Gespräch mit Dr. Ulrich Irmer
Die Fragen stellte die Redaktion
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Redaktion: Als wissenschaftliche Umweltbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) haben Sie ein vielfältiges Themenspektrum. Was sind die Schwerpunkte im Bereich "Wasser und Bildung"?
Irmer: Unser Aufgabenspektrum in der Abteilung Wasser und Boden ist in der Tat sehr umfangreich. Wir befassen uns mit den wasserfachlichen, juristischen und ökonomischen Fragestellungen der Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie, aber auch anderer EG-Gewässerschutzrichtlinien, um nur einen aktuellen Schwerpunkt unserer Arbeit zu nennen. Im Bereich "Wasser und Bildung" konzentrieren wir uns auf das Erarbeiten übergreifender Konzepte und geben fachliche Unterstützung. Dazu stehen uns zwei Wege offen: Zum Einen führen wir selbst, wenn auch in begrenztem Umfang, Projekte durch. Ein Beispiel hierfür ist die Mediendatenbank "H2O-Wissen". Zum Anderen fördern wir Bildungsprojekte bei anderen Einrichtungen und Institutionen. Hier fungieren wir nicht nur als Geldgeber sondern stehen auch immer mit fachlichem Rat zur Seite. Aktuelles Beispiel sind die Arbeiten der Vereinigung Deutscher Gewässerschutz (VDG) zum Thema "Virtuelles Wasser".
Das Thema Wasser ist aus unserer Sicht prädestiniert für fächerübergreifendes und schüleraktives Lernen. Das Medium Wasser bietet einen Zugang zum Thema Umwelt- und Gewässerschutz über verschiedene Ebenen. Man kann sich ihm sowohl über einen eher freizeitorientierten, ästhetischen Weg nähern als auch aus rein naturwissenschaftlicher Sicht.
Und wir sollten nicht vergessen, die europäische Umweltpolitik fördert beharrlich die Beteilung der Menschen in den EU-Mitgliedstaaten am Umweltschutz. So fordert die EG-Wasserrahmenrichtlinie eine aktive Einbindung der Bevölkerung an der Entwicklung der Programme, die die Maßnahmen listen, die bis 2015 für einen guten Gewässerzustand sorgen sollen. Ziel des Umweltbundesamtes ist, die Bürgerinnen und Bürger so zu informieren, dass sie sich kompetent an diesen umweltpolitischen Entscheidungsprozessen beteiligen können.
Redaktion: Sie fördern u.a. Beratungshilfeprojekte im Bereich Wasser in Mittel- und Osteuropa. Was für Projekte sind das und warum ist aus Ihrer Sicht die grenzüberschreitende Zusammenarbeit wichtig?
Irmer: Das Umweltbundesamt koordiniert im Auftrag des Bundesumweltministeriums das Beratungshilfeprogramm für die Staaten Mittel- und Osteuropas. Dieses Programm unterstützt die genannte Staatengruppe bei der Umsetzung europäischer Richtlinien und der Erreichung europäischer Umweltstandards im Bereich Wasser. Gerade der Gewässerschutz ist durch den Mangel an wasserwirtschaftlicher Infrastruktur (z.B. moderne Kläranlagen) ein häufiges Problem. Wir unterstützen die Zusammenarbeit deutscher Experten mit den Experten vor Ort bei der Entwicklung von Lösungskonzeptionen. Beispielsweise in Rumänien, im Landkreis Caras-Severin, einem durch starke wirtschaftliche Veränderungen, Reduzierung der Schwerindustrie und gleichzeitige Umorientierung auf den Tourismus geprägten Gebiet. Schwerpunkt der Arbeiten in Rumänien war die Schaffung eines ausgewogenen wasserwirtschaftlichen Konzeptes, dass die Trinkwasserversorgung, Abwasserentsorgung und die Wasserkraftnutzung einbezieht sowie Potenziale für Nutzungskonflikte reduziert.
Durch den länderübergreifenden Austausch ist ein gegenseitiges Lernen von den Erfahrungen anderer möglich. Die großen Ströme in Europa besitzen grenzüberschreitende Einzugsgebiete, beispielsweise liegen im Einzugsgebiet der Elbe vier Staaten, während es im Einzugsgebiet der Donau 19 Länder sind. Die Bewirtschaftung dieser Gebiete gestalten die jeweils zuständigen Wasserbehörden auf der Grundlage der EG-Wasserrahmenrichtlinie im gesamten Einzugsgebiet. Sehr anschaulich für die Notwendigkeit der Zusammenarbeit im Flusseinzugsgebiet ist das Beispiel Hochwasserschutz: eine Maßnahme wie eine Rückhaltefläche am Oberlauf eines Flusses, kann zu einer deutlichen Verringerung eines Hochwassers am Unterlauf führen. Allerdings profitiert die Gemeinde am Oberlauf in der Regel nicht von dieser Maßnahme, so dass hier ein Interessensausgleich notwendig ist. Erkannt ist diese Notwendigkeit, viele Konflikte sind aber noch im konkreten Fall zu lösen.
Redaktion: Warum ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Wasser in der schulischen und außerschulischen Bildung von Bedeutung?
Irmer: Wasser ist nicht nur unser wichtigstes Grundnahrungsmittel, es ist auch hauptsächlicher Bestandteil des "Lebens". Der für den Menschen schon immer große Reiz des Mediums Wassers spiegelt sich in einer Vielzahl von Märchen, Sagen und Mythen. Aber auch der ästhetische Zugang zum Wasser ist durch erfindungsreiche Brunnengestaltung und Wasserspiele in vielen Parks Europas präsent. Durch diese lebensnahe Verknüpfung bietet das Medium Wasser verschiedene Zugänge zum Gedanken des Ressourcenschutzes und zu ökologischen Fragestellungen des Gewässerschutzes, denn der Erhalt der Ressource Wasser und des Gewässers als Lebensraum für Pflanzen und Tiere ist unser Ziel. Für die schulische Bildung ist vor allem interessant, dass die Begrenzungen einzelner Schulfächer aufgebrochen werden und verschiedene Aspekte an einem Thema erarbeitet werden können. Eine bekannte Forderung aus der kontinuierlich wiederholten internationalen Leistungsuntersuchung von Schülern und Schülerinnen, der Pisastudie.
Redaktion: Welche Projekte oder Ausstellungen eignen sich darüber hinaus für den Einsatz im schulischen oder außerschulischen Kontext? Seit Anfang des Jahres ist die aktualisierte Version der Mediendatenbank "H2O-Wissen" online. Zu welchen Wasserthemen werden dort Materialien gesammelt und inwiefern kann diese Datenbank Lehrer bei der Suche nach Unterrichtsmaterialien unterstützen?
Irmer: Wir beobachten, dass neben den eher klassischen Materialien, wie Broschüren, Büchern, Untersuchungssets und Ausstellungen, andere Medien stärker in den Vordergrund rücken. Dies sind vor allem Medien, die entweder über Lern-CDs oder online bearbeitet werden können. Allein das Angebot an internetbasierten Materialien hat sich seit der ersten Auflage von "H2O-Wissen" verfünffacht und liegt nun etwa bei 25 Prozent des dokumentierten Gesamtmaterials. Interessant sind auch Medien, die einen umfangreichen Aufgabenteil enthalten und in Form von Spielen, Planspielen oder konkreten Projektideen Anwendungsmöglichkeiten für das neuerworbene Wissen bieten. Wir haben daher in diesem Jahr die seit 2003 auf den Seiten des Umweltbundesamtes zur Verfügung stehende Mediendatenbank "H2O-Wissen" aktualisiert und erweitert. Schwerpunkt der Datenbank ist nach wie vor der Gewässerschutz, aber auch verwandten Themen sind enthalten, z.B. Wirkungen des Klimawandels auf den Wasserhaushalt, Wasser in Entwicklungsländern, das Leben in und an Flüssen, Seen und anderen Gewässern. Wir haben in die Datenbank neue Materialien für die Grundschule und ausschließliche Online-Materialien integriert.
Die Datenbank enthält für die über 400 erfassten Einträge Informationen zum Einsatzbereich der Materialien, z.B. Alter der Kinder, Bearbeitungsumfang, etc., eine kurze Inhaltsangabe sowie Informationen zu den Bezugsmöglichkeiten. Für eine ausgewählte Anzahl von Medien haben wir zusätzlich eine Qualitätsbewertung durchführen lassen, die sich am Konzept Bildung für eine nachhaltige Entwicklung orientiert. Schlüsselkriteriun war für uns die Handlungsorientierung. Wir haben uns dabei gefragt: Besitzt das Lehrmedium eine schüleraktive Gesamtkonzeption des Lehrens und Lernens, bei der Handlungsergebnisse den Lernprozess leiten, handelt es sich um eine fächerübergreifende Betrachtungsweise beziehungsweise werden Themen und Problemstellungen, die eine wesentliche Rolle im Leben der Schüler und Schülerinnen spielen, angesprochen?
Redaktion: Welche Möglichkeiten hat das UBA die verschiedenen Beteiligungsprozesse in der Wasserwirtschaft, z.B. wie sie von der Wasserrahmenrichtlinie gefordert werden, vorzubereiten oder zu unterstützen?
Irmer: Wir konzentrieren uns hier auf konzeptionelle Vorhaben, die den Ablauf von Beteiligungsverfahren testen und wir unterstützen beispielsweise im Rahmen der Verbändeförderung die Netzwerkbildung unter den Umweltverbänden und mit den interessierten Menschen vor Ort. Zuletzt hat z.B. die Grüne Liga mit unserer Förderung dazu eine umfangreiche Internetpräsenz entwickelt
Redaktion: Welche Wasserthemen sollten im Bildungskontext verstärkt werden?
Irmer: Vor allem der Gewässerschutz in urbanen Gebieten wird im Moment zu wenig thematisiert. Da dies ja das Wohn- und Lebensumfeld der meisten Schüler und Schülerinnen ist, liegt hier dringender Handlungsbedarf. Weiterhin zeigte sich in der vom Unabhängigen Institut für Umweltfragen in unserem Auftrag für die Aktualisierung von "H2O-Wissen" durchgeführten Recherche, dass Nachholbedarf bei der altersgerechten und doch wissenschaftlich fundierten Aufbereitung der Konfliktfelder Wasserkraftnutzung und Landwirtschaft besteht. Aufgrund der Komplexität der fachlichen Materie sind Materialien zur EG-Wasserrahmenrichtlinie mit nur etwa vier Prozent in der Mediendatenbank "H2O-Wissen" noch unterrepräsentiert. Neue für den Unterricht aufbereitete Themen sind "Virtuelles Wasser" und die "Auswirkungen des Klimawandels". Etwa acht Prozent der Medien oder über 30 Einträge beschäftigen sich mit dem Thema Hochwasser. Hier haben wir ein gutes Angebot an Materialien erreicht.
Internetseite der Grünen Liga zur EG-Wasserrahmenrichtlinie
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