprozessen sein, die sich explizit auf den Kontext Klimawandel beziehen? Die inhaltliche Thematik legt nahe, dass spezifisches Wissen erworben werden muss. Tatsächlich ist eine Kompetenzentwicklung gefordert, die den Einzelnen in die Lage versetzt, sich mit neuen Problemstellungen eigenständig und sachkundig auseinanderzusetzen, Informationen zu sammeln und auszuwerten sowie ökologisch sinnvolle Handlungsoptionen zu realisieren. Wissen über das Klima zu vermitteln ist zwar notwendig, aber keineswegs hinreichend.
Handlungskompetenz statt Handlungsorientierung
Der Beitrag der Menschen zum Klimawandel besteht vor allem in rücksichtslosem oder gedankenlosem Handeln sowie darin, dass sie Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Ursachen nicht konsequent ergreifen. Der Begriff des Handelns steht daher im Zentrum einer Bildungskonzeption, die sich dem Klimaschutz verpflichtet fühlt. Diese Fokussierung grenzt sich deutlich von dem früher populären Begriff des Umweltbewusstseins ab, der sich als weitgehend unbrauchbar für die Konzeption von Umweltbildung erwies (Rost, 2002). In Abgrenzung zu dem ebenfalls in der Umwelterziehung häufig verwendeten Konzept der Handlungsorientierung bedeutet die Entwicklung von Handlungskompetenz nicht Handlungen einzuüben, Fertigkeiten zu entwickeln oder authentische Lernumgebungen aufzusuchen, sondern es heißt, an der Veränderung der Welt mitzuarbeiten.
Anwendung eines Handlungsmodells auf den Kontext Klimawandel
Kognitivistische Handlungstheorien unterscheiden drei Phasen der Handlungsentstehung: die Motivation (M), die Intention (I) und die Volition (V; Wille im Sinne des Bestrebens, eine bestimmte Handlung auszuführen). Anhand dieser Phasen lassen sich die Prozesse näher beschreiben, die der Entwicklung einer Handlungskompetenz im Kontext Klimawandel zuträglich sind.
Von der Motivation...
Ausgangspunkt jeder Handlung ist ein Motiv oder eine Motivation, eine Handlung auszuführen. Das Handeln einer Person zu verstehen oder zu verändern, setzt die Kenntnis ihrer Motivation voraus. In vielen Fällen entsteht Motivation durch einen Widerspruch zwischen einer wahrgenommenen Realität und einer Wertvorstellung. Überdauernde Motivationslagen können insbesondere dann entstehen, wenn sehr starke persönliche Wertvorstellungen wie zum Beispiel die Unversehrtheit der Familie gefährdet scheinen oder sind. Gelingt es einer engagierten Person nicht, die Realität durch ihr Handeln auch nur ein wenig ihren Werten anzupassen, schwindet die Motivation; sie erlebt sich als machtlos und resigniert oder wird zum Zyniker.
Die globale Problematik Klimawandel erfordert gemeinsame Anstrengungen. Ausgangspunkt dafür sind gemeinsame Werte der Menschen, die Kommunikation über unterschiedliche Wertesysteme und die tolerante Berücksichtigung konträrer Werte. Bildung für nachhaltige Entwicklung sollte daher auch einen Diskurs über Werte beinhalten. Die Menschen sollten in der Lage sein, über unterschiedliche Werte zu reflektieren und zu erkennen, welche Werte ihr eigenes und das Handeln anderer Menschen leiten.
...über die Handlungsintention...
Nach der Motivationsbildung entsteht unter gewissen Voraussetzungen eine Handlungsintention, das heißt, die bewusste Absicht etwas zu tun, das die Diskrepanz von Wert und Wirklichkeit reduziert. Die Absicht zu handeln entsteht, wenn die Person erwartet, mit dieser Handlung das gewünschte Ergebnis erzielen zu können. Angesichts eines wahrgenommenen Problems wird eine Person also nur dann eine Handlungsintention ausbilden, wenn zwei Voraussetzungen gegeben sind: (1) Sie kennt eine Handlungsstrategie, um diesem Problem zu begegnen und (2) sie schätzt diese Strategie als wirksam und sich selbst als fähig ein, die Handlung erfolgreich durchzuführen.
Negative Erwartungs- und Wirksamkeitskognitionen sind vielleicht das größte Hindernis auf dem Weg zu einer Handlungskompetenz in Sachen Klimaschutz. Salopp ausgedrückt bedarf es nicht nur eines sehr großen Wissens darüber, welche und wie starke Effekte einzelne Maßnahmen erzielen, sondern auch einer guten Portion Optimismus und Selbstvertrauen angesichts der Komplexität der globalen Problematik Klimawandel.
...zur Durchführung
Wird eine Handlungsintention ausgebildet, so hängt die Durchführung der Handlung noch von der willentlichen Umsetzung dieser Handlungsintention ab. Geeignete Rahmenbedingungen für klimaschützendes Handeln können die volitionale Umsetzung von Handlungsintentionen daher unterstützen. Eine effektive Maßnahme besteht zum Beispiel darin, Ressourcen bereit zu stellen, die für klimaschützendes Handeln benötigt werden. Eine andere Möglichkeit ist es, Tricks zu nutzen, um das eigene Handeln zu regulieren. Dazu eignen sich beispielsweise Belohnungen für einzelne erfolgreich absolvierte Handlungsschritte.
Wissen als Voraussetzung von Handlungskompetenz
Alle drei Handlungsphasen, insbesondere die Intentionsbildung, setzen umfangreiches Wissen voraus. Wissen über klimaschützende Handlungsoptionen wird als Handlungswissen bezeichnet. Wirksamkeitswissen ist das Wissen über die ökologische Bewertung unterschiedlicher Handlungsoptionen. Vorgeordnet ist Systemwissen über Zustände und Prozesse in Ökosystemen; Systemwissen bildet die Voraussetzung für die Wahrnehmung von Problemen und damit für die grundsätzliche Motivation zum Handeln (Frick, Kaiser & Wilson, 2004).
Das M-I-V-Handlungsmodell scheint auf den ersten Blick trivial. Seine Brauchbarkeit liegt aber auf der praktischen Ebene: Es erläutert die Prozesse, die eine Bildung mit dem Ziel Klimaschutz berücksichtigen sollte. Im Umgang mit Einzelpersonen ist es zudem wichtig zu wissen, in welcher der drei Phasen Defizite liegen. Eine Förderung des Handelns sieht gänzlich anders aus, wenn das Problem bei der Motivierung, in der Intentionsbildung oder in der volitionalen Phase liegt. Das Gleiche gilt, wenn man es mit kollektivem Handeln zu tun hat.
Schließlich erfordert Handlungskompetenz im Kontext Klimawandel auch den Umgang mit Unsicherheit und widersprüchlichen Aussagen, gibt es doch zum Beispiel Experten, die den Beitrag des Menschen zum Klimawandel als nicht erwiesen ansehen. Die Anforderungen an Bildung für nachhaltige Entwicklung sind also vielfältig und anspruchsvoll.
Frick, J., Kaiser, F. G. & Wilson, M. (2004). Environmental knowledge and conservation behavior: exploring prevalence and structure in a representative sample. Personality and Individual Differences, 37, 1597-1613.
Rost, J. (2002). Umweltbildung – Bildung für nachhaltige Entwicklung. Was macht den Unterschied? Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik, 25, 7-12.
Springen Sie direkt: zur Hauptnavigation, zum Seitenanfang



