BNE-Journal: Armut – Klima – Biologische Vielfalt: Der Norden muss den Konsum einschränken

Springen Sie direkt: zur Hauptnavigation zu zusätzlichen Informationen



BNE-Journal

Online-Magazin "Bildung für nachhaltige Entwicklung"




Armut – Klima – Biologische Vielfalt: Der Norden muss den Konsum einschränken

Von Susanne Gura

BildanfangSusanne GuraBildende

Nicht nur für die Armutsbekämpfung, sondern auch für die biologische Vielfalt bedeuten die Agrarkraftstoffe eine besondere Gefährdung. Zu einem Zeitpunkt, an dem die biologische Vielfalt ohnehin – mit einer Rate von Hundertfachen des Natürlichen – so schnell wie nie zuvor verloren geht, steigt der Anbau von Agrarkraftstoffen stark an und droht, weitere Ökosysteme zu vernichten. Deswegen spielen sie bei den Bonner Verhandlungen im Rahmen der Konvention über Biologische Vielfalt eine solch zentrale Rolle.

Die Agrarkraftstoffe sollten schon einmal, in den 1970er Jahren die fossilen Brennstoffe ablösen, forderte damals die Umweltbewegung. Inzwischen ist die Erde soweit erwärmt, dass die Politik reagieren musste. In vielen Ländern müssen Agrarkraftstoffe in den Tank beigemischt werden. Immer mehr Anbauflächen dienen nun der Transport-Energie anstatt der Ernährung. Steigende Nahrungsmittelpreise treiben in einer Reihe von Entwicklungsländern die Menschen zu Protesten auf die Straße. Die Zahl der Hungernden, die bis 2015 auf die Hälfte verringert werden sollte, steigt so schnell an wie selten zuvor. Immer mehr Land wird "in Kultur genommen", die Wälder Amazoniens und Indonesiens fallen den Agrarkraftstoffen zum Opfer, und dabei wird noch nicht einmal die CO2-Bilanz verbessert. Die Beimischung ist daher in der Kritik. Konsequent forderte im April 2008 die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Heidemarie Wieczorek-Zeul, einen Stopp der Agrarkraftstoffimporte aus Entwicklungsländern, und auch der Präsident des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, schloss solche Verbote nicht mehr aus.

Im Hinblick auf das Aktionsprogramm 2015 der Bundesregierung wäre das ein richtiger Schritt. Das ressortübergreifende Aktionsprogramm 2015 ist das zentrale Instrument der Bundesregierung zur Umsetzung der Millenniumserklärung und den daraus abgeleiteten Millenniumsentwicklungszielen (MDG). Es wurde wenige Monate nach dem Johannesburger Millenniumsgipfel 2002 vom Bundeskabinett beschlossen. Das Programm umfasst zehn Ansatzpunkte, darunter

  • Ziel 2 Das Recht auf Nahrung verwirklichen und Agrarreformen durchführen, und
  • Ziel 6 Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen sichern und eine intakte Umwelt fördern.

Wie ernst nahm die Bundesregierung das Aktionsprogramm, als es um Agrartreibstoffe ging? Der Agrarminister Seehofer hielt die höhere Beimischung für richtig. Neben seiner Forderung nach Rücknahme der Flächenstilllegungen in der EU, mit klarem Ziel, der deutschen Landwirtschaft die lukrative Einnahmequelle auf keinen Fall zu verstopfen, forderte er höhere Ernten im Süden.

Umweltminister Gabriel steckte in der schwierigsten Lage. Er möchte das Klimaziel nicht gefährden, aber dabei helfen ihm Agrarkraftstoffe höchstens dann, wenn kein Land dafür in Kultur genommen wird, sei es Urwald, Pampa, Ödland, – aber genau das passiert. Dennoch zählt jedes Joule, das nicht aus fossilen Energien oder gar aus Atomkraft kommt. Die biologische Vielfalt hat er als Gastgeber der Vereinten Nationen im Mai in Bonn weltweit im Blick zu haben. Und weil die Verhandlungen über Agrarkraftstoffe vom größten Exporteur Brasilien blockiert wurden, handelte Deutschland mit Brasilien kurz vor der Konferenz einen Deal aus, ein deutsch-brasilianisches Agrarkraftstoff-Lieferabkommen. Gabriel stellte klar, dass Brasiliens Ethanolproduktion aus Zuckerrohr nachhaltig ist (noch bevor die EU solche Standards überhaupt ausgearbeitet hat) und Brasilien daher von möglichen Nachhaltigkeitsstandards nichts zu befürchten hätte – ein wichtiger Grund für Brasiliens Blockade im Vorfeld der Bonner CBD-Verhandlungen.

Brasiliens Landarbeitergewerkschaft sieht seit langem gerade in der Ethanolproduktion aus Zuckerrohr einen wichtigen Grund für die anhaltende Armut, denn viele Arbeiter müssen unter sklavenähnlichen Bedingungen leben. Die katholische Kirche Brasiliens betonte, die Herstellung von Ethanol zerstöre die Umwelt in der Amazonas-Region und vermindere die Lebensmittelproduktion. Wenn Brasiliens Umweltministerin Marina Silva ihrem deutschen Amtskollegen Sigmar Gabriel erkläre, dass die Ethanolerzeugung weder zu Lasten des Regenwaldes noch der Nahrungsmittelherstellung gehe, sage sie nicht die Wahrheit. Verschiedene neue Studien belegten eindeutig, dass immer mehr Weideflächen in Amazonien für den Zuckerrohranbau genutzt werden, und durch die Verlagerung der Viehzucht sich illegale Abholzung stark beschleunigt.

Wie entschied sich die Bundesregierung bezüglich eines Importstopps für Agrarkraftstoffe? Am 13. Mai soll Angela Merkel den Liefervertrag in Brasilien unterzeichnen.

Um das Verheizen von Nahrungsmitteln zu umgehen, empfehlen findige Wissenschaftler nicht essbare Pflanzen als Kraftstoffe, in erster Linie den für Mensch und Tier giftigen  Jatropha-Strauch mit seinen ölhaltigen Samen. Sie wüchsen auf Flächen, die sich nicht für den Nahrungspflanzenanbau eignen. Das ist jedoch nur Theorie; in der Praxis hat sich herausgestellt, dass mit vielleicht wenigen Ausnahmen Jatropha auf Flächen angebaut wird, die für Ernährung und Gesundheit der Armen entscheidend wichtig sind.

BildanfangWeltkarte der ökologischen Geber und Nehmer???Großansicht des Bildes???Weltkarte der ökologischen Geber und Nehmer. © Global Footprint NetworkBildende

In Indien sollen durch ein großangelegtes Regierungsprogramm bis zu 11 Millionen Hektar Gemeinschaftsland durch Agrar-Kraftstoff-Plantagen ersetzt werden. Es handelt sich dabei um Flächen, die als "wastelands" bezeichnet werden. Aus der Kolonialzeit stammt diese  ökonomische Kategorie für Land, dass der Kolonial-Regierung keinen direkten Ertrag liefert. Dies ist Gemeinschaftsland, das zwar nicht mit Reis oder Weizen bebaut werden kann, auf dem aber meist eine Vielfalt von Früchten, Nüssen, Medizinalpflanzen und Futterpflanzen für Nutztiere wachsen. Die Welternährungsorganisation FAO weist seit Jahrzehnten darauf hin, dass Weideland und andere nicht bebaute Land-Ressourcen für Ernährung und Gesundheit armer Bevölkerungsschichten sehr wichtig sind. Gerade diese Schichten haben kaum Möglichkeiten, von einer Privatisierung des Gemeinschafts-Landes zu profitieren und Jatropha-Anbau zu betreiben. Jatropha-Plantagen würden die Bevölkerung von ihrem gemeinschaftlich genutzten Land vertreiben, Armut und Hunger wären die Folge. Für die Biologische Vielfalt Indiens wäre diese massive Umwandlung von ganz unterschiedlichen  und wertvollen Ökosystemen ein unwiederbringlicher Verlust.

In Chhattisgarh, dem Jatropha-Vorreiter unter den indischen Bundesstaaten, wurde einigen der größten indischen Unternehmen 200.000 Hektar Land versprochen, und Aneignungen finden bereits statt. Schon 2006 hatten 30 Kleinbauern im Kampf um ihr Land ihr Leben verloren. Die Trägerin des Alternativen Nobelpreises Vandana Shiva kritisierte, dass Kleinbauern unter Androhung von Gefängnisstrafen ihr Reisland für den Jatropha-Anbau übergeben mussten. Auch aus anderen Regionen wurden Verkäufe fruchtbaren Landes an Firmen für den Jatropha-Anbau berichtet. Auch die Konkurrenz um Wasser würde durch den Anbau verschärft, denn mit Bewässerung liefern die Pflanzungen weit höhere Erträge als ohne Bewässerung. Der Jatropha-Anbau wird mit festen Lieferverträgen vorgenommen, so dass Kleinbauern nicht zu anderen Abnehmern wechseln und von den steigenden Preisen profitieren können. Indische Banken stellen großen Agrar-Spritverarbeitern Kredite zur Verfügung, mit denen ganze Bevölkerungsgruppen, wie bereits bei der so genannten Grünen Revolution der 1980er Jahre, in die Verschuldung getrieben werden.

Solche Berichte heben auch das Argument aus den Angeln, dass die Agrarkraftstoffe den Bauern im Süden neue Einkommensquellen erschließen würden. Große Unternehmen wie der weltgrößte Hersteller von Agrarchemie, die Bayer AG und der Agrarverarbeiter Archer Midlands oder der britische Agrarkraftstoff-Konzern D1 beherrschen die Wertschöpfungsketten bei Agrarkraftstoffen. Hier könnte "Business and Biodiversity", also die Bestrebung, die Wirtschaft zu biodiversitätsfreundlichem Handeln zu bewegen, pervertiert werden.

Es scheint also keinen leichten Ausweg über die Landwirtschaft aus dem viel zu hohen Energiekonsum des Nordens zu geben; die Agrarkraftstoffe gefährden in hohem Maß alle drei, Biologische Vielfalt und Armutsbekämpfung, und das Klima. Der durchschnittliche ökologische Fussabdruck – Messgröße für Ressourcenverbrauch – eines Menschen auf der Erde ist bereits jetzt mit 2,2 Hektar viel zu groß. Es stehen pro Person auf der Erde 1,8 Hektar zur Verfügung. Das Nord-Süd-Problem wird am ökologischen Fussabdruck besonders deutlich: Die USA brauchen etwa 9,7 ha, Großbritannien 5,6 ha, Brasilien 2,1 ha, die Volksrepublik China 1,6 ha und Indien 0,7 ha für eine Person.

Der Verlust der Ökosysteme und die Klima-Erwärmung stellen auch den Fleischkonsum des Nordens infrage. In den frühen 1990ern wurde die "Livestock Revolution" eingeleitet, mir der Begründung, dass viele Teile der wachsenden Erdbevölkerung nicht mehr arm seien und mehr tierische Produkte nachfragen würden. Mit viel staatlichen Fördermitteln (oft stammt laut OECD mehr als die Hälfte des Gewinnes aus Subventionen) hat sich die industrielle Tierproduktion trotz massiver Umwelt-, Tierseuchen- und Tierschutzprobleme in fast allen Ländern durchgesetzt: Weltweit werden drei Viertel der Masthühnchen, zwei Drittel der Milch, die Hälfte der Eier, und ein Drittel der Schweine mit industriellen Zuchttieren und auf Kraftfutterbasis produziert. Gleichzeitig ist die biologische Vielfalt bei Nutztierrassen stark gefährdet. Von den einigen Tausend noch existierenden Rassen stirbt pro Monat eine aus.

Die industrielle Tierproduktion steht nun an einem Wendepunkt. Die Konkurrenz zwischen Futter und Nahrungsmitteln ist hier seit Dekaden ein Problem. Land- und Wasserressourcen sind in der Zwischenzeit knapper geworden. Kleinbauern in Paraguay werden von ihrem Land vertrieben, damit Soja für die Tierfabriken angebaut werden kann. Außerdem rufen die Treibhausgasemissionen der Tierproduktion und die steigenden Gesundheitskosten der Fleischdiät nach Veränderung, sowie Tierseuchen und Tierschutzprobleme, die in Qualzucht und Biotechnologie begründet sind. Die weltgrößte medizinische Fachzeitschrift "The Lancet" schlägt als globale Zielgröße eine täglichen Konsum von 90 Gramm Fleisch pro Person vor. Zurzeit liegt der Durchschnitt in Industrieländern bei über 200 Gramm. Die chinesische Stadtbevölkerung hat dieses Ziel bereits erreicht.

In China, wo die Hälfte der Welt-Schweinefleischproduktion stattfindet, wird die industrielle Schweinehaltung massiv gefördert. Es werden sowohl Fabriken mit bis zu 500.000 Masttieren errichtet, als auch Kleinbauern auf industrielle Zuchtlinien, das dann nötige Kraftfutter und entsprechende Veterinärmedizin umgestellt. Durch sich ausbreitende Seuchen verdoppelte sich allerdings der Schweinefleischpreis. Die lokalen Rassen werden meist als Ursache der Krankheiten bekämpft. Sie sind selbst oft resistent, aber verbreiten die Erreger in die immunschwachen Industrieschweine. Nicht nur das traditionelle Schweinefleisch, auch die Milchproduktion erfährt eine intensive Förderung, sodass nirgends auf der Welt der Konsum von Milch so rasch wächst wie in China. Bis vor einigen Jahren wurde dort kaum Milch konsumiert, und Erwachsene hatten meist die Fähigkeit zur Laktoseverdauung verloren. Schulmilchprogramme waren die Grundlage der Veränderung. Gleichzeitig wurden in China traditionelle Hirtenvölker sesshaft gemacht, sie durften nicht mehr ihre Herden über chinesischen Steppen treiben. Auf Satellitenphotos erkennt man die Grenze zwischen China und der Mongolei, denn auf der chinesischen Seite, der Inneren Mongolei, hat sich die ehemals grüne Steppe in braungelbe Wüste verwandelt. In der Mongolei, wo die Mehrheit der Bevölkerung Herden hält, wird die Beweidung der Steppe nicht verboten. Die Politiker, selbst aus Nomadenfamilien, sind dort mit der ökologischen Bedeutung von Tierherden vertraut.

Überweidung wird auch in anderen Ländern als eine Fehldiagnose erkannt – ähnlich wie die Eiweißlücke der sechziger Jahre in der Ernährung der Entwicklungsländer später als Unterversorgung mit energiereicher Nahrung korrigiert wurde. Heute weiß man, dass Nomaden mit ihren Herden dem Regen folgen und die Trockengebiete bestmöglich nutzen. Ihnen geht es nicht um den Ertrag eines einzelnen Tieres, sondern um den Ertrag der Herde und des Weidegebietes. Dass ihre Herden gemischt aus verschiedenen Rassen und Tierarten sind, hat seine Gründe, denn die Vegetation wird besser und nicht einseitig genutzt. Etwas ertragreichere Rassen kommen in besseren Zeiten zum Zuge, während die sehr genügsamen Rassen auch noch in Dürreperioden viele Kilometer laufen und dabei noch kleine Mengen Milch produzieren. Sie alle können die harten Bedingungen der Trockengebiete ertragen, die eine Holsteinkuh kaum wenige Tage überleben würde. Zur Überweidung haben meist Faktoren geführt, die die Nomaden nicht zu verantworten haben: Sesshaftmachung, Ackerbau mit Bewässerung in Weidegebieten, oft auch Naturschutzgebiete, in denen das Weiden verboten wurde. Solche Maßnahmen haben z.B. in Indien zur Halbierung der Zahl der Kamele geführt, obwohl gerade diese Tiere optimal an ihre Umgebung angepasst sind und der Bevölkerung viele Einkommensquellen bieten. Besonders tragisch, wenn in neuen Bewässerungsgebieten wie so oft durch falschen Management dann die Böden degradieren.

In Europa haben Erhaltungsinitiativen und Ökobauern eine nachhaltige Tierproduktion entwickelt. Immer mehr Verbraucher verzichten auf die billigen Mengen Fleisch und kaufen weniger, dafür aber Ökoqualität. Ökobauern haben allerdings praktisch keine für die Freilandhaltung geeigneten Hühnerrassen, sie nutzen die für die Käfighaltung und hohe Kraftfutterverwertung selektierten Zuchtlinien. Weltweit liefern nur noch zwei Firmen (EW Group GmbH aus Deutschland und Hendrixs Genetics aus den Niederlanden) die Genetik für Legehennen, und vier Firmen, darunter die beiden ersteren, züchten Linien für Masthühnchen. Bei Puten kommt zu den beiden ersteren nur noch eine Firma hinzu. Die Anzahl verfügbarer Linien wurde mit der Konzentration der Tierzuchtindustrie drastisch reduziert. In privaten Initiativen wird nun versucht, für den Ökolandbau besser geeignete Hühnerrassen zu entwickeln.

In vielen Entwicklungsländern hat sich die traditionelle Hühnerhaltung erhalten. Sie ist ökonomisch, sozial und ökologisch sinnvoll, rechnete die Weltlandwirtschaftsorganisation FAO vor. Eine Henne in einem thailändischen bäuerlichen Haushalt legt zwar nur 70 Eier pro Jahr und erreicht bei weitem nicht die Legeleistung der Industriehühner von ca. 300 Eiern pro Jahr, aber sie erbringt erstaunliche 700 Prozent Rendite. Die Hälfte der Eier isst die Familie, und nur sieben Küken erreichen das verkaufsfähige Alter. Die Aufzucht kostet praktisch nichts, denn die Hühner vermehren sich von selbst, picken was sie finden und erhalten Reste aus Haushalt und Landwirtschaft. Kein Regenwald fällt für Kraftfutteranbau; Boden, Wasser und Luft werden kaum belastet. 8 Millionen Familien profitieren davon, und die traditionelle Hühnerhaltung erwirtschaftet 5 Prozent des thailändischen Bruttosozialproduktes. Mit den harten Maßnahmen gegen die Vogelgrippe wurden allerdings in Thailand und in vielen anderen Ländern weite Teile der traditionellen Hühnerrassen gekeult, nicht weil sie krank waren, sondern vorsorglich, um die Industrie zu schützen.

Es gibt viele Beispiele für das Zusammenspiel von Armutsbekämpfung und biologischer Vielfalt, und oft ist die Ursache der wachsenden Probleme im Norden zu suchen. Zwar möchte die EU bis 2010 das Artensterben nicht nur deutlich verlangsamen, wie in Johannesburg vereinbart, sondern sogar stoppen. Ob das die EU-Landwirtschaftspolitik wirklich mit trägt, ist mehr als fraglich. Im Dezember 2007 beschloss die EU neue Exportsubventionen für Schweinefleisch, denn der Preis in der EU sank wegen zu hoher Mengen unter die Produktionskosten. In Westafrika wird daher EU-Schweinefleisch ein Drittel billiger verkauft, als das lokale Schweinefleisch, und viele lokale Erzeuger mussten aufgeben – ein Schlag auch für die biologische Vielfalt und die Armutsbekämpfung. Zwei Drittel der 240 Milliarden Euro Agrar-Subventionen der OECD Länder schaden der biologischen Vielfalt, stellt eine neue Studie klar. Der Subventionsabbau, ein Element des Aktionsplans von Johannesburg, kommt kaum voran, denn immer neue Subventionen machen den Abbau wett.

Die genetischen Ressourcen der Erde sind überwiegend in tropischen und subtropischen Entwicklungsländern zu finden. Viele davon werden genutzt und das Wissen über ihre Nutzung wurde von Indigenen  bzw. lokalen Gemeinschaften entwickelt. Daher haben diese Gruppen, anders als in den meisten Konventionen der Vereinten Nationen, in der Konvention über die Biologische Vielfalt besondere Rechte, als Beobachter an den Verhandlungen der Vertragsstaaten teilzunehmen. Dennoch konnten sie nicht verhindern, dass 1992 beim Erdgipfel die nationale Souveränität über genetische Ressourcen vereinbart wurde, die seit 1972 durch das Stockholmer Abkommen als Erbe der Menschheit galten. Die indigenen und lokalen Gemeinschaften wurden damit noch stärker als vorher von der nationalen Politik abhängig, die sich oft gegen indigene Minderheiten richtet. 2007 wurden ihre Rechte gestärkt: Nach mehr als zwei Verhandlungsjahrzehnten wurde die UN-Erklärung der Rechte der Indigenen verabschiedet. Hierin, wie auch im UN-Abkommen über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte von 1966, sind die genetischen Ressourcen und das zugehörige traditionelle Wissen als Errungenschaften dieser Völker anerkannt.

Die Konvention über Biologische Vielfalt baut hierauf auf und schreibt einen gerechten Vorteilsausgleich bei der Nutzung von genetischen Ressourcen eines Staates durch einen anderen fest, gekoppelt mit Regelungen für den Zugang zu genetischen Ressourcen. Zur  Umsetzung von Zugang und Vorteilsausgleich wurden bereits 2002 freiwillige Richtlinien verabschiedet. Dadurch wurden Verstöße gegen die CBD, die unberechtigte Patentierung von genetischen Ressourcen und traditionellem Wissen, jedoch nicht verhindert. Die CBD hat, anders als z.B. das Abkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten CITES oder gar das Welthandelsabkommen der WTO keine Sanktionsmechanismen. Daher mag der Schatz der Natur zwar allen gehören, aber wer ihn privatisiert, bleibt ungestraft. Forderungen, den nationalen Patentrechten einen "Reisepass" für genetische Ressourcen hinzuzufügen, indem der Ursprung des Genmaterials zertifiziert wird, waren bisher wenig erfolgreich. Patente auf genetische Ressourcen und traditionelles Wissen ganz zu verbieten, ist schon seit Jahrzehnten eine Forderung nicht nur von Vertretern der Indigenen und lokalen Gemeinschaften. Bei bilateralen Freihandelsabkommen zwischen Nord und Süd muss der Süden hierbei regelmäßig Zugeständnisse machen und sein Patentrecht immer weiter den Rechtssystemen der OECD-Länder anpassen. Auf den gerechten Vorteilsausgleich als Mittel der Armutsbekämpfung zu setzen, verbietet sich angesichts der durchaus vorhandenen Beispiele. Die lokalen Gemeinschaften und Indigenen hatten aus entsprechenden Verträgen nur geringe Einnahmen.

Im Süden befindet sich die größte Biologische Vielfalt, zum einen, und der Norden ist auf ihre Erhaltung angewiesen. Zum anderen findet die Produktion der Nahrungsmittel und jetzt auch der Energiepflanzen für den Norden großenteils im Süden statt. Aus dieser neuen Schulden- und Kreditdiskussion könnten sich neue Verhandlungspositionen in Fragen von Klima, Biologischer Vielfalt und Armutsbekämpfung ergeben. Die selbstbewusste Haltung Brasiliens bei der Blockade der Agrartreibstoff-Frage in der Konvention über Biologische Vielfalt deutet darauf hin.


Springen Sie direkt: zur Hauptnavigation zum Seitenanfang