BNE-Journal: Finanzkrise an die Uni!

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Online-Magazin "Bildung für nachhaltige Entwicklung"




Finanzkrise an die Uni!

Von Martin Herrndorf

BildanfangMartin HerrndorfBildende

Universitäten sind mit der Finanzkrise eng verwoben: Sie haben die Finanzexperten ausgebildet und Weltbilder geprägt oder verstärkt, die ultimativ zur Finanzkrise beigetragen haben. Aber sie können zu einer neuen, nachhaltigen Finanzwelt beitragen: Indem sie konkrete Alternativen aufzeigen und in ihre Ausbildung integrieren. Wie stellen sich Universitäten ihrer Mit-Verantwortung für die Finanzkrise? Suchen sie aktiv nach Alternativen, sowohl für das Finanzsystem? oikos International, ein von Studenten getragenes Netzwerk, treibt Innovationen in der Forschung und Ausbildung von Finanzexperten voran.

Die Finanzkrise und die universitäre Bildung

Die Gründe für die Finanzkrise sind vielfältig und komplex: Sie ist sowohl eine Krise unseres Finanz- und Wirtschaftssystems als auch individueller Banken, Finanzdienstleister und Unternehmen. Und doch lassen sich zahlreiche Einzelaspekte der Krise auf ganz konkrete Entscheidungen zurückführen. Und wer auf individuelle Entscheidungen blickt, schaut damit auch auf die dahinterliegenden Weltbilder: Wie wir denken, so handeln wir. Und wie wir denken hängt davon ab, an welchen Orten wir lernen, wem wir begegnen, worüber geredet wird und in welcher Form. Finanzexperten erhalten ihre Ausbildung meist an den Wirtschaftsfakultäten der Universitäten; und die universitäre Sozialisation prägt das Weltbild. Und insbesondere die an herausragenden Universitäten ausgebildeten Finanzexperten haben oft jene Entscheidungen getroffen, welche entscheidend zur Wirtschaftskrise geführt haben.

Was genau wird den Studenten mit auf den Weg gegeben? Soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit wird weder in der universitären Forschung noch in der Ausbildung des wirtschaftswissenschaftlichen Nachwuchses ausreichend thematisiert, fand ein Forscherteam der Universitäten Leicester und London heraus. Die Maximierung des Eigennutzes wird an den Wirtschaftsuniversitäten als Ideal vermittelt und eine differenzierte Beleuchtung der Verantwortung von Finanzexperten bleibt in den meisten Fällen aus. Der Management-Forscher Sumantra Goshal spricht von "ideologisch inspirierten, amoralischen Theorien", welche Studenten und damit zukünftige Manager von "jedem Sinn für Verantwortlichkeit" befreit haben. Die Universitäten haben bisher kaum Ideen für innovative und nachhaltige Geschäftsfelder entwickelt und/oder vertreten. So finden sich im deutschsprachigen Raum keine Lehrstühle, die sich auf Nachhaltigkeit im Finanzbereich fokussieren.

Nachhaltigkeit – ein Lösungsansatz?

Wie die Krise zeigt, ist das bestehende globale Finanzsystem nicht nachhaltig – es ist nicht auf Stabilität, Dauer und Bestand ausgerichtet. Mit der Systemkrise ergibt sich laut Prof. Thomas Dyllick, Pro-Rektor der Universität St.Gallen, damit auch eine neue Rolle für Nachhaltigkeit: "Bei der Neugestaltung einer tragfähigen Finanzordnung jenseits der Krise wird man nicht umhin können, sich auf grundlegende Prinzipien nachhaltigen Denkens zurückzubesinnen" (HSG 2009). Die Finanzkrise erzeugt damit Handlungsdruck, auch an Universitäten. Laut Katharina Beck, oikos International Präsidentin 2008, bietet sie "eine riesige Chance, Themen wie Nachhaltigkeit und Verantwortung in Wirtschaftsfakultäten und der Finanzausbildung zu verankern". Eine nachhaltige Finanzausbildung sollte Finanzexperten Denkmuster, Fähigkeiten und Instrumente mit auf den Weg geben, welche auf wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Verantwortung basieren. Und sie sollte auch die Menschen erreichen, die von sich aus etwas verändern wollen und ihnen die Ressourcen zukommen lassen, ihre Vision von einer besseren Welt wirklich umsetzen können. Dies muss nicht nur reaktiv erfolgen, sondern eröffnet auch neue, spannende Felder in Forschung und Ausbildung, in denen sich Universitäten positionieren können.

Konkrete Alternativen?

Die Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken aus Bochum, bietet Ihren Kunden von Grund auf nachhaltige Bankprodukte. Die Kunden erfahren, welcheBildanfangOikos_International_PodiumsdiskussionKatharina Beck, Institute for Social Banking, und Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank, auf der Podiumsdiskussion in Köln, 11. Dezember 2008 © oikos InternationalBildende Projekte und Unternehmen mit ihren Einlagen finanziert werden. Die GLS Bank ist gemeinsam mit anderen europäischen Sozialbanken Mitglied des Institute for Social Banking, welches alternative Finanzausbildungen wie einen Master und eine Summer School zu Social and Responsible Finance anbietet.

Die SAM Group – ein nachhaltiger Finanzdienstleister aus Zürich, bietet sowohl breite Aktien-Indexes und Fonds als auch spezialisierte Produkte, die Nachhaltigkeitskriterien und -trends berücksichtigen. Alexander Barkawi, Gründer von oikos International, befasst sich dort beruflich mit dem Bereich Indexes und ist für die Vermarktung des Dow Jones Sustainability Index (DJSI) zuständig.

Neue Möglichkeiten für nachhaltig orientierte Investoren bestehen auch im Bereich der Armutsbekämpfung. Grade ländliche und arme Regionen in Entwicklungsländern sind oft von den Weltmärkten entkoppelt – und damit sinkt auch die Ansteckungsgefahr bei Finanzkrisen. So ist der Bereich Mikrofinanz in den letzten Jahren stark gewachsen und profitabel geworden. Die Professionalisierung im Sektor ermöglicht Re-Finanzierern, Gelder von Investoren aus Industrieländern an Mikrofinanzorganisationen weiterzureichen. Ob genossenschaftlich organisiert wie bei Oikocredit International oder als Fonds wie zum Beispiel bei responsability – die Einlagen haben die Krise bisher BildanfangOikos_International_PublikumZuhörer bei der Podiumsdiskussion in Köln, 11. Dezember 2008. © oikos InternationalBildendeunbeschadet überstanden.

oikos – Studenten betreiben Bildung

Doch wie kommen Nachhaltigkeits-Themen in die Finanzausbildung? Ein Weg beginnt bei den Bildungsempfängern: den Studenten. Sie kennen das Bildungssystem und seine Inhalte im Detail und sind gleichzeitig offen für neue Inhalte und Ansätze – die sie bei fehlendem Angebot durch die Bildungseinrichtungen auch selbst entwickeln. Auf diesem Ansatz beruht auch oikos International, ein Netzwerk studentischer Gruppen, das sich seit 1998 international für Nachhaltigkeit an Wirtschaftsfakultäten einsetzt.

Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft ist für oikos schon länger ein Thema – seit Ausbruch der Finanzkrise jedoch verstärkt. So hat die oikos-Lokalgruppe an der renommierten London School of Economics sowohl im Januar 2008 als auch 2009 Sprecher von etablierten Finanzinstitutionen mit innovativen start-ups zusammengebracht. Teil genommen haben Organisationen wie die citigroup, Zouk Ventures, Five Talents, Planet Finance und Sustainable Finance Ltd. Sie diskutierten neue Herausforderungen in der Finanzwelt und suchten nach innovativen Geschäftsmodellen. In Deutschland haben sich Ende 2008 die Gruppen in Hamburg und Köln sowie die "oikos Winter School" des Themas angenommen. So haben oikos Köln und oikos Hamburg, gesponsert von der GLS Bank, Finanzexperten aus Wissenschaft, Unternehmen und Medien eingeladen, um neue Ansätze für eine nachhaltige Finanzwelt zu erörtern. Jeweils über hundert Teilnehmer diskutierten mit Referenten wie Thomas Jorberg (Vorstandssprecher der GLS-Bank) und Caspar Dohmen ("We make money"). Auch Professoren aus Finanz- und Bankenlehrstühlen nahmen teil. Damit will oikos die Ergebnisse der Diskussionen auch in die Forschung und Lehre der Universität tragen.

Für 2009 wollen die lokalen Gruppen vor allem die Integration der Themen in die Lehrpläne vorantreiben. Durch die größere Offenheit der Studienpläne im Rahmen der Bachelor-Master-Reform ergeben sich hier neue Möglichkeiten: So hat oikos Köln eine Veranstaltungsreihe zu "Entwicklungszusammenarbeit und Nachhaltigkeit" im Wintersemester 2008/09 in den offiziellen Lehrplan der Universität integriert – Bachelor-Studenten konnten "Credits" erwerben. Ähnliches soll es in Zukunft auch zum Thema Finanzen geben. Im "Project Leadership Programme" stellt das Institute for Social Banking die Frage "What would it take to make a finance curriculum sustainable?", welche ausgewählte Studenten in einem einjährigen Projektseminar beantworten werden.

Förderung von Nachwuchswissenschaftlern

Parallel zu den studentischen Aktivitäten auf Bachelor- und Master-Ebene hat oikos zusammen mit den UN Principles for Responsible Investment (PRI) eine internationale Akademie für Nachwuchsforscher etabliert. 15 Doktoranden und Post-Docs diskutierten vom 8 bis 13. Februar 2009 ihre Forschungsansätze und -ergebnisse zu "Responsible Finance" auf der ersten "oikos PRI Young Scholars Finance Academy". Gordon L. Clark von der Universität Oxford, James P. Hawley vom St. Mary’s College, USA und Nils Kok von der Universität Maastricht bereicherten die Diskussionen der Nachwuchswissenschaftler mit ihrem Feedback auf dem präsentierten Paper.

Zum Abschluss der Akademie führten die Nachwuchsforscher im Rahmen eines Colloquiums zum Thema "Finance Education 2020" einen Dialog mit Meinungsführern und Fachleuten aus der Finanzindustrie. Es wurden Ansatzpunkte und ein Zeitplan bis 2020 für eine zukunftsfähige Finanz(aus)bildung entwickelt. Erste Schritte sind ein Ausbau des akademischen Netzwerks der PRI und ein von PRI und oikos organisiertes internationales Online-Lehrangebot ("webinar") zum Thema Finanzmärkte und Nachhaltigkeit. Eine zweite Auflage der Finance Academy in 2010 wurde ebenfalls angekündigt.

Ausblick

Nachhaltigkeit im Finanzwesen lässt sich – das zeigt uns auch die aktuelle Krise – nicht vom Kerngeschäft der Finanzunternehmen trennen. Deshalb ist die Integration von ökologischer und sozialer Verantwortung eine dringende Herausforderung und Chance für Finanzinstitutionen. Hierfür bedarf es der entsprechenden universitären Ausbildung. Nachhaltigkeit als Spezialistenausbildung im Wahlfach wird die zukünftigen Entscheidungsträger nicht erreichen. Nur wenn die Masse der Studenten mit nachhaltigem Denken bekannt gemacht wird bietet die Krise eine Gelegenheit, die Chancen einer nachhaltigen Finanzwirtschaft zu nutzen.

Referenzen:

Corbyn, Zoë. 2008. Did Poor Teaching Lead to Crash? Business Academics Are Accused of Ignoring Social and Political Questions. Times Higher Eductation (THE)

Dunne, Stephen, Stefano Harney and Martin Parker. 2008. Speaking Out: The Responsibili-ties of Management Intellectuals: A Survey. Organization 15:271-282.

Steinhäuser, Marc (2008): Wirtschaftswissenschaften: Zwischen Markt und Marx, Zeit Onli-ne, 16.12.2008, http://www.zeit.de/online/2008/51/finanzkrise-wirtschaftsstudenten

HSG. 2009. Konsequenzen aus der Finanzmarktkrise: Perspektiven der HSG. Exzellenzini-tiative 'Responsible Corporate Competitiveness', Universität St.Gallen (HSG).

UN Principles for Responsible Investment: http://www.unpri.org/

Ghoshal, Sumantra. 2005. Bad Management Theories Are Destroying Good Management Practices. Academy of Management Learning & Education 4:75-91.

Mehr Informationen über die Aktivitäten von oikos International


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