BNE-Journal: Nachhaltigkeit und Entwicklung aus der Sicht der Kulturpolitik

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Online-Magazin "Bildung für nachhaltige Entwicklung"




Nachhaltigkeit und Entwicklung aus der Sicht der Kulturpolitik

Von Max Fuchs

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Seit Mai diesen Jahres ist das "UNESCO-Übereinkommen über Schutz und Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen", kurz: "Konvention zur kulturellen Vielfalt" in Kraft. Auch Deutschland hat diese Konvention ratifiziert, so dass nunmehr ansteht, das Abkommen mit Leben zu füllen. Das bedeutet, dass sich in nächster Zeit die öffentliche Seite von den Einrichtungen über die kommunale, Landes- bis hin zur Bundesebene überlegen muss, was denn "kulturelle Vielfalt" jeweils bedeutet und ob die vorhandenen politischen Instrumente ausreichen, um der Verpflichtung zu ihrem Schutz und ihrer Förderung Genüge zu tun. Aber auch die nichtstaatliche Seite, die zivilgesellschaftlichen Organisationen, die gemeinnützigen Kultureinrichtungen, die Vereine und Verbände müssen dies für sich und die eigene Arbeit überprüfen.

Was hat diese Aufzählung anstehender Hausaufgaben mit dem Thema dieses Beitrages, also mit Nachhaltigkeit und Entwicklung zu tun? Mann kann diese Frage auf unterschiedlichen Ebenen beantworten. Die vielleicht unattraktivste Antwort besteht darin, dass das genannte Übereinkommen so präzise wie kein anderes den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Leitbildern der Nachhaltigkeit, der Entwicklung und der Vielfalt herstellt. Dies betrifft nicht nur die Präambel und die ersten Artikel der Konvention, in denen alle genannten Begriffe und Ziele miteinander aufs engste verbunden werden. Es betrifft auch ganz konkrete Forderungen, die die Konvention aufstellt. Es wird etwa eine große Sensibilität für die Nord-Süd-Verhältnisse im Kulturbereich und vor allem in der Kulturwirtschaft gefordert und es wird sogar die Errichtung eines speziellen Fonds vorgesehen (Art. 14f. Vorzugbehandlung für Entwicklungsländer). Artikel 13 schreibt zudem die "Integration der Kultur in die nachhaltige Entwicklung" explizit vor.

Nun ist das zunächst einmal nur die juristische Seite und Papier, so weiß man, ist geduldig. Praktisch bedeutet es, dass eine Politik der Nachhaltigkeit, dass ökologische Fragen, dass Entwicklungs- und Kulturpolitik sehr viel enger zusammenrücken müssen als bisher geschehen. Damit dies realisiert wird, muss sich eine Menge ändern, denn eine solche institutionalisierte Zusammenarbeit gibt es noch nicht. Eher kann es vorkommen, dass immer noch Einrichtungen der Kultur- oder Entwicklungszusammenarbeit miteinander konkurrieren.

Auf der Ebene der großen Konferenzen und internationalen Verlautbarungen sind dabei Fortschritte oft leichter zu erzielen: "Kultur und Entwicklung" war das Motto einer UN-Weltdekade am Ende des letzten Jahrhunderts, in Johannesburg wurde Kultur in die offiziellen Dokumente zu einer Politik der Nachhaltigkeit aufgenommen und umgekehrt ist "Nachhaltigkeit" inzwischen gängiger Legitimationsbegriff für jedes Kulturprojekt. Diese politische und juristische Ebene ist sicherlich nicht unwichtig, da sie Prozesse in der Praxis bremsen oder beschleunigen kann. Nur: Von alleine wird sich diese Praxis nicht ändern. Aber auch hier gibt es Fortschritte. Im Kulturbereich befasst man sich z. B. mit Themen der Nachhaltigkeit und Entwicklung seit vielen Jahren. Ebenso nutzen viele Projekte aus diesen Feldern kulturpädagogische und künstlerische Methoden erfolgreich für ihre eigene Arbeit.

Denn letztlich laufen alle diese Angebote bei dem einzelnen Menschen zusammen, der eben nicht sauber nach politischen Zuständigkeiten oder fachlichen Kontexten aufgeteilt werden kann. "Bildung" hat etwas damit zu tun, sein Leben sinnvoll zu gestalten. Dies gelingt nicht, ohne die Auswirkungen der eigenen Lebensweise für die Zukunft zu reflektieren oder ohne sich selbst im Kontext von Menschen in anderen Bereichen der Welt zu sehen. Man kann es deutlich so formulieren: "Bildung ist entweder nachhaltig und sensibel für andere – oder es ist keine." Dies wäre also die Situation: Auf der politischen und juristischen Ebene sind Weichen für eine integrative Sicht der Herausforderungen gestellt. Auf der Ebene der Bildungstheorie fließen ebenfalls die unterschiedlichen Aspekte zusammen. Wo also sollte es dann noch Hindernisse geben?

Ein erstes Hindernis besteht darin, dass es durchaus zwischen den zentralen Zielen, die in der Kulturpolitik formuliert werden, Konkurrenzen gibt. So ist die nachhaltige (!) Pflege des Kulturerbes eine durchaus kostenträchtige Angelegenheit. Welche Folgen dies für die gesamte Infrastruktur einer Region haben kann, sieht man zurzeit an dem unseligen Streit über die Waldschlösschenbrücke in Dresden. Die Konvention zur kulturellen Vielfalt verpflichtet uns nun dazu, unseren Blick auf Minderheitenkulturen zu schärfen. Gleichzeitig gibt es die Aufgabe, neue künstlerische Ausdrucksformen zu unterstützen und Künstler entsprechend zu fördern. Es wird also bei der Frage der Verteilung der Mittel durchaus möglich sein, dass diese nicht harmonisch und konfliktfrei verläuft. Ein zweites Problem stellt sich nunmehr – auch auf der Basis der Konvention – verschärft: Die Frage nach der Vielfalt der Kulturen im Hinblick auf die vielen ethnischen Gruppen in der Bevölkerung. Hier verbindet sich der ohnehin schon komplexe Diskurs über Vielfalt, Nachhaltigkeit und Entwicklung mit dem gesellschaftlichen Problem der Integration. Die Kulturpolitik und die Kultureinrichtungen haben nämlich bei der Frage der Erreichbarkeit aller gesellschaftlicher Gruppen noch erhebliche Probleme. Und diese Probleme sind keineswegs harmlos, denn immerhin geht es um das Menschenrecht auf kulturelle Teilhabe. Die Konvention verstärkt die Ansprüche auf Teilhabe aller. Doch was heißt dies ganz konkret für eine einzelne Kultureinrichtung, deren Publikum, für deren Personal, deren Programm? So leicht sich also der systematische Zusammenhang der großen gesellschaftlichen Leitbilder auf der Ebene der Theorie oder der Konventionen herstellen lässt, so schwierig ist es, dies angemessen in der praktischen Kulturpolitik, in der Kulturförderung und in der Gestaltung kultureller Angebote umzusetzen.

Immerhin ist auf allen Ebenen vieles in Bewegung gekommen. Kommunen legen in wachsender Zahl Aktionspläne vor, in denen Fragen der Integration, der Vielfalt und Nachhaltigkeit gleichermaßen berücksichtigt werden und natürlich gibt es auf der praktischen Ebene viele gute Projekte, von denen man lernen kann. So hat die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung kürzlich viele schöne Praxisbeispiele dokumentiert ("Kulturelle Vielfalt leben lernen", Remscheid 2006), die die vorhandene Vielfalt der Kulturen im eigenen Land produktiv für eine spannende Projekt-Zusammenarbeit nutzt. Das Spektrum reicht von HipHop bis zum Theater, von interkulturellen Gärten bis zum Zirkus.

Doch nach wie vor gibt es einiges zu lernen für die Profis. Denn nach wie vor ist die Unsicherheit auch in konzeptioneller Hinsicht groß. Was heißt es etwa für die kulturelle Praxis, wenn in der Politik über "Leitkultur" debattiert wird? Was heißt eigentlich Integration, wie viel Gemeinsames ist nötig, wie viel Unterschied hält die Gesellschaft aus? Wie funktioniert eine "Politik der Anerkennung", und wie groß muss die Toleranz gegenüber Fremdem sein, ohne in einen Kulturrelativismus abzugleiten? Viele Fragen also, bei denen zumindest optimistisch stimmt, dass einfache Antworten zunehmend verpönt sind. Kulturarbeit hat hierbei wiederum die spezifische Chance, spielerisch unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten auszuloten, behutsam Lernprozesse in Gang zu setzen und durchaus auch ein Misslingen von Idee riskieren zu dürfen.


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