BNE-Journal: Informelles Lernen für Nachhaltigkeit -   Die Entwicklung von Nachhaltigkeitsformaten in den audio-visuellen Medien

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BNE-Journal

Online-Magazin "Bildung für nachhaltige Entwicklung"




Informelles Lernen für Nachhaltigkeit -   Die Entwicklung von Nachhaltigkeitsformaten in den audio-visuellen Medien

Von Gesa Lüdecke

BildanfangPortrait von Gesa LüdeckeBildende

Nachhaltigkeit in den Medien

Die Medien widmen sich mit zunehmendem Interesse der Diskussion um Nachhaltigkeit. Sie greifen wissenschaftliche Erkenntnisse auf, bringen sie auf die mediale Agenda und somit in die öffentliche Diskussion. Allerdings geschieht dies bis heute noch immer recht verhalten und fragmentarisch. Der komplexe Begriff der Nachhaltigkeit leidet nach wie vor darunter, von dem Großteil der Bevölkerung nicht verstanden zu werden. Er hat es schwer, auf die Medien-Agenda zu gelangen, da heutzutage Nachrichtenwertfaktoren wie Brisanz oder Aktualität mehr denn je den Zugang und den Verbleib eines Themas in den Medien bestimmen.

Seit Anfang 2007 werden vermehrt Berichte zum Klimawandel über die Medien vermittelt, hier vor allem bezogen auf Ursachen und Folgen der globalen Erwärmung. Durch den anthropogenen Klimawandel als zentrale Herausforderung einer Nachhaltigen Entwicklung wird deutlich, inwieweit ökonomische, ökologische und soziale Probleme auf globaler Ebene miteinander verknüpft sind und voneinander abhängen. Die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel erfolgt für viele Journalisten und Redakteure sowie für die Bevölkerung definiert über messbare Zahlen und Fakten, die sich leichter auf das alltägliche Leben übertragen lassen als das komplexe Konzept der Nachhaltigkeit.

In den Medien selbst wird oft über die Wirkung einer negativen und katastrophenorientierten Umweltkommunikation auf die Rezipienten diskutiert. Das Umweltthema der 1980er Jahre ist ein bezeichnendes Beispiel für eine solche Entwicklung. Es wurde jahrelang durch Katastrophenszenarien und Weltuntergangsstimmung in den Medien geprägt, was dazu führte, dass sich ein Ohnmachtsgefühl gegenüber der Umweltzerstörung auf Seiten der Bevölkerung einstellte. Dieses erschwerte jegliche Lernprozesse und unterband viele Formen des Handelns. Diese Art der Kommunikation wirkte und wirkt wenig sensibilisierend für eine intrinsisch motivierte Auseinandersetzung mit Umweltproblemen. Die neuerliche Beschäftigung mit Nachhaltigkeitsthemen in den Medien versucht aus dieser Erfahrung zu lernen und sich in der gegenwärtigen Kommunikation anderer Stilmittel zu bedienen. Das Informelle Lernen als Ansatz außerschulischer Kompetenzbildung leistet hier einen entscheidenden Beitrag.

Informelle Lernprozesse

Unsere Gesellschaft ist geprägt von formalen Lernumgebungen. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass 70 Prozent des täglichen Lernprozesses eines Erwachsenen auf Informelles Lernen zurückgehen, also im Rahmen von Freizeitaktivitäten (Kultur, Vereine, Familie, Medien) stattfinden.

Informelles Lernen wird als Lerntypus der alltäglichen Lebensführung bezeichnet – es ist das eigentliche und nicht-institutionalisierte "Lernen fürs Leben", das die Befähigung zur Kompetenzentwicklung bzw. zur Bewältigung der eigenen Lebensprobleme darstellt. Hier geht es in besonderem Maße um die Verarbeitung der eigenen Erfahrung in nicht-institutionellen Lernsituationen. Der Stimulus für Lernen im informellen Kontext ist ein individuell gewähltes Problem und kann anhand einer kurzfristigen Auseinandersetzung mit etwas Gegenständlichem oder einer Thematik und dessen Inhalten verbunden sein. Die Art und Weise sowie die Dauer dieser informellen Lernsituation wird dabei ausschließlich vom Individuum bestimmt, das sich diesem Prozess aussetzt. Die Bedeutung des Informellen Lernens wurde lange Zeit abseits der Pädagogenkreise, auf gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Ebene, vernachlässigt. Im Zusammenhang mit Umweltbildungsmaßnahmen und der Umsetzung einer BNE erlangt diese Lernform neuerdings wieder zunehmende Beachtung.

Medien als informeller Lernort

In informellen Lernumgebungen streben Menschen nach Bedürfnisbefriedigung. Dies beinhaltet im weiteren Sinne Unterhaltung und Entspannung, soziale Interaktion, aber auch Selbstverwirklichung und Problemlösung. Informelles Lernen wurde in der Vergangenheit innerhalb von außerschulischen Lernorten wie Museen oder Ausstellungshäusern verortet. Mittlerweile findet eine Erweiterung der Auseinandersetzung mit diesem Ansatz auf die Medien statt, denn sie haben einen zentralen Stellenwert bei der Vermittlung von Informationen und Wissen, die für eine individuelle Urteils- und Meinungsbildung nötig sind. Viele Phänomene entziehen sich unserer Wahrnehmung. Das Wissen, das die Gesellschaft über (Nachhaltigkeits-) Themen hat, stammt zum größten Teil aus den Medien. Aufgrund dieser Erkenntnis benötigen vor allem abstrakte oder kaum selbst erfahrbare Themen wie die Nachhaltigkeit oder der Klimawandel einen "Katalysator", der sie in die Gesellschaft hineinträgt und einen Anstoß zur Generierung von (Sekundär-) Wissen schafft. Medien initiieren hierdurch oftmals nicht-intentionale Lernverläufe. Diese Lernform wird als beiläufiges Lernen, "en passant", verstanden: Hier wird der Lernprozess durch das Individuum nicht bewusst reflektiert, sondern bleibt weitestgehend unintendiert. Das bewusste und intentionale Lernen findet darauf aufbauend meist im sozialen Umfeld bzw. im Austausch mit anderen Menschen statt.

Beide Formen des Informellen Lernens können über Medien angeregt werden: In einem ersten Schritt erfolgt das unintendierte Lernen über die Rezeption von Medienbeiträgen, und in einem zweiten Schritt erfolgt eine damit in Zusammenhang stehende Auseinandersetzung mit dem sozialen Umfeld durch kommunikativen Austausch. Das in den Medien generierte Wissen kann demzufolge auch als Prozesswissen verstanden werden, da es Lernprozesse und den Austausch mit anderen Menschen (soziales Ereignis) unterstützt. Nachhaltigkeitsthemen verlangen eben diese bewusste Reflexion, die eine Auseinandersetzung mit den eigenen Handlungsweisen voraussetzt.

Den Medien wird häufig vorgeworfen, Menschen auf trivialer Ebene Zerstreuung zu bescheren und ihren Bildungsauftrag damit zu verfehlen. Diese kritische Perspektive betrachtet das Medienangebot allerdings recht undifferenziert, da gerade in den Unterhaltungsformaten in Hörfunk und Fernsehen –zunehmend auch (interaktiv) via Internet – durchaus Potenzial zur Vermittlung von Nachhaltigkeitsaspekten auf unterhaltsamer Ebene vorliegt. Am Beispiel des Fernsehens lässt sich erkennen, dass es nicht mehr nur die Wissenschaftsmagazine und Reportagen oder Dokumentationen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sind, die sich dem Thema widmen, sondern es sind zunehmend auch die Unterhaltungsformate der privaten Fernsehsender, die Nachhaltigkeitsaspekte aufgreifen.

Hier wird im Zusammenhang mit Informellem Lernen von Infotainment, Edutainment oder vor dem Hintergrund unterhaltsamer Umweltkommunikation von Ecotainment (Martin Lichtl) gesprochen: die informative und gleichermaßen unterhaltsame Kommunikation zum aktiven Umweltschutz via Medien. Medien dienen durch ihre Nutzung in der Gesellschaft (Zeitvertreib, lange Weile, Ritual, Austausch mit anderen Menschen, Bedürfnisbefriedigung) als geeigneter Ausgangspunkt für informelle Lernprozesse, da Menschen insbesondere ihre freie Zeit mit Medienkonsum verbringen.

Die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeitsthemen in den Medien sollte auf einer emotional positiv geladenen Kommunikation aufbauen. Nur so sind Botschaften Erfolg versprechend kommunizierbar.
Das Forschungsverbundprojekt balance zur "Medialisierung der Nachhaltigkeit" evaluierte unter Leitung der Universität Hohenheim bestehende Konzepte der Fernsehberichterstattung und entwickelte hieraus neue Strategien zur dauerhaften medialen Aufmerksamkeit und Etablierung von Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen im Fernsehen. Auch hier wurde der Ansatz verfolgt, dass Nachhaltigkeitskommunikation nicht einer informierten Bildungselite vorbehalten sein darf, sondern unterhaltsam in die breite Bevölkerung getragen werden muss. In Zusammenarbeit mit RTL 2 und Welt der Wunder wurden Sendekonzepte entwickelt, die informell und unterhaltend das Thema Nachhaltigkeit aufbereiteten und an konkreten Problemlagen definierten. Hierdurch wurde ein hohes Identifikationspotenzial für die Zuschauer geschaffen, was die Hürde zur eigenen Handlungsmotivation herabsetzten sollte.

Es ist bisher erst ein kleiner Anteil am Gesamtprogramm des Fernsehens, der die bewusste Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeitsthemen wagt. Im Jahre 2004 lieferte die Adolf-Grimme-Studie „TV-Medien und Nachhaltigkeit“ durch eine Inhaltsanalyse von Fernsehprogrammen erste Ergebnisse über die journalistische Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeitsthemen im deutschen Fernsehen. Mit Fokus auf die Fernsehberichterstattung wurden Potenziale und Hemmnisse in Bezug auf die Nachhaltigkeitskommunikation herausgearbeitet. Die Ergebnisse der Studie waren recht ernüchternd, es wurde resümiert: „Die hohe gesellschaftliche Bedeutung des Nachhaltigkeits-Konzepts hat kein journalistisches Pendant.“ Das Konzept ist in den Medien demnach noch nicht so verankert wie in der Gesellschaft, und auch hier geht die Implementierung langsam vonstatten. Laut Bonfadelli und Dernbach besteht ein hoher Entwicklungsbedarf für die Einbindung von Nachhaltigkeit in die mediale Agenda. Das Potenzial zur Implementierung des Konzepts ist vorhanden, es bedarf jedoch eines stärkeren Ausbaus. Hier gilt es die Scheu vor der Komplexität des Prinzips der Nachhaltigen Entwicklung auf Journalistenseite zu überwinden und Themen anschlussfähig in die Gesellschaft hineinzutragen. Eine bislang ungeklärte Frage ist allerdings, über welches Medium zukünftige Generationen am ehesten erreicht werden. Dieser Frage sollte sich die Wissenschaft stellen und vermehrt hierzu forschen.

Literaturhinweise:

Bonfadelli, H. (2007): Nachhaltigkeit als Herausforderung für Medien und Journalismus. In:  Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (Hrsg.) (2007):  Nachhaltigkeitsforschung – Perspektiven der Sozial- und Geisteswissenschaften. Bern. S.  256-279.

Dernbach, B. (2005): Journalismus und Nachhaltigkeit. Oder: Ist Sustainability Development ein  attraktives Thema? In: Michelsen, G./Godemann, J. (Hrsg.) (2005): Handbuch  Nachhaltigkeitskommunikation. München. S. 182-191.

Dohmen, G. (2001): Das informelle Lernen. Die internationale Erschließung einer bisher  vernachlässigten Grundform menschlichen Lernens für das lebenslange Lernen aller. Bonn.

Frank, I.& Gutschow, K.& Münchhausen, G. (Hrsg.) (2005): Informelles Lernen: Verfahren zur  Dokumentation und Anerkennung im Spannungsfeld von individuellen, betrieblichen und  gesellschaftlichen Anforderungen. Bonn.

Lichtl, M. (1999): Ecotainment. Der neue Weg im Umweltmarketing. Wien.Wohlers, L. (2001): Informelle Umweltbildung am Beispiel der deutschen Nationalparke. Aachen.


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