Wasser schmackhaft machen
Von Dr. Brigitte Biermann
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Bildende
Die Studie von Niels Jungbluth aus dem Jahr 2006 zeigt eindeutig: Es ist ökologischer, Leitungswasser statt Mineralwasser aus Flaschen zu trinken. Denn Flaschenwasser verursacht 90 bis zu 1.000 Mal mehr Umweltbelastungen als Leitungswasser. Die Studie enthält eine umfassende Ökobilanz, die auch die ökologischen Auswirkungen der Flaschenabfüllung, der Herstellung und Wartung von Wasserleitungen und des Transports des Mineralwasserkastens vom Supermarkt nach Hause und leer wieder zurück bewertet hat. Schwarz auf Weiß haben wir nun, dass wir umweltfreundlicher Wasser trinken könnten. Ökologischer. Aber auch nachhaltiger?
Was ist mit der Industrie, die Mineralwasser herstellt (wirtschaftliches Argument)? Was, wenn die Qualität des Leitungswassers nicht ausreichend für Säuglingsnahrung ist (soziales Gesundheits-Argument)? Und wenn es sich beim Konferenz-Dinner einfach nicht schickt, das lokale Wasser zu servieren statt das aus der Quelle, aus der nun einmal "Leute von Welt" trinken (sozial-kulturelles Argument)? Was ist mit Aspekten der globalen Nachhaltigkeit? Der Verkauf von Flaschenwasser nimmt weltweit auch deshalb zu, weil Leitungswasser (sofern es überhaupt kontinuierlich fließt) an vielen Orten der Welt keine Trinkwasserqualität hat. Trinkwasser gilt global als knappes Gut. Auch steigt die Bedeutung des Wassers, das bei der Produktion unserer Lebensmittel und Waren verbraucht wurde, des so genannten "virtuellen Wassers". Ein Beispiel: Je nach Anbaugebiet werden 1.000 Liter Wasser für die Bewässerung von Orangenplantagen pro einem Liter hergestellten Orangensaft eingesetzt. Das ist Wasser, das vor Ort zum Trinken fehlt. Und auch der sonstige "ökologische Rucksack" vieler Orangensäfte ist beinahe untragbar (Heusinger u.a. 2000). Auch aus europäischer Sicht ist Wasser nicht gleich Wasser. Trinkwasserqualität wird durch unterschiedlichste Maßnahmen gesichert. Aber: Der sprudelnde Gebirgsbach und das gechlorte Leitungswasser in der südeuropäischen Großstadt sind geschmacklich - obwohl beide Trinkwasser - kaum vergleichbar.
Um Nachhaltigkeit im Bereich Wasser zu fördern, kann Bildung auf zwei verschiedenen Ebenen ansetzen: 1. auf der Ebene des Konsums und 2. auf der Ebene der Infrastruktur.
Konsum
Individuen und Gruppen treffen täglich Entscheidungen in Sachen Konsum. Sie entscheiden aus ihrer sozialen Situation heraus: Der Bildungshintergrund und die sozialen Rollen einer Person (z.B. als Managerin einer Firma oder als Familienversorger) bestimmen ihre Informationsquellen und ihr Wissen (zu Genderunterschieden im Bereich Trinkwasser Lux/Hayn 2008). Prägend sind zudem die Lebensstile, die teilweise eng an die Nutzung bestimmter Produkte (z.B. Mineralwassermarken, Wasserfilter) gebunden sind (Ökoinstitut 2004). In Sachen Wissen und Bildung beeinflusst der konkrete Lebensstil, welche Informationsquellen (Zeitschriften, Internetforen etc.) als vertrauenswürdig gelten und welche Qualitätsmerkmale, z.B. Labels oder Gesundheitsaspekte, als wichtig erachtet werden (Empacher/Hayn 2005). Bei sensiblen Bevölkerungsgruppen bleiben Skandale in Sachen Trinkwasser länger im Bewusstsein als Schadstoffe im Wasser nachweisbar sind. Zudem hat jede Person verschiedene Rollen (Bodenstein/Spiller 1996), die miteinander in Konflikt geraten können. Und, ganz entscheidend: Konsumentscheidungen sind in hohem Maße situationsabhängig. Eine Managerin entscheidet sich am Vormittag für eine ökologische Transportvariante der von ihrer Firma produzierten Waren, kauft dann am Abend aber - gegen besseres Wissen und Gewissen - nicht ökologisch produzierte Lebensmittel ein, weil diese von ihrer Familie gewollt sind oder sie keine Zeit hat, etwas anderes zu besorgen. Vielleicht vermeidet sie auch die anstrengende Diskussion, die dadurch entstünde, hätte sie kein Flaschenwasser mitgebracht. In diesem Fall bedeutet ihr die gute Stimmung zuhause mehr als der ökologischere Konsum - ein typischer Konflikt in Sachen Nachhaltigkeit. In Situationen dieser Art reicht die Vermittlung von Wissen über die nachhaltigere Lösung nicht aus, sondern sind strukturelle Verbesserungen in Sachen Zeit, Raum und Infrastruktur gefragt, um nachhaltigen Konsum zu fördern.
Infrastruktur
Der Trinkwasserverbrauch in Deutschland ist auf unter 130 Liter pro Tag und Person gesunken - und das bereitet jetzt Probleme. Die gebaute Wasserinfrastruktur ist vielerorts nämlich auf mehr Menschen und damit auf einen höheren Verbrauch ausgelegt. Der jetzige Wasserdurchfluss durchspült die überdimensionierten Leitungen nicht ausreichend: Die Folgen sind Geruchsbelästigungen aus Abwasserkanälen und Mehraufwand der Wasserver- und -entsorgungsbetriebe. Positive Verhaltensänderungen wie sparsame Wassernutzung erzeugen also nicht immer direkt positive Resultate. Konzepte, die Nachhaltigkeit fördern und zugleich ohne Konflikte praktisch umgesetzt werden können, sind notwendigerweise sehr komplex. Ein Beispiel ist die europäische Wasserrahmenrichtlinie, die vorsieht, Flussgebiete als Regionen aufzufassen und sie von den betroffenen Gemeinden "managen" zu lassen. Regionale Akteure sollen gemeinsam bestmöglich organisieren, wo und wie Wasser entnommen, aufbereitet, entsorgt bzw. eingeleitet wird. Zudem sieht sie Verfahren vor, in denen die Akteure voneinander lernen sollen. Die Umsetzung der Richtlinie erfolgt jedoch regional sehr unterschiedlich und bisher sind erst geringe Erfolge zu verzeichnen. Um nachhaltiges Flussgebietsmanagement zu betreiben, sind weiterführende Perspektiven gefragt. Ein Ansatz lokaler Wasserversorger (z.B. in Hamburg) ist, die Wasserqualität auch dadurch zu sichern, dass in einigen ihrer Wassereinzugsgebiete die Landwirtschaft ökologisch geführt werden muss. Nachhaltigkeit im Wassermanagement insgesamt bedeutet, das regional vorhandene Know-how langfristig für die Tragfähigkeit umweltfreundlicher Wasserversorgungs- und Entsorgungs-Infrastrukturen zu nutzen und den Erhalt bzw. die Verbesserung der Wasserqualität zu gewährleisten. Neben Landwirtschaft bzw. Bodennutzung und der Zusammenarbeit regionaler Akteure ist hier insbesondere die Politik gefordert. Sie ist in der Pflicht, Mindeststandards zu regulieren (z.B. Grenzwerte für Trinkwasser) und die effektive Zusammenarbeit der regionalen Akteure zu sichern.
Die Ebenen Konsum und Infrastruktur sind, wie gezeigt wurde, wechselseitig voneinander abhängig. Entscheidungen auf der Konsumebene können durch die Rahmengebung auf der Infrastrukturebene erleichtert oder erschwert werden. Langfristig tragfähige Lösungen benötigen daher eine Umgestaltung der Infrastruktur in Richtung Nachhaltigkeit und die Erarbeitung von regional angepassten Lösungen zum Beispiel im Bereich Ernährung (Biermann 2007). Dies setzt Lernprozesse auch bei Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Institutionen voraus, um Einzelinteressen und individuelle Perspektiven in eine dynamische Nachhaltigkeitsperspektive zu integrieren.
Nachhaltige Entwicklung braucht Wissen und fußt auf Lernprozessen. Vorliegende Studien zur gesundheitlichen Qualität und Klimarelevanz von Trinkwasser geben Hinweise für nachhaltigere Verhaltensweisen. Um Wasser schmackhaft zu machen, fehlen jedoch weitere lokale und regionale Studien, die Wissen über die Bedingungen von Verhaltensänderungen verbreiten könnten - und über die Energie-, Umwelt- und Gesundheitsrelevanz des Wasserkonsums im alltäglichen Handeln. Bildungsansätze sind zudem auf beiden genannten Ebenen notwendig, damit die angebotenen Lösungen, fußend auf neuem Nachhaltigkeitswissen und praktisch erworbenen Umsetzungskompetenzen, die Komplexität konkreter sozialer Situationen abbilden können.
Quellen
Biermann, Brigitte, 2007: Nachhaltige Ernährung. Netzwerk-Politik auf dem Weg zu nachhaltiger Gemeinschaftsverpflegung, München: oekomBodenstein,
Gerhard, Achim Spiller, 1996: Entwicklungsstränge der ökologischen Konsumforschung. Forschungsansätze und Diffusionsbarrieren. In: Ökologisches Wirtschaften 3/4 1996, 8-11
Empacher, Claudia, Doris Hayn, 2005: Ernährungsstile und Nachhaltigkeit im Alltag, in: Karl-Michael Brunner und Gesa U. Schönberger (Hrsg.), Nachhaltigkeit und Ernährung. Produktion - Handel - Konsum, Frankfurt am Main/New York: Campus, 222-23
Heusinger, Eva, Tobias Reichert, Klaus Wöldecke, u.a. 2000: Einkaufen verändert die Welt. Die Auswirkungen unserer Ernährung auf Umwelt und Entwicklung, Stuttgart: Schmetterling-Verlag
Jungbluth, Niels, 2006: Vergleich der Umweltbelastungen von Hahnenwasser und Mineralwasser. In: Gas, Wasser, Abwasser 2006 (3), 215-219; aufbauend auf Jungbluth, Niels und Mireille Emmenegger, 2005: Ökobilanz Trinkwasser - Mineralwasser. ESU-Services GmbH im Auftrag des Schweizerischer Verein des Gas- und Wasserfaches SVGWLux
Lux, Alexandra, Doris Hayn, 2008: Trinkwasser und seine geschlechtsspezifische Wahrnehmung. Eine qualitative Untersuchung zu Wasser und Privatisierung. ISOE-Materialien Soziale Ökologie, Nr. 27, Frankfurt am Main: Institut für Sozialökologische Forschung, 1-75. Ökoinstitut, 2004: EcoTopTen - Innovationen für einen nachhaltigen Konsum.
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