BNE-Journal: Gespräch mit Ivan Nogales

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BNE-Journal

Online-Magazin "Bildung für nachhaltige Entwicklung"




Gespräch mit Ivan Nogales

Ralf Classen sprach mit  Ivan Nogales

BildanfangIvan Nogales © Büro für Kultur- und MedienprojekteBildende

Classen: Herr Nogales, die Vereinten Nationen haben für die Jahre 2005-2014 die UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" ausgerufen, die in Deutschland sehr engagiert umgesetzt wird. Ist die Dekade in Bolivien auch bekannt? Wird darüber diskutiert?

Nogales: Wenn die Länder der sogenannten "Ersten Welt", die neben dem politischen auch das ökonomische Geschehen und die Entwicklung auf dieser Welt bestimmen, einen Stein ins Wasser werfen, dann kommen bei uns die Wellen an. Aber klar, dass die Nichtregierungsorganisationen (NRO), die Stiftungen und die großen Basisorganisationen in Bolivien über die UN-Dekade und vor allem auch über nachhaltige Entwicklung diskutieren. Dabei geht es nicht in erster Linie um die UN-Dekade selbst, sondern zunächst vor allem um die Themen "Interkulturalität" und "nachhaltige Entwicklung". In der bolivianischen Gesellschaft haben wir mit der Diskussion dieser Themen begonnen. Es finden Aktionen statt, man versucht Prozesse bei den verschiedenen Netzwerken und Organisationen in Gang zu setzen, die Themen in der Gesellschaft zu verankern. Wir als COMPA (Genossenschaft der Kunstproduzenten) sind Teil dieser Netzwerke.

Classen: Ein formales Netzwerk für die UN-Weltdekade gibt es aber nicht? Sind Ihre Aktivitäten als Teil der Dekade zu verstehen, oder sind sie lediglich am Thema orientiert? Wie steht die bolivianische Regierung dazu?

Nogales: Ich glaube, dass die Diskussion dieser Themen vor allem durch die internationalen Kooperationen der NRO und Stiftungen vorangetrieben wird. Wir als COMPA sind z. B. Mitglied in dem lateinamerikanischen Netzwerk der Avina-Stiftung, bei dem Interkulturalität und nachhaltige Entwicklung – neben einer Vielzahl anderer Themen – diskutiert werden. Die alte und die neue Regierung haben das Thema in Zusammenarbeit mit der dänischen Regierung aufgegriffen und diskutieren es sehr intensiv, aber eben auf einer sehr allgemeinen Ebene. Die praktische Arbeit dagegen wird von den Organisationen und Netzwerken geleistet.

BildanfangDas Kulturzentrum "Compa" an der "Calle de Cultura"???Großansicht des Bildes???Das Kulturzentrum "Compa" an der "Calle de Cultura" © Ivan Nogales, COMPABildende

Classen: Wie arbeiten Sie bei COMPA zu diesen Themen?

Nogales: Die zentrale Achse ist die Initiierung und Unterstützung von Kunst in Stadtteilen, in der Nachbarschaft, in Schulen. Kunst ist dabei der Ausgangspunkt für Diskussionen, aber auch für daraus folgende Handlungen. Eines unser zentralen Themen ist "nachhaltige Entwicklung". Das Thema "Interkulturalität" steht dem aber in nichts nach. Interkulturalität zum Beispiel führt bei uns in Bolivien sofort zu den allgegenwärtigen Fragen nach Diskriminierung, Akzeptanz des anderen, wie können wir Kunstschaffende damit umgehen, wie können wir die Diskussionen vertiefen? Wie können wir in unserer Gesellschaft zur Toleranz beitragen?

Classen: Sind denn dies auch Themen der Regierung Evo Morales? Waren sie auch bei der vorherigen Regierung schon im Blick?

Nogales: Das war eigentlich auch schon bei der letzten Regierung der Fall. Die jetzige Regierung greift aber Themen wie "nachhaltige Entwicklung", "Interkulturalität" anders auf, es ist ein demokratischerer Diskussionsprozess.

Classen: Sie haben über "Interkulturalität" gesprochen. Hier in Deutschland ist "kulturelle Vielfalt" das Schwerpunktthema der UN-Dekade 2007. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, steht das Thema "Interkulturalität" im Vordergrund, weil es in Ihrem Land eine Vielzahl von Kulturen gibt?

Nogales: In Bolivien gibt es knapp vierzig verschiedene Ethnien. Einige – besonders in den Anden – sind sehr klein, andere wie die Aymara, die Quechua, die Guaraní eher groß. Was bei uns diskutiert wird, ist die Frage: Was ist eigentlich mit den Mestizen? Man muss sich vorstellen, dass unser Land seit mehr als 500 Jahren unter kolonialen Vorzeichen stand und letztlich von einer "weißen" Oligarchie regiert wurde. Jetzt haben wir einen Präsidenten indigener Abstammung. Das erste Mal also, dass nach 500 Jahren die indigenen Völker unseres Landes in der Regierung repräsentiert sind. Dabei will Evo Morales das Land nicht komplett umkrempeln. Aber die Regierung stellt viele Fragen. Durch seine Abstammung ist er für viele ein Vertreter des gesamten Volkes. In unserer Geschichte ist das ein enormer Fortschritt, der zudem die Diskussion um kulturelle Vielfalt und Interkulturalität vorantreibt. Wie wichtig und grundlegend in unserem Land die Debatten um Indigenas, Weiße und Mestizen sind, kann man vielleicht daran erkennen, dass sich die "weiße" Oligarchie jetzt zum Opfer macht, indem sie davon spricht, dass Morales eine Aymara zentrierte Herrschaft ausübt, die sie diskriminiert. Solche Vorwürfe sind natürlich absurd, sie machen aber deutlich, wie intensiv die Diskussion in unserem Land geführt wird, und dass wir nahezu täglich damit konfrontiert werden.

BildanfangSzene aus "Domitilas Träume" vom "Teatro Trono"???Großansicht des Bildes???Szene aus "Domitilas Träume" vom "Teatro Trono" © Teatro TronoBildende

Classen: Sind kulturelle Vielfalt und Rassismus Thema in der Schule?

Nogales: Die Regierung hat im Rahmen der Schulreformen darauf bestanden, Aymara als offizielle Unterrichtssprache einzuführen. Das hat zum Vorwurf geführt, die Regierung wolle das Land auseinander dividieren. Dabei ist doch eine der wichtigen Fragen in der Erziehung, in welcher Sprache ich lernen kann. Gerade im Primarbereich ist es für die Kinder viel einfacher die Grundlagen in ihrer Muttersprache zu lernen, sei es nun Aymara oder Quetchua. Danach kann in den weiterführenden Schulen Spanisch gelernt werden. Obwohl Spanisch die offizielle Sprache unseres Landes ist, ist sie für die meisten eher eine Fremdsprache. Es geht nicht darum, das Spanische grundlegend abzulehnen, aber es ist entscheidend, die Sprache in Bolivien von kolonialen Begrifflichkeiten zu befreien. Wenn uns das gelingt, kann im Primarbereich durchaus in zwei Sprachen unterrichtet werden.

Im Moment wird diskutiert, ob in unserer Verfassung verankert werden soll, dass wir ein interkulturelles Land sind, ein Staat mit vielen Völkern unterschiedlicher Herkunft. Das wiederum wird von einigen so dargestellt, als sei dies die Aufteilung des Staates. Dabei besagt der Entwurf nichts anderes, als dass alle Ethnien oder Völker gleichberechtigte Teile unseres Landes sind.

Classen: Wie greifen Sie diese Themen in der Theaterarbeit mit Jugendlichen auf?

Nogales: Wir gehen mit diesen Themen sehr vorsichtig um. Angefangen haben wir mit der schlichten Fragestellung "wir" und "die anderen". Das, was wir in unseren Stücken machen und was den Leuten auf der Straße gefällt (da spielen wir ja in der Regel unsere Stücke) ist, dass sie Elemente verschiedener Kulturen unseres Landes wieder finden. Die Szenen repräsentieren also die kulturelle Vielfalt unseres Landes. Das spiegelt sich in unseren Stücken, der Musik, den Kostümen, den Masken, der Gestik wider.

Da das Teatro Trono sehr viel im Land reist, saugen die jungen Schauspieler förmlich Elemente der verschiedenen Kulturen auf. Man kann durchaus sagen, dass wir die Interkulturalität unseres Landes darstellen.

Classen: Sie haben in Bolivien einen "Teatro-Camion", einen als mobile Theaterbühne umgebauten Truck, mit dem die Theatergruppen von COMPA durchs ganze Land reisen. Praktizieren Sie auf diese Weise so etwas wie "informelle Erziehung"?

Nogales: Wir betrachten unsere Arbeit grundsätzlich als erzieherische Arbeit auf der Basis eines künstlerischen Ansatzes. Wir sind dabei nicht Lehrer, sondern Künstler. Wir "arbeiten" nicht in der Schule sondern auf der Straße. Wir inszenieren eigentlich weniger, als dass wir die Vielfalt der Kulturen unseres Landes sammeln. Wenn wir unsere Stücke entwickeln, sind wir Trichter und Filter zugleich. Wir ermöglichen Menschen den Zugang zur Vielfalt der Kulturen unseres Landes. Wir haben uns in den letzten fünf Jahren zu einem Volkstheater entwickelt, dass abseits der Schulen erzieherisch durch Kunst wirkt.

Classen: Sie zeigen heute Stücke über die Privatisierung des Wassers und über den Welthandel. Produktionen, die vor allem im informellen Bildungsbereich wirken. Vor einigen Jahren haben Sie aber auch speziell Stücke für den Primarbereich in Schulen inszeniert. Gibt es diese Kooperation mit Schulen noch?

BildanfangTheaterszene aus "Teatro Trono"???Großansicht des Bildes???Theaterszene aus "Teatro Trono" © Teatro TronoBildende

Nogales: Ja sicher, diese Kooperationen sind in den letzten Jahren sogar verstärkt in die Lehrerfortbildung aufgenommen worden. Damals haben wir für die Primarschulen kleine Szenen zum Thema "Abfall" entwickelt. Damit sind wir durch das ganze Land gereist und haben in den Primarschulen Aufführungen gemacht. Später hat uns dann der größte Verlag des Landes angesprochen, um diese Stücke in ein Schulbuch zu integrieren, das heute an allen Primarschulen des Landes genutzt wird.

Heute ist unsere Arbeit eng mit den Schulen in El Alto verbunden. Unser Kulturzentrum und die "Calle de la Cultura" ("Kulturstraße") sind in ganz El Alto bekannt und stehen für die Möglichkeit, Kunst mit nachhaltiger Entwicklung zu verbinden. Wir arbeiten mit Schulen in unserer Umgebung. Immer mehr Schulklassen kommen in unser Zentrum. Im Keller haben wir das Museum der "Mineros" eingerichtet, in dem wir die Geschichte der Minenarbeiter aufarbeiten. In den letzten Jahren sind nämlich sehr viele entlassene Mineros mit ihren Familien nach El Alto gezogen. In dem Museum arbeiten wir mit Schulklassen in Rollenspielen, mit Theaterszenen, stellen kleinen Aufgaben, um die harte Arbeit der Mineros und ihre Lebensbedingungen nachvollziehbar zu machen.

Im Eingang des "Museums" hängen Fotos von bekannten Indigenas und von berühmten (westlichen) Menschen: Michael Jackson, Shakira, Eminem usw. Zu Beginn des Rundgangs werden die Kinder gefragt, wer sie denn einmal sein möchten. Fast alle haben westliche Idole. Ein Indio zu sein, ist ihnen offensichtlich unvorstellbar.

Im Rahmen des Projektes schlüpfen sie dann in die Rollen von Gewerkschaftern, organisieren Streiks, protestieren, solidarisieren und umarmen sich... Wenn sie hinausgehen, stellen wir ihnen noch mal die gleiche Frage: "Wer von den abgebildeten Personen möchtet Ihr gerne sein?" Und es ist unglaublich: mehr als 90 Prozent wollen nach den 30-40 Minuten im Museum eine der indigenen Persönlichkeiten sein.

Classen: Wenn man bei uns mit solchen Projekten und Themen erfolgreich sein will, muss man einen langen Atem und vor allem genau die richtigen und engagierten Lehrer kennen. Die Kooperation mit Schulen ist oft sehr kompliziert. Bei Ihnen klingt das alles so einfach?

Nogales: Bei uns ist das ähnlich kompliziert. Wir arbeiten grundsätzlich auf drei Ebenen: Einzelpersonen, Familie, Gemeinschaft. Im Kulturzentrum erreichen wir die Kinder und können sie meist mit unseren Angeboten begeistern, sehen wie sie sich weiter entwickeln. Über die Kinder und Jugendlichen erreichen wir die Familien, die uns zunächst sehr reserviert gegenüber stehen: Was wollen die da? Wozu soll das gut sein? Im Laufe der Jahre haben wir uns aber mit unserer Arbeit – auch mit den Reisen nach Europa und in die USA – ein gewisses Ansehen in unserem Stadtteil erarbeitet. Das hat uns auch in anderen Stadteilen bekannt werden lassen. Inzwischen kommen – wegen dieser Bekanntheit und Akzeptanz Lehrer sogar aus den ländlichen Gebieten auf uns zu, um mit uns zusammen zu arbeiten. Und die jungen Künstler aus unserem Projekt sind mit ihren 17, 18 Jahren dermaßen gut in der künstlerischen Arbeit, dass sie ohne Probleme Lehrer fortbilden und unterstützen können.


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