BNE-Journal: Das "UN-Jahr für Sanitäre Grundversorgung 2008" – Toiletten und Abwässer enttabuisieren!

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Das "UN-Jahr für Sanitäre Grundversorgung 2008" – Toiletten und Abwässer enttabuisieren!

Von Dr. Uschi Eid (MdB, UNSGAB)

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Toiletten und Abwassermanagement sind für viele Menschen abseitige, ja geradezu abstoßende Themen - ganz im Gegensatz zur Trinkwasserversorgung, die erheblich mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung erhält. Aufgrund dieses Tabus, das die sanitäre Grundversorgung umgibt, ist ihre immense Bedeutung für Gesundheit und Umwelt in der Öffentlichkeit wenig bekannt.

1,1 Milliarden Menschen müssen ohne sauberes Trinkwasser leben, während 2,6 Milliarden - das sind 2 von 5 Menschen weltweit - keinen Zugang zu Sanitärversorgung wie Toiletten oder Abwasserentsorgung haben. Da die Stigmatisierung der Sanitärversorgung das Haupthindernis auf dem Weg zu Fortschritten in diesem Bereich ist, hat der Beraterkreis für Wasser und Sanitärversorgung des UN-Generalsekretärs (UNSGAB) die Initiative ergriffen, das Jahr 2008 zum  "Internationalen Jahres für sanitäre Grundversorgung" der Vereinten Nationen auszurufen.
Für viele Regierungen in Entwicklungsländern, aber auch entwicklungspolitische "Geber", hat Trinkwasser eine höhere Priorität als das unangenehme Thema "Toiletten und Abwasser". Eine der Folgen: 90 Prozent der kommunalen Abwässer werden weltweit ungeklärt in Flüsse und Seen geleitet.

Doch letztlich ist eine Versorgung mit sauberem Wasser oft kaum möglich oder kostet erheblich mehr Geld, wenn sichere Sanitäranlagen oder Klärwerke fehlen. Denn sowohl leckende Leitungen oder inadäquate Wasserwerke als auch die natürlichen Wasserkreisläufe sorgen dafür, dass Fäkalkeime ins Trinkwasser gelangen und Menschen krank machen. Kevin Watkins, der Leitautor des "Berichts zur menschlichen Entwicklung 2006" sagt zu Recht: "Kein Zugang zu sanitärer Grundversorgung ist eine höfliche Art zu sagen, dass Menschen ihr Wasser für den täglichen Gebrauch aus Quellen erhalten, die mit menschlichen und tierischen Fäkalien verseucht sind."

Ihrer Unscheinbarkeit zum Trotz ist die Sanitärversorgung ein entwicklungspolitisches Thema ersten Ranges. Denn eine mangelhafte Sanitärversorgung hat gravierende Folgen für die menschliche Gesundheit, die wirtschaftliche und soziale Entwicklung, die Chance auf ein Leben in Würde sowie  die Natur und das Wohnumfeld.

Keinen "Zugang zu sanitärer Grundversorgung" zu haben, steht für eine Gesundheitskatastrophe, die sich fernab der Medienöffentlichkeit abspielt. Rund 5000 Kinder unter fünf Jahren erliegen täglich den Folgen schmutzigen Wassers. Dies ist ein Vielfaches der Kinder, die an AIDS sterben. Durchfall ist die zweithäufigste Todesursache von Kindern und könnte allein durch eine angemessene Sanitärversorgung um mehr als die Hälfte zurückgedrängt werden. Die Hälfte aller Krankenhausbetten in Entwicklungsländern ist mit Patienten belegt, die an wasserbedingten Krankheiten leiden.

Mängel bei der Sanitär- und Wasserversorgung verursachen daher hohe Gesundheitsausgaben, einen enormen Arbeitsausfall und Produktivitätsverluste: Kosten, die sich laut dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen südlich der Sahara auf fünf Prozent der Wirtschaftskraft beziffern lassen. Dies entsprach 2003 rund 28 Milliarden Dollar - das ist mehr als der Kontinent in jenem Jahr an Entwicklungshilfe und Schuldenerlass erhielt. Obwohl das Klischee besagt, Abwasserentsorgung bringe für arme Länder wenig Vorteile und sei ohnehin unbezahlbar, ist es die Untätigkeit, die  sich die Entwicklungsländer nicht leisten können: Investitionen in den Sanitärsektor erzielen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO und des Kinderhilfswerks UNICEF im Durchschnitt einen neunfachen volkswirtschaftlichen Gewinn.

Mangelnde Sanitärversorgung hat nicht allein gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen. Auch ein Leben in Würde ist schlecht möglich, wenn man sich in der Öffentlichkeit "erleichtern" muss oder in einem Viertel lebt, in dem der Gestank von Abwasserkanälen allgegenwärtig ist und Fäkalien die Straße heruntergespült werden. Ein "stilles Örtchen" zu haben bedeutet für Frauen und Mädchen auch Schutz vor sexueller Gewalt. Wenn sie im Dunkeln teils weite Strecken zu entlegenen Stellen laufen, um ihre Notdurft zu verrichten, sind sie Übergriffen ausgesetzt. Für Mädchen, die die Pubertät erreicht haben, sind fehlende, nicht abschließbare oder nicht geschlechtergetrennte Toiletten mitverantwortlich dafür, dass sie in der Schule häufig fehlen oder sie verlassen müssen. Dies ist kaum bekannt, da meistens nur das Schulgeld und die allgemeine Benachteiligung von Frauen als Gründe genannt werden.

Schließlich leidet auch die Umwelt, einschließlich des Wohnumfeldes, darunter, dass weltweit 90 Prozent der Haushaltsabwässer und 70 Prozent der Industrieabwässer ungeklärt in die Umwelt geleitet werden – und damit auch mehr als 200 Millionen Tonnen des "Gefahrguts Fäkalie". Angesichts der steigenden Gefahr von Überflutungen und den damit verbundenen Epidemien infolge des Klimawandels, müssen angemessene Straßenkanalisationen und Kläranlagen geschaffen werden, um wasserbedingten Katastrophen und ihren tödlichen Begleiterscheinungen vorzubeugen.

Zugleich wird das "blaue Gold" vielerorts knapper – sei es durch steigenden Verbrauch oder durch den Klimawandel. Auch deshalb müssen wir hinterfragen, ob  Wasser zum Transport von Fäkalien nicht viel zu kostbar ist. Wo immer sinnvoll, sollten wir andere Ansätze der Sanitärversorgung verwenden, die Wasserverbrauch und -verschmutzung vermeiden und die Möglichkeit bieten, Fäkalien als "Wertstoff" zu nutzen. Im Rahmen des wiederverwertungsorientierten Ansatzes der Sanitärversorgung ("ecosan") werden Fäkalien zu Dünger oder Energie verarbeitet. Damit können Kleinbauern ihre Produktion steigern und auf teuren Kunstdünger verzichten. Familien können mit dem Biogas kochen und sind vom stundenlangen Brennholzsammeln befreit.

Das UN-Jahr für die sanitäre Grundversorgung hat dazu beigetragen, die bestehenden Tabus um dieses Thema zu brechen und Fortschritte in der Sanitärversorgung anzustoßen. Stück für Stück arbeiten UNSGAB und viele andere Institutionen daran, das Thema "Sanitärversorgung" in die Parlamente und in die Arbeitszimmer von Ministern und Staatspräsidenten hineinzutragen und in der Öffentlichkeit zur Sprache zu bringen. Sowohl in Entwicklungsländern als auch in den Industrienationen hat Bildung dabei eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: Das Thema "Toiletten und Abwässer" zu enttabuisieren und einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen.

Website der DGVN zum Internationalen Jahr der Sanitären Grundversorgung


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