BNE-Journal: Eine neue Richtung für das Lernen

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Online-Magazin "Bildung für nachhaltige Entwicklung"




Eine neue Richtung für das Lernen

BildanfangWalter HircheWalter Hirche © DUKBildende

Von Walter Hirche

"Bildung für nachhaltige Entwicklung gibt eine neue Richtung für das Lernen und die Bildung aller Menschen vor", heißt es an einer zentralen Stelle der Bonner Erklärung, dem Abschlussdokument der UNESCO-Weltkonferenz Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die Bonner Erklärung, die von allen Teilnehmern der Konferenz im Konsens verabschiedet wurde, ist ein sehr substanzielles Dokument geworden, nicht nur gemessen an dem, was üblicherweise bei ähnlichen Konferenzen beschlossen wird. Mittlerweile haben die Bonner Erklärung alle 193 Mitgliedstaaten der UNESCO auf der UNESCO-Generalkonferenz im Oktober 2009 indossiert.

"Eine neue Richtung für das Lernen" – dies ist ein hoher Anspruch. Aber angesichts der nicht-nachhaltigen Entwicklung, die die Welt nimmt, wissen wir: Es ist so wichtig und so dringlich wie nie, diesen Anspruch einzulösen. Es geht darum, Bildung sehr weitreichend umzugestalten und auf Nachhaltigkeit auszurichten. Am Beginn der zweiten Hälfte der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" wissen wir freilich, wie viel noch zu tun ist, um diesen Anspruch einzulösen. Wie kann es gelingen, Bildung für nachhaltige Entwicklung in der zweiten Dekade-Hälfte noch stärker im Zentrum aller Bildung zu verankern? Zwei Ansatzpunkte aus den Debatten in Bonn können Antworten auf diese Frage liefern.

Bildung für nachhaltige Entwicklung macht Bildung besser

Erstens: Bildung für nachhaltige Entwicklung vermittelt Werte, Kompetenzen, Fertigkeiten und Kenntnisse, die für die verantwortliche Gestaltung der Zukunft erforderlich sind. Sie ist somit nicht irgendein optionales Zusatzelement für Bildung oder Unterricht, sondern beschreibt grundsätzlich, wie eine zukunftsfähige Bildung auszusehen hat. Qualitativ hochwertige Bildung muss das Vermitteln von Nachhaltigkeitskompetenzen und -werten als zentrale Elemente umfassen. Dies war eines der wichtigen Ergebnisse von Bonn. Bildung für nachhaltige Entwicklung macht Bildung insgesamt besser.

Was bedeutet dies für die weitere Umsetzung der UN-Dekade, die dieses Bildungskonzept stärken soll? In aktuellen bildungspolitischen Debatten muss deutliche gemacht werden, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung einen spezifischen Beitrag zu einer qualitativ hochwertigen Bildung leistet. Natürlich ist es ein wichtiges Element von Bildung, grundlegende Fertigkeiten zu vermitteln, die es uns erlauben, uns in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt zu bewegen. Aber gute Bildung muss den Mut haben, vor dem Hintergrund eines Wertehorizonts zu agieren: Sie muss also bestimmte Werte wie Verantwortung für die Zukunft vermitteln und auch eine Debatte über unterschiedliche Wertvorstellungen ermöglichen – beispielsweise über kurzfristige Gewinnmaximierung einerseits und langfristiges Handeln andererseits. Genau dies tut Bildung für nachhaltige Entwicklung. Sie fördert Kooperation, Umgang mit Komplexität, autonomes Handeln, Eigenverantwortung. Sie basiert auf spezifischen Werten – und vermittelt diese auch.

Bildung für nachhaltige Entwicklung macht Bildung attraktiver

Aber Bildung für nachhaltige Entwicklung ist nicht nur deshalb wichtig, weil sie an Werten orientiert ist. Vieles weist darauf hin, dass Nachhaltigkeitsthemen wegen des konkreten Lebensweltbezugs sehr motivierend für Lernende sein können. Bildung für nachhaltige Entwicklung kann Bildung damit auch unter einem anderen Aspekt besser machen: Sie macht Bildung attraktiver, und zwar auch für bildungsferne Gruppen. Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene aus bildungsfernen Milieus in Bildungsprozesse einzubeziehen, ist ein drängendes Thema, zu dem sich Bildung für nachhaltige Entwicklung verhalten muss.

Bildung spielt eine wesentliche Rolle auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit

Bildung für nachhaltige Entwicklung ist integraler Bestandteil qualitativ hochwertiger Bildung – das ist der erste Ansatzpunkt, um dieses Konzept stärker im Zentrum der Bildungssysteme und -debatten zu verankern. Ein zweiter Ansatzpunkt: Bildung spielt eine wesentliche Rolle im Kontext der Nachhaltigkeitsdebatte. Bildung und Nachhaltigkeitspolitik besser zu verknüpfen war ein weiterer wichtiger Appell der Bonner Konferenz. Das heißt im Rahmen der UN-Dekade: deutlich zu machen, welche Rolle Bildung für nachhaltige Entwicklung etwa bei der Bekämpfung des Klimawandels spielen kann. Um die Erderwärmung auch nur noch halbwegs in den Griff zu bekommen, sind vielfältige Maßnahmen nötig, und Bildung steht dabei kurzfristig nicht an erster Stelle. Wir benötigen etwa finanzielle Steuerungsmechanismen, um den Ausstoß von Kohlendioxid zu begrenzen; wir benötigen Regeln, nach denen die Länder des Nordens, die den Klimawandel hauptsächlich verursachen, den Ländern des Südens helfen, die Folgen der Erderwärmung zu bewältigen; wir brauchen technologische Lösungen, um rohstoffärmer zu produzieren.

Klimawandel: jeder muss sein Denken und Handeln verändern

Um das Problem des Klimawandels langfristig unter Kontrolle zu bringen, bedarf es aber noch mehr. Wenn nicht jeder Einzelne sein Denken und sein Verhalten verändert, wenn wir und unsere Kinder so weiterleben wie die Generationen vor uns, dann scheitert der Kampf gegen den Klimawandel ebenso wie nachhaltige Entwicklung insgesamt. Ein solches Denken eignen sich Menschen nicht von heute auf morgen an. Sie benötigen Wissen über globale Zusammenhänge, Räume für Reflexion darüber, Kompetenzen, um nachhaltige Entwicklung selbst aktiv zu gestalten. Das genau leistet Bildung, und zwar Bildung nach den Prinzipen der Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Finanzkrise zeigt: Mentalitätswandel ist notwendig

Die Wirtschafts- und Finanzkrise liefert einen weiteren Beleg dafür, welche wichtige Rolle Bildung im Bemühen um nachhaltige Entwicklung spielt. Kurzfristiges Denken und das Verkennen von Komplexität haben die Schieflage der Weltwirtschaft mit verursacht. Wie können wir verhindern, dass sich eine derartige Krise wiederholt? Einerseits mit neuen Regeln für das Finanzsystem, mit neuen Mechanismen und Rahmenbedingungen. Wir brauchen aber vor allem einen Mentalitätswandel, der weg führt von einer kurzfristigen Gewinnorientierung. Der Königsweg hierfür ist Bildung.

Ein langer Weg bis zum "neuen Lernen"

Die Relevanz von Bildung für nachhaltige Entwicklung deutlich zu machen, indem wir einerseits ihren Beitrag zur Bildungsqualität herausstellen, andererseits den Beitrag der Bildung zur Lösung von Schlüsselproblemen nachhaltiger Entwicklung klar benennen – das wären auf der Grundlage der Bonner Weltkonferenz aus meiner Sicht die beiden wichtigen Leitlinien für die Umsetzung der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" in ihrer zweiten Hälfte.

Wir haben in der ersten Hälfte der UN-Dekade viel erreicht. Deutschland kann sich mit seiner Umsetzung dieser Bildungsoffensive im weltweiten Maßstab sehen lassen. Bildung für nachhaltige Entwicklung steht national und international zusehends höher auf der Agenda. Die Umsetzung der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" hat erfreulicherweise auch Eingang in den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung gefunden. Dennoch liegt noch ein langer Weg vor uns, bis der Anspruch eines "neuen Lernens" für das 21. Jahrhundert eingelöst ist.


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