Gespräch mit Dr. Ralf Klingbeil
Die Fragen stellte die Redaktion
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Redaktion: Was müssen wir in Deutschland noch lernen, um Wasser als globales Thema zu verstehen?
Klingbeil: Wasser ist ähnlich wie Bildung zentral für Leben und Entwicklungsmöglichkeiten in allen Gesellschaften. Dies ist der Fall in Deutschland genauso wie im Rest der Welt. In weiter entwickelten Ländern sind Grundbedürfnisse wie Wasser und Bildung oft nicht im Fokus der öffentlichen Debatten. So sind die Verbesserung von beidem, sowohl der Fähigkeit, sich mit Wassermanagement bereits im Schulbereich zu befassen als auch die Verbesserung des Lehrmaterials, ein wichtiger Schritt, junge Menschen auf diese Wasser bezogenen Aspekte von Leben und Entwicklung vorzubereiten.
Wahrscheinlich sind nicht alle technischen Aspekte für die Schulausbildung geeignet. Eine Grundidee von hydrologischen Grundsätzen und technischem Wassermanagement kann dennoch schon durch Spiel in einem jungen Alter erreicht werden. Beispiele von Spielplätzen in den Niederlanden, auf denen Kinder spielerisch Wasserflüsse aufstauen können, sind ein Versuch, bei der jungen Generation zukünftiger Hausbesitzer und Wähler Sensibilität für Ursachen für Überschwemmungen zu erzeugen.
Redaktion: Welche Disziplinen müssten für eine nachhaltige Wasserbildung noch einbezogen werden, sind es aber bislang noch nicht?
Klingbeil: Es wäre eine große Errungenschaft, wenn junge Leute ein besseres Verständnis für das natürliche System Erde entwickeln würden, in dem sich Wasser innerhalb des hydrologischen Kreislaufs bewegt. Außerdem ist ein grundlegendes Verständnis von technischen Optionen der Wasserspeicherung und des Wassertransports wichtig, um einen nachhaltigen Umgang mit Wasser zu lernen. Aber Wasser erfüllt nicht nur ökologische und wirtschaftliche Bedürfnisse. Wasser hat auch einen kulturellen Wert und muss zwischen verschiedenen Nutzern und Nutzungen sozial gerecht verteilt werden. Bildung zu Wasser könnte sich verstärkt auf die multi-sektoralen Aspekte von Wasser konzentrieren, wie z.B. wirtschaftliche und soziale Aspekte oder Kooperationen und Sicherheitsfragen. Und nicht zuletzt auf die vielleicht größte Herausforderung der nichteffizienten Wassernutzung besonders im Agrarsektor.
Auch wenn häufig Wassermanager für Missmanagement und knappe Wasserressourcen verantwortlich gemacht werden, ist festzustellen, dass die Lösungen der weltweiten Wasserkrisen zu einem großen Teil außerhalb des Wassersektors in den Bereichen Governance/Regierungsführung, Landwirtschaft, Landnutzungsplanung und Umweltschutz zu finden sind. Und im Verhalten der Konsumenten: Das Konzept des "Water Footprint" war ein wichtiges Thema bei der Stockholmer Weltwasserwoche 2008. Junge Menschen sollten in den Schulen auf der ganzen Welt lernen, welchen Einfluss ihre eigenen Entscheidungen z. B., was sie essen und welche Kleidung sie tragen, auf den weltweiten Wasserhaushalt haben.
Nicht alle Studenten werden Wasserfachleute, aber viele werden durch Global Change und Klimaveränderung und insbesondere durch Änderungen in der Wasserverfügbarkeit in der ein oder anderen Form betroffen sein. Ein besseres grundlegendes Verständnis für Wasser ist wichtig für ein stärkeres Bewusstsein über notwendige Veränderungen im Umgang mit Wasser; dies kann nicht überbetont werden.
Redaktion: Wie könnten die UN-Dekaden "Bildung für nachhaltige Entwicklung" und "Wasser für Leben" dazu beitragen, wie ließen sie sich besser verbinden? Welche institutionellen Anbindungsmöglichkeiten zwischen deutschen und internationalen Partnern gibt es?
Klingbeil: Im Grunde sind die UN-Dekaden "Bildung für nachhaltige Enticklung" und "Wasser für Leben" bereits durch verschiedene Akteure und Programme miteinander verbunden. Es kommt eher darauf an, die vorhandenen Verbindungen durch gemeinsame Aktionen etwas besser herauszustellen.
Anlässlich der Fachtagung „Wasser – Bildung – Zukunft“ die die Deutsche UNESCO-Kommission im September 2008 in Hannover veranstaltet hat, wurden gute Beispiele für deutsches Wasser-Bildungsmaterialien für Schulen gezeigt. Die schwedische UNESCO-Kommission hat zusammen mit UN-Water und anderen internationalen Partnern bei einem Side Event der 2008 Stockholmer Weltwasserwoche Möglichkeiten der Verbesserung der Wasserausbildung in Schulen diskutiert. Als Ergebnis wurde festgehalten, dass Bildung und gesellschaftliche Diskussion eine entscheidende Rolle spielen, die Fähigkeit zu entwickeln, Wasser in seiner Umwelt zu verstehen, Veränderungen zu registrieren und sowohl Quantität als auch Qualität zu schützen. Es gibt dringenden Bedarf, die zeitliche Verzögerung zwischen den wissenschaftlichen Fortschritten und den gesellschaftlichen Fähigkeiten zur Umsetzung besseren Wassermanagements zu reduzieren. Eine verbesserte schulische Bildung könnte diese zeitliche Verzögerung deutlich reduzieren, da neue Generationen schon mit einem besseren Verständnis von Wasser und nachhaltiger Entwicklung aufwüchsen.
Mit der Fachtagung Wasser – Bildung – Zukunft, dem Side Event während der Stockholmer Weltwasserwoche, Erfahrungen aus anderen Programmen der Vereinten Nationen wie UNEP/GEMS mit ihrem Jugendprogramm, "Living on the Edge" und UNICEF/IRCs "WASH in Schools" oder Nicht-Regierungsorganisationen wie IWA mit dem "World Water Monitoring Day", WET mit der Kampagne "Water Education for Teachers" und anderen nationalen Erfahrungen gibt es schon jetzt gute Grundlagen für internationalen Austausch über nationale Programme in der Schulbildung und über Lehrpläne an Universitäten.
Daran anknüpfend hat das UN-Water Decade Programme on Capacity Development (UNW-DPC), den Organisatoren der im März 2009 in Bonn stattfindenden Weltkonferenz "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (UNESCO und BMBF) angeboten, verschiedene Workshops, High level inputs und Beiträge zu organisieren.
Redaktion: Lassen sich Unterrichtsmaterialien übersetzen oder ist das aufgrund der unterschiedlichen Wasserbedingungen unrealistisch?
Klingbeil: Natürlich wird nicht jedes Lehrmaterial, das für den deutschsprachigen Raum entwickelt wurde, auch für die Übersetzung in andere, lokale Sprachen in Entwicklungsländern geeignet sein. Ein Bewusstsein für verschiedene didaktische Ansätze sollte auch berücksichtigt werden.
Aber schon grafisches Material oder didaktische Ansätze könnten für (Grund-) Schulen in anderen Regionen der Welt geeignet sein, um Werkzeuge und Mittel zu erarbeiten, damit Inhalte gemäß ihrer spezifischen kulturellen, didaktischen und thematischen Bedürfnissen angepasst werden können. In dieser Hinsicht bin ich überzeugt, dass das auch Ergebnis der Fachtagung in Hannover für andere Länder sehr interessant sein könnte.
Redaktion: Welche Partnerschaften könnten zwischen deutschen und internationalen Partnern gebildet werden?
Klingbeil: Partnerschaften sind wichtig. Sie können auf der individuellen Ebene beginnen und sich zu Partnerschaften zwischen Schulen, Berufsschulen, Wasserver- und -entsorgungsunternehmen und Städtepartnerschaften entwickeln. Mit dem Engagement junger Menschen und einem besseren Bewusstsein über die Beziehungen zwischen Wasser und nachhaltiger Entwicklung sowie einer verbesserten Schulbildugn gerade in diesen Bereichen können solche Partnerschaften wachsen und sich dauerhafte Beziehungen zwischen Menschen und Städten entwickeln.
Ich bin davon überzeugt, dass lokale Partnerschaften zwischen deutschen Schulen und Schulen in Entwicklungsländern und Partnerschaften zwischen Berufsschulen, die lokale Teilhabe und Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung verbessern können. Für die meisten bestehenden Partnerschaften gibt es bereits Unterstützungsnetzwerke: für Schüler gibt es Netzwerke oder Nichtregierungsorganisationen, die sich der Unterstützung in der Organisation des Schüleraustausches zwischen Schülern aus Deutschland und Ländern weltweit verschrieben haben, wie z.B. die American Field Services und Youth for Understanding. Obwohl nicht direkt auf Wasser bezogen, könnten beide bei der Entwicklung individueller Kontakte oder sicher auch bei Kontakten zwischen Schulen in Deutschland und in Entwicklungsländern hilfreich sein.
Aus der Perspektive des UN-Water Programms UNW-DPC möchte ich Schulen ermutigen, die vielen auch von anderen UN-Organisationen wie UNICEF online zur Verfügung gestellten Materialien (z.B "Voices of Youth") zu nutzen, um Wasserthemen unter jungen Menschen zu fördern und damit die Erreichung der Millenniumsentwicklungsziele zu unterstützen.
Link zum Programm "WASH in Schools"
Link zum UNEP Jugendprogramm Living on the Edge
Link zum World Water Monitoring Day
Link zur Kampagne "Water Education for Teachers"
Link zur Organisation American Field Services
Link zur Organisation Youth for Understanding
Link zu den Materialien von Voices of Youth
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