BNE-Journal: Bildung, Gesundheit, Wasser und Sanitärversorgung: Wechselwirkungen erkennen und stärker nutzen

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Online-Magazin "Bildung für nachhaltige Entwicklung"




Bildung, Gesundheit, Wasser und Sanitärversorgung: Wechselwirkungen erkennen und stärker nutzen

Von Kirsten Dölle und Franca Schwarz

BildanfangPortrait von Kirsten Dölle und Franca SchwarzBildende

In den vergangenen hundert Jahren hat sich die Weltbevölkerung vervierfacht, während sich gleichzeitig der weltweite Wasserbedarf - auch bedingt durch die wirtschaftliche Entwicklung - verzehntfacht hat. Wohnten um das Jahr 1800 herum nur etwa zwei Prozent der Menschen in Städten, waren es im Jahr 2000 etwa 50 Prozent und im Jahr 2030 werden es voraussichtlich 75 Prozent sein. Mit diesem rasanten Wachstum geht ein ebenso massives Anwachsen von Problemen einher, vor allem im Bereich der Infrastruktur: Etwa eine Milliarde Menschen haben nach offiziellen WHO/Unicef-Zahlen derzeit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser; mehr als zwei Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu Basissanitärversorgungen. Trinkwasser gibt es in vielen Ländern häufig nur in den Wohngebieten der Besserverdienenden und Reichen. Den Ärmeren bleibt häufig nur, an wenigen Zapfstellen oder von Tankwagen - oft zu hohen Preisen - Wasser zu kaufen. Abwässer werden ungeklärt in die Flüsse geleitet oder dem Grundwasser zugeführt, wichtigen Quellen für Trinkwasser. Dies führt häufig zu Durchfallerkrankungen wie Typhus, Ruhr oder Cholera. Mangelhafte hygienische Verhältnisse, fehlende Sanitäreinrichtungen und schlechte Trinkwasserqualität sind dafür verantwortlich, dass jährlich mehrere Millionen Kinder an den Folgen sterben. Die Weltgesundheitsorganisation führt rund 90 Prozent aller Durchfallerkrankungen in Entwicklungsländern auf mangelhafte Wasser- und Sanitärversorgung zurück.

Neben der Tabuisierung des Themenkomplexes Abwassermanagement sowie Versäumnissen der Politik  (in vielen Ländern fehlen adäquate Norm- und Regelwerke, Planungsinstrumente und Vollzugsbehörden) ist mangelndes Wissen bezüglich der Zusammenhänge zwischen Wasser, Sanitärversorgung, Bildung und Gesundheit ein großes Problem. Letzteres führt dazu, dass Investitionen lieber zugunsten von Konsumgütern getätigt werden als zugunsten von besserer (Trink-)wasserversorgung und Sanitäreinrichtungen.

Dabei sind die positiven Wirkungen bei der Bereitstellung von Trinkwasser und sanitären Anlagen auf andere Bereiche sehr vielfältig und nicht von der Hand zu weisen:

  • Verbesserte Schulbildung: Wenn für Kinder die Pflicht zum Wasserholen wegfällt und sanitäre Anlagen in der Schule genutzt werden können, steigt nachweislich die Teilnahme am Unterricht. Die Bildungschancen von Mädchen und Jungen wird gleichermaßen erhöht. (Fehlende oder unhygienische Schultoiletten führen nicht selten dazu, dass Mädchen beim Einsetzen der Menstruation die Schule verlassen.)
  • Weniger Krankheiten: 90 Prozent der Durchfallerkrankungen in Entwicklungsländern werden durch verschmutztes Wasser und mangelnde Sanitärversorgung ausgelöst. Knapp zwei Millionen Menschen sterben jährlich an den Folgen von Durchfall, über 90 Prozent davon sind Kinder unter fünf Jahren. Verbessertes Wassermanagement reduziert Moskito-Lebensräume und somit Malariavorkommen. Investitionen und Kampagnen führen nicht nur zu einer verbesserten Infrastruktur sondern auch zu einer sinnvollen Sensibilisierung und Hygieneerziehung der Bevölkerung, so dass zusätzlich Erkrankungen vermieden werden.
  • Gestärkte Wirtschaft: Die gewonnene Zeit aufgrund wegfallender Krankheiten wird allgemein für wirtschaftliche Aktivitäten eingesetzt, d. h. das Einkommen der Haushalte und damit das Wirtschaftswachstum insgesamt wird deutlich erhöht. Außerdem entfallen die Kosten für die Behandlung von Krankheiten, die sich durch unsauberes Wasser und mangelnde Hygiene ergeben haben.
  • Gleichstellung der Geschlechter: Die Versorgung mit Wasser sowie die Pflege von kranken Menschen wird zumeist Frauen und Mädchen auferlegt. Sind die entsprechenden Wasser- und Sanitäranlagen jedoch vorhanden, gibt es auch deutlich weniger kranke Menschen. Somit bekommen Mädchen und Frauen mehr Zeit. Diese wird fast durchweg zur Steigerung des Einkommens der Familie oder für andere sinnvolle Dinge genutzt, wodurch die soziale Stellung gefestigt wird.
  • Schutz der Umwelt: Mangelnde Trinkwasserversorgung geht häufig einher mit der Übernutzung von Flüssen, Seen und Grundwasser. Weltweit werden mehr als 90 Prozent der Abwässer aus Industrie und Haushalt ungeklärt in Flüsse und Grundwasser geleitet, aus denen wieder Trinkwasser gewonnen wird. Dazu kommen Düngemittel- und Pestizidabschwemmungen aus der Landwirtschaft. Die Übernutzung in Kombination mit Verschmutzung führt häufig dazu, dass bisher intakte Ökosysteme nicht mehr lebensfähig sind.

Da Wasserressourcen globale öffentliche Güter sind, haben die Vereinten Nationen für den Zeitraum 2005 bis 2015 eine Wasserdekade unter dem Titel "Wasser zum Leben" ausgerufen. Diese soll auch der Umsetzung der Millenniumsziele der Vereinten Nationen dienen. In diesen wird u. a. gefordert bis zum Jahr 2015 den Anteil der Menschen zu halbieren, die keinen Zugang zu Wasser- und Sanitärversorgung haben (unter MDG 7). Da vor allem im Bereich der Sanitärversorgung noch viele Anstrengungen notwendig sind, haben die Vereinten Nationen zusätzlich das Jahr 2008 zum "Internationalen Jahr der Sanitärversorgung" erklärt. Damit wird verstärkt zu Aktivitäten in den Bereichen Siedlungshygiene und Abwassermanagement aufgerufen. Im Einzelnen bedeutet dies:

  • gesicherter, erschwinglicher und menschenwürdiger Zugang zu sanitären Einrichtungen,
  • nachhaltiges Abwasser- und Abfallmanagement, das die Menschen vor Infektionen schützt und der Umwelt gerecht wird,
  • Bewusstsein für notwendige hygienische Verhaltensregeln.

Jeder Beitrag zur Zielerreichung von MDG 7 ist dabei gleichzeitig ein Beitrag zur Erreichung der Millenniumsziele 1 (Armutsreduzierung), 2 (Bildung), 3 (Gleichstellung der Geschlechter) und 4-6 (Gesundheitsziele). Und es geht nicht allein darum, ausschließlich den Ausbau der Infrastruktur zu fördern, sondern vielmehr ebenfalls um die Sensibilisierung der Bevölkerung und um Hygieneerziehung. Durch ein Offenlegen und Vermitteln der Zusammenhänge wird eigenverantwortliches Handeln und auch ein Einfordern verbriefter Rechte erst gestärkt und ermöglicht.

Deutschland bringt sich vielfältig in diesen Prozess ein. So ist beispielsweise der Wasser- und Sanitärbereich seit mehr als 30 Jahren ein Schwerpunkt der Deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Die bilaterale Fördersumme beläuft sich dabei auf rund 350 Millionen Euro jährlich. Grundlage ist das Integrierte Wasserressourcenmanagement (IWRM). Dies besagt, dass koordinierte Entwicklung und koordiniertes Management von Wasser, Land und den damit in Beziehung stehenden Ressourcen gefördert wird mit dem Ziel der Maximierung von ökonomischen, ökologischen und sozialen Wirkungen. In der Praxis bedeutet dies, dass neben der Verbesserung des Abwassermanagements durch Finanzierung der Infrastruktur die zuständigen Institutionen beraten werden. Von hoher Priorität ist für die deutsche Bundesregierung dabei vor allem die schnellstmögliche Versorgung bisher unterversorgter und unterrepräsentierter Bevölkerungsgruppen in Einklang mit der nationalen Sektorpolitik. Dabei muss gewährleistet sein, dass diese Versorgung dauerhaft ist und von den Menschen vor Ort selbst instand zu halten ist.

Die Herausforderungen im Wasser- und Sanitärbereich und angrenzenden Sektoren können nur gemeinsam mit den internationalen und nationalen Partnern gelöst werden. Mit anderen Worten: die Zusammenarbeit zwischen Empfängerländern und Gebern, Gebern und ihren Durchführungsorganisationen, zwischen Wasser- und Abwasserunternehmen, Consultingfirmen, Universitäten, staatlichen und privaten Institutionen sind unabdingbar für den Erfolg. Dabei gibt es keine Standardlösung, sondern vielmehr müssen unterschiedliche Ansätze und standortangepasste, nachhaltige Ergebnisse gefunden werden. Intersektoralen Ansätzen im Wasser und Sanitärbereich muss dabei zukünftig mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.


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